USA
Jimmy, der heilige Präsident, spricht an einer Schule über Gott und die Welt

Trotz schwerer Krankheit bleibt Jimmy Carter sozial engagiert. Ein Besuch in einer ganz speziellen Sonntagsschule.

Renzo Ruf, Plains (Georgia)
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Er war US-Präsident. Doch Jimmy Carter gibt bis heute, trotz Krebs, in seiner Heimat Sonntagsschule.David Goldman/key

Er war US-Präsident. Doch Jimmy Carter gibt bis heute, trotz Krebs, in seiner Heimat Sonntagsschule.David Goldman/key

KEYSTONE

Und plötzlich ist er da. Ohne viel Aufhebens schlurft Jimmy Carter in den grossen Versammlungssaal der Maranatha Baptist Church in seinem Wohnort Plains in Georgia, schaut in die erwartungsfrohen Gesichter der 300 Anwesenden und lächelt zufrieden.

«Sind Sie gut vorbereitet?» fragt er. «Yes, Sir» schallt es zurück, so wie es die Menge zuvor unter dem Kommando der Pfarreibeauftragten Jan Williams einstudiert hatte. Dann beginnt Carter zu sprechen, buchstäblich über Gott und die Welt.

Am Donnerstag feiert der ehemalige US-Präsident seinen 91. Geburtstag. Er ist gesundheitlich angeschlagen: In diesem Sommer mussten Teile seiner Leber entfernt werden. Krebs. Während dieser Prozedur stiessen die Ärzte auf vier Tumore in seinem Gehirn. Nun befindet er sich in einer Behandlung, die sein Immunsystem stärken soll. Und dennoch hält sich Carter nicht still.

«Er kann nicht anders»

Am Samstag, als alle 683 Einwohner seines Wohnorts das jährliche «Erdnuss-Fest» feierten, signierte er stundenlang Bücher für die Hunderten von angereisten Touristen.

Dann zeigte er seinem «sehr guten Freund» Evo Morales, Präsident von Bolivien, die lokalen Sehenswürdigkeiten. Und er sprach zu Praktikantinnen und Praktikanten des Carter Centers, der Mischung aus Hilfswerk und Denkfabrik, die er 1982 ins Leben gerufen hatte. «Er will unter Menschen gehen. Er kann nicht anders», sagt ein Mann, der schon lange in Plains wohnt.

Daran hat sich auch nach seiner Krebserkrankung – die Carter im August an einer Pressekonferenz publik machte – nichts geändert. «Mister Jimmy», sei «sehr, sehr müde», sagt Jan Williams. Er sei aber nicht zu bremsen. Deshalb unterrichtet Carter in seiner Kirche weiterhin alle zwei Wochen Sonntagsschule.

Weil er einst, von 1977 bis 1981, der mächtigste Mann der Welt war, und nach seinem Rückzug eine zweite Karriere als globaler Staatsmann startete, die 2002 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurde, ist dies allerdings eine höchst aussergewöhnliche Bibelstunde.

Da ist zum einen das grosse Interesse des Publikums: die ersten Carter-Fans treffen gegen 2 Uhr auf dem Parkplatz der Maranatha-Kirche ein, acht Stunden vor Beginn der Sonntagsschule.

Sie kommen von nah und fern, von Georgia, Ohio, Tennessee, Kalifornien und von Bulgarien, Indien und Holland. Zum andern verknüpft der Ex-Präsident seine 45-minütige BibelLektion, die heute auf einem der Paulusbriefe beruht, mit Anekdoten aus seinem abwechslungsreichen Leben.

Mit allen im Gespräch

Das klingt dann etwa so: In den nächsten Tagen, sagt Carter, treffe er in New York die Präsidenten Venezuelas und Kubas. Dabei werde er unter anderem mit dem Präsidenten Venezuelas über eine Gesundheits-Kampagne des Carter Centers im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet sprechen.

Er sei kein Anhänger von Nicolas Maduros, sagt Carter, aber «ich bin der Meinung, wir müssen mit jedermann sprechen». Diesen Grundsatz halte er hoch – obwohl seine Initiativen auch von den Parteikollegen, die seit 2009 in Washington die Regierung stellen, immer wieder kritisiert werden.

Falsch verstanden fühlt sich Carter auch, wenn die Rede auf seine Religiosität kommt. In den Siebzigerjahren war der damalige Gouverneur von Georgia einer der ersten Politiker, der seine Spiritualität ins Zentrum seiner politischen Botschaft stellte. Damit stiess er viele Demokraten vor den Kopf; das Weltbild des frömmelnden Erdnuss-Farmers aus dem ländlichen Georgia stand nicht im Einklang mit dem urbanen Leben seiner Parteikollegen.

Carter aber betont, dass er nicht über seine Religiosität spreche, weil er das Gefühl habe, besser als seine Mitmenschen zu sein. «Es ist falsch zu glauben, dass wir von Gott gerettet werden, weil wir gute Arbeit geleistet haben», sagt er.

Vielmehr erlöse Gott jeden Menschen, weil Gott jeden Menschen liebe. Diese Aussicht auf Erlösung wiederum ermögliche es Christen, noch bessere Arbeit zu leisten – er zum Beispiel baue im Namen Gottes Häuser für die Armen. Dann grinst Carter über beide Ohren und aus seinen blauen Augen blitzt der Lebensmut.

Nach 45 Minuten und einem Gebet ist die Lektion zu Ende. Carter und die Agenten des Secret Services, die ihn auf Schritt und Tritt bewachen, ziehen sich zurück – da nun der eigentliche Gottesdienst auf dem Programm steht.

Viele Anwesenden wischen sich die eine oder andere Träne aus den Augen. Sie bleiben aber sitzen. Denn nur wer sich auch während des Gottesdienstes in der Kirche befindet, erhält anschliessend die Chance auf ein persönliches Foto mit Rosalynn und Jimmy Carter. Und diese Chance, da sind sich die Anwesenden einig, wollen sie sich nicht entgehen lassen.

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