Indien
Indisches Vergewaltigungsopfer ringt mit dem Tod

Nach der unfassbaren Gewalttat nimmt die Kritik an der Polizei zu. Massenproteste geraten ausser Kontrolle. Diese Situation kommt nicht von ungefähr. Indien ist das frauenfeindlichste Land unter den G-20-Staaten.

Cecilia Marten, Singapur
Drucken
Teilen
Der Protest der indischen Schülerinnen und Studenten richtet sich auch gegen die Polizei. ANINDITO MUKHERJEE/keystone

Der Protest der indischen Schülerinnen und Studenten richtet sich auch gegen die Polizei. ANINDITO MUKHERJEE/keystone

Nach den Massenprotesten gegen die bestialische Gewalttat an einer 23-jährigen Medizinstudentin in Indien gerät die Rolle der Polizei immer mehr ins Zwielicht. Die Regierungschