Japan
Katastrophe in Japan: «Das droht schlimmer auszugehen als Tschernobyl»

Die Betreibergesellschaft, bis heute einzige Informationsquelle zur Lage im Katastrophenkraftwerk Fukushima I, besitzt kaum noch Glaubwürdigkeit. In Reaktor 3 brechen immer wieder Feuer aus.

Michael Küng
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Japans atomare Katastrophe gerät mehr und mehr ausser Kontrolle
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Ein weiteres aktuelles Bild zeigt zumindest das oberflächliche Ausmass der Verwüstungen in Fukushima I
 Die Überbleibsel von Reaktor 4 heute Mittwoch. Im Hintergrund steigt aus Reaktor 3 weisser Rauch auf.
Die Lage gerät ausser Kontrolle Vier der sechs Reaktorenblocks sind inzwischen stark beschädigt, die Verstrahlung des Gebiets bringt immer wieder neue Höchstwerte. (Satellitenbild: DigitalGlobe)
 Pakete mit Milchpulver gehen zur Zeit besonders gut weg.
 Zeitung lesen, heute Mittwoch in Otsuchi.
Wiedervereinigt Zwei Frauen finden sich wieder in Onagawa.
Verendet In Hawaiianischen Atollen sind im Tsunami tausende Seevögel verendet, melden die Tierschutzbehörden.
 Überlebende Vögel auf der Sand Island nahe den Hawaiianischen Inseln.
 Eine Frau findet in einer Notunterkunft ein stilles Plätzchen, um mit dem Handy Bekannte zu kontaktieren.
Garstiges Wetter Nachdem die Temperaturen in den Minusbereich abgerutscht sind, haben die Japaner zu allem Unglück nun auch noch mit Schnee zu kämpfen.
 Dieses Archivfoto aus dem September zeigt einen Arbeiter in Fukushima I.
Nahrungsengpässe Weil an grossen Teilen der japanischen Küste an ein Andlegen mit Frachtschiffen nicht zu denken ist, sinken die Nahrungsmittellieferungen merklich ab.
 Aufräumarbeiten in Ofunato.

Japans atomare Katastrophe gerät mehr und mehr ausser Kontrolle

Keystone

Die Lage um das Katastrophen-Kraftwerk Fukushima I wird weltweit als dramatisch beurteilt. Genaue Informationen über die Entwicklung im Kraftwerk sind am Mittwoch rarer geworden. Die Betreibergesellschaft verliert indessen immer mehr Glaubwürdigkeit.

Tepco im Kreuzfeuer der Kritik

Nachdem sich der japanische Premierminister noch am Dienstag öffentlich über deren Informationspolitik aufgeregt hatte – die Regierung hatte von einer Explosion über das Fernsehen erfahren, erst eine Stunde nach den Geschehnissen trudelte ein entsprechender Bericht der Tepco im Büro des Premierministers ein – musste eine Löschaktion mit Helikoptern im letzten Moment wegen viel zu hoher Strahlungswerten abgebrochen werden.

Zuvor bezeichnete die Tepco die Mission als vollkommen unproblematisch. Verhindert werden konnte die Verstrahlung der Piloten nur deshalb, weil ein mit Messinstrumenten ausgerüsteter Helikopter mitgeflogen ist. Der viertgrösste Energiekonzern der Welt hat eine lange Vorgeschichte die von gefälschten Berichten über verschlampte Inspektionen bis zu vertuschten Unfällen reicht (az berichtete).

Kern von Reaktor 3 intakt

Grosse Sorgen bereitete in den vergangenen zwei Tagen der Reaktor 3, nachdem immer wieder Feuer im Gebäude ausgebrochen sind. Nun konnte dort zumindest teilweise Entwarnung gegeben werden: Befürchtungen wonach der Reaktorkern beschädigt ist, bestätigten sich – gemäss Tepco – nicht.

Stattdessen wird davon ausgegangen, dass die Feuer von zwar abgebrannten, aber immer noch relativ heissen Brennstäben ausgehen. Weil sie teilweise aus dem Kühlwasser ragen, kommen sie mit der Atmosphäre in Kontakt. Dabei entwickelt sich hochentzündlicher Wasserstoff. Die Brennstäbe liegen nicht im Reaktorkern, wo ein Feuer dramatische Folgen hätte, sondern im für sie eingerichteten Kühlbecken.

