Joe Biden gibt sich weiterhin zuversichtlich, auf eine Siegesrede verzichtet er am Freitag aber

In einer kurzen Ansprache an seinem Wohnort Wilmington (Delaware) gab sich der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden siegesgewiss. Er rief seine Anhängerinnen und Anhänger einmal mehr dazu auf, sich in Geduld zu üben, bis alle Stimmen ausgezählt seien.

Renzo Ruf aus Washington
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Joe Biden gab sich am Freitagabend in Wilmington (Delaware) in seiner Rede siegesgewiss.

Joe Biden gab sich am Freitagabend in Wilmington (Delaware) in seiner Rede siegesgewiss.

Bilder: Carolyn Kaster / AP

Auf das geplante Feuerwerk verzichtete Joe Biden zwar. Als der demokratische Präsidentschaftskandidat aber am Freitag kurz vor 23 Uhr an seinem Wohnort Wilmington (Delaware) seine Rede begann, gab er sich dennoch siegesgewiss. «Wir werden dieses Rennen gewinnen», sagte Biden, denn die Zahlen in den politisch umkämpften Staaten Georgia, Pennsylvania, Arizona und Nevada sprächen eine deutliche Sprache. Überall habe er sich einen Vorsprung auch den Republikaner Donald Trump erkämpft, auch weil die Briefstimmen, die seit dem Wahl-Dienstag ausgezählt wurden, überwiegend von Demokraten abgegeben wurden. Er jedenfalls rechne damit, im Duell gegen Trump mehr als 300 Elektorenstimmen zu gewinnen, sagte Biden. Will heissen: Wenn die harzige Auszählung zu Ende ist, dann wird der Demokrat ähnlich klar gewinnen wie Trump im Jahr 2016.

Biden ging in seiner Siegesrede, die aufgrund der provisorischen Resultate noch keine Siegesrede sein durfte, aber noch einen Schritt weiter. Er sprach mit Hinweis auf sämtliche abgegeben Stimmen – derzeit 50,7 Prozent für Biden und 47,6 Prozent für Trump – auch von einem Wählermandat, das er besitze, um sein Programm umzusetzen. Dann zählte Biden vier Felder auf, in denen er Akzente setzen wolle: Bei der Bekämpfung der Coronapandemie, die auch am Freitag wieder in Amerika mehr als 1000 Todesopfer forderte. In der Wirtschafts- und Umweltpolitik. Und bei der Bekämpfung des «systemischen Rassismus». Biden sagte dies, während die designierte Vizepräsidentin Kamala Harris – die erste Frau und die erste Politikerin mit dunkler Hautfarbe im Amt des Stellvertreters des Präsidenten – neben ihm stand und ihm stumm zuhörte.

Biden rief seine Anhängerinnen und Anhänger erneut dazu auf, Ruhe zu bewahren, obwohl auch drei Tage nach der Präsidentenwahl immer noch kein klares Resultat vorliegt. Er versprach, dass er die Bemühungen von Präsident Trump, die Demokraten um ihren Wahlsieg zu bringen, nicht zulassen werde. «Ihre Stimme wird gezählt werden», sagte Biden. Der Demokrat sagte zudem, er werde alles daransetzen, die aufgeheizte Stimmung im Land zu beruhigen. Das Ziel der Politik dürfe es nicht sein, Konflikte anzuheizen, sagte Biden, «sondern Probleme zu lösen.»

Dann trat Biden, nach knapp acht Minuten, zusammen mit Harris von der Bühne in einem Raum des Chase Center in Wilmington, einer Mehrzweckhalle. Einige seiner Berater klatschten begeistert. Und draussen vor der Halle jubelten einige Hundert Anhänger, die sich spontan versammelt hatten, nachdem Medienberichte über eine angebliche Siegesrede zirkuliert waren. Auf die grosse Feier müssen die Demokraten weiterhin warten.

Sein Kontrahent gab auf dem Kurznachrichtendienst Twitter derweil Einblick in seine Seelenlage. Er verbreitete wilde Gerüchte über angebliche Schummeleien von Demokraten in Michigan, Georgia und North Carolina. Auch unterstützte er die Aussagen eines verbündeten Abgeordneten im Repräsentantenhaus, der behauptete: In Pennsylvania versuchten die Demokraten erstmals in der Geschichte Amerikas, eine Wahl «nach der Wahl zu gewinnen», indem sie bei der Auszählung von Briefstimmen klare Regeln brächen. Tatsache ist: Bisher ist es den Rechtsberatern Trump nicht gelungen, Gerichte von diesen wilden Behauptungen zu überzeugen. So weigerte sich Samuel Alito, Richter am Supreme Court, am Freitag, die Auszählung der Stimmen in Pennsylvania auf Antrag der Republikanischen Partei von Pennsylvania zu stoppen.

Trump-Vertrauter positiv auf das Coronavirus getestet

Das Trump-Lager wirkt dabei recht kopflos. Dies hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Mark Meadows, Stabschef des Präsidenten, positiv auf das Coronavirus getestet worden ist, wie die Nachrichtenagentur «Bloomberg» am Freitag meldete. Der Hardliner Meadows rief Trump in den vergangenen Tagen dazu auf, sich mit allen Mitteln gegen seine drohende Niederlage zu stemmen. Meadows war übrigens in der Nacht auf Mittwoch, nach der Schliessung der Wahllokale, auch an der Wahlparty des Präsidenten im Weissen Haus anwesend, zusammen mit rund 150 weiteren Trump-Fans.

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