Kuba
«Keine Angst vor Diskussionen!»

Barack Obama warb für Dialog, aber betonte, er wolle den Kubanern «nichts aufdrängen».

Sandra Weiss
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März 2016: Obama besucht Kuba und kommt per TV in die guten Stube - die Kubaner mögen den US-Präsidenten.

März 2016: Obama besucht Kuba und kommt per TV in die guten Stube - die Kubaner mögen den US-Präsidenten.

KEYSTONE

US-Präsident Barack Obama hat die Kubaner aufgefordert, den Kalten Krieg zu begraben und gemeinsam in die Zukunft zu blicken. In einer von den Staatsmedien direkt übertragenen Rede im Gran Teatro von Havanna machte Obama am Dienstag auch deutlich, dass er Demokratie und Menschenrechte für unerlässlich hält, um Differenzen friedfertig zu diskutieren und gesellschaftlichen Fortschritt zu erstreiten. Er forderte die kubanische Führung auf, keine Angst vor Diskussionen zu haben und betonte, jeder Mensch müsse das Recht haben, seine Regierung frei zu wählen. Zugleich lobte er die sozialistischen Errungenschaften in Medizin und Bildung und bezeichnete das US-Embargo als anachronistisch und schädlich.

Obama in Havanna
11 Bilder
Obama winkt bei der Ankunft bei der Kathedrale von Havanna seinen Fans zu.
Obama und seine Töchter Malia und Sasha.
Der verblichene Glanz von Revolutions-Legende Che Guevara.
Verwandte des Tampa Bay Rays-Spielers Dayron Varona, der aus Kuba stammt, sehen ihn zum ersten Mal sei drei Jahren.
Freude im sozialistischen Kuba.
Obama mit seiner Frau Michelle und deren Mutter Marian Robinson auf einer Tour im alten Havanna.
Das Präsidentenpaar trifft Kardinal Jaime Ortega in der Kathedrale von Havanna.
Alle wollen den Präsidenten sehen.
Nach 88 Jahren betritt erstmals ein US-Präsident kubanischen Boden.
Havanna wartet auf das Grossereignis.

Obama in Havanna

Keystone

Auch Castro klatschte

Am Ende seiner Rede, in der Obama mehrfach spanische Redewendungen benützte, erhielt er stehenden Beifall, auch von der anwesenden Parteiführung unter der Leitung von Staatschef Raúl Castro, der während der Rede keine Miene verzogen hatte. Eine offizielle Reaktion wurde zunächst nicht bekannt. Castro hatte am Vortag im Gegensatz zu Obama die vielen Differenzen betont, die Aufhebung des Embargos und die Auflösung der US-Militärbasis von Guantánamos gefordert. In der kubanischen Führung ist das Misstrauen gegenüber dem ehemaligen Staatsfeind gross.

Anschliessend traf sich Obama in der US-Botschaft mit Dissidenten und lobte bei der Begrüssung den Mut der Regimegegner. Alle Seiten direkt anzuhören sei ein Ziel der Normalisierung. Das weitere Treffen, an dem herausragende Vertreter wie Elizardo Sánchez von der Kommission für Menschenrechte und Versöhnung sowie Berta Soler von den «Damen in Weiss» teilnahmen, fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zuvor hatte es Befürchtungen gegeben, weil die kubanische Staatssicherheit in den vergangenen Tagen Demonstrationen aufgelöst und Kritiker unter Hausarrest gestellt hatte. Am Nachmittag wollte Obama zusammen mit Castro einem Baseball-Freundschaftsspiel beiwohnen.

Er habe keine Angst vor Meinungsverschiedenheiten, sagte Obama. Ein Dialog bringe alle voran. Über weite Strecken appellierte Obama direkt an die Bevölkerung, erzählte von der schmerzhaften Trennung der Familien im Exil und erklärte, die Hoffnung liege auf den Schultern der jungen Leute. Er bezeichnete sie als die grosse Stärke des Landes und erzählte von seinem Treffen mit Jungunternehmern am Tag vorher, deren Talent und Erfindergeist ihn beeindruckt habe. «Wohlstand hängt von Bildung, Gesundheit und Umweltschutz ab», würdigte Obama die kubanische Politik, «aber auch von freiem Zugang zur Information und Austausch von unterschiedlichen Standpunkten.» Die Zukunft liege in den Händen der Kubaner, betonte er erneut. «Wir haben weder das Potenzial noch die Absicht, unser politisches System den Kubanern aufzudrängen.» Dennoch sei er fest davon überzeugt, dass jeder Bürger das Recht habe, seine Regierung zu kritisieren, seine Religion auszuüben und seine Regierung über freie und demokratische Wahlen zu bestimmen.

«Ein mutiger Mann»

In der Bevölkerung fand die Ansprache ersten Reaktionen zufolge grossen Anklang. «Ein mutiger Mann», sagte die Rentnerin Delsi, die vom Schaukelstuhl aus die TV-Übertragung verfolgte, der Nachrichtenagentur AP. In Kuba ist die Popularität Obamas auch in seinem letzten Amtsjahr ungebrochen. Während seines Staatsbesuchs harrten tausende Kubaner oft stundenlang an den Absperrgittern in Havannas Altstadt aus, um einen Blick auf den US-Präsidenten zu erhaschen.

Zu den offiziellen Terminen waren hauptsächlich Staatsfunktionäre und der Führung nahestehende Persönlichkeiten aus Kultur und Sport geladen. Obama und vor allem auch seine mitreisende Ehefrau Michelle und die beiden Töchter suchten allerdings immer wieder direkten Kontakt mit der Bevölkerung, sei es bei seinem Abendessen in einem Privatrestaurant, bei Gesprächen mit Künstlern oder bei einem von der US-Botschaft organisierten Treffen mit privaten Kleinunternehmern.

Hoffen auf Zivilgesellschaft

Die Zivilgesellschaft ist nach Auffassung der US-Strategen der wichtigste Akteur des Wandels auf Kuba. Ein weiteres Schlüsselelement ist der Zugang zu Information und der Ausbau des Internets. Weniger als 15 Prozent aller Kubaner haben Zugang zum Internet; zahlreiche Websites sind staatlich zensiert. Konzerne wie google und A&T wollen investieren und sind derzeit in Verhandlungen mit Kuba.

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