Mit allerlei Massnahmen versuchen die Einsatzkräfte, die Wasserpegel in den Kühlbecken möglichst hoch zu halten. So haben sie nach dem gescheiterten Helikopterversuch begonnen, mit Wasserwerferfahrzeugen der Polizei Wasser in die offenliegenden Kühlbecken zu spritzen.

Unzählige Erdbeben erschweren Arbeiten an den Reaktoren

Strahlenkrankheit

Die Auswirkungen atomarer Bestrahlung sind nur schlecht erforscht, da es keine wissenschaftliche Experimente dazu gibt. Die heutigen Annahmen beruhen auf Auswertungen der Erfahrungen von Opfern von Atombomben und Unfällen in Atomkraftwerken. Daher weichen die Skalen je nach Quelle ein wenig voneinander ab.

Nach Auftreten von Anfangssymptomen tritt eine je nach schwere der Verstrahlung verschieden lang dauernde Erholungsphase ein, die «Walking Ghost Syndrom» (Laufender Geist Syndrom) genannt wird. Danach verschlechtert sich der Gesundheitszustand rapide.

Bis 500 Millisievert:
Reduzierung der roten Blutkörperchen, mögliche Spätfolgen sind Krebs und die Veränderung des Erbguts.
Bis 1 Sievert:
Ein «Strahlenkater» kann beim Mann eine vorübergehende Impotenz auslösen. Vorübergehende Kopfschmerzen und ein geschwächtes Immunsystem sind weitere Folgen.
Bis 2 Sievert:
Zehn Prozent der Opfer sterben innert einem Monat. Zu vorherigen Symptomen kommen Ermüdung und Appetitlosigkeit.
Bis 3 Sievert:
Jeder Dritte überlebt diese Dosis nicht. Frauen werden sterilisiert, die Genesung dauert mehrere Monate.
Bis 4 Sievert:
Jeder Zweite stirbt binnen dreissig Tagen. Es kommt zu Durchfall und Blutungen im Mund, in den Nieren und unter der Haut.
Bis 6 Sievert:
Die Überlebenschancen sinken bis unter zehn Prozent.

Damit die Einsatzkräfte überhaupt noch vor Ort arbeiten können, mussten die japanischen Behörden die erlaubten Grenzwerte für Arbeiter in Kernkraftwerken von 100 Millisievert auf 250 Millisievert anheben – ein für die Gesundheit bereits sehr kritischer Grenzwert (siehe Kasten; 1000 Millisievert = 1 Sievert).

Regelmässig müssen die Arbeiter die Kontrollräume verlassen, weil die Strahlungswerte zu hoch sind. Tepco gibt Spitzenwerte von bis zu 400 Millisievert an, wobei ausserhalb der inzwischen vollständig evakuierten 20-Kilometer-Zone um das Kraftwerk je nach Quelle zeitweise 1000 bis 1500 Millisievert gemessen werden können.

Schwierig gestalten sich auch die Arbeiten ausserhalb der Räumlichkeiten. Erdbeben im Zehn-Minuten-Takt erschweren die Bemühungen, von Erdbeben und Tsunami zerstörte Strassen auf dem Kraftwerksgelände wieder in Stand zu stellen. Sie sind wichtig, damit Löschfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr zu den Reaktoren vordringen können.

Chef der Atomenergiebehörde will sich die Lage vor Ort ansehen

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Yukiya Amano, bezeichnet die Situation im Atomkraftwerk Fukushima I als «sehr ernst». Er werde so schnell wie möglich selbst nach Japan fliegen. Danach wolle er eine Sondersitzung des IAEA-Leitungsgremiums einberufen, sagt der Japaner gemäss Nachrichtenagentur SDA. Am liebsten wolle er bereits am Donnerstag aufbrechen, so Amano.

Die französische Umweltministerin warnt vor einem Debakel, das den Reaktorunfall von Tschernobyl noch übertreffen könnte. Ähnlich dramatisch sieht es der Chef der russischen Atomenergiebehörde. Er hat eine Gruppe von Tschernobyl-Veteranen an die Ostküste Russlands reisen lassen. Dort wartet sie auf eine Einreiseerlaubnis Japans, um die Arbeiter vor Ort mit ihrer Erfahrung unterstützen zu können. Bisher verweigert Japan die Bewilligung jedoch, weshalb die russische Seite spekuliert, Japan könnte sich davor fürchten, Russland zu tiefe Einblicke in seine Technik zu gewähren.

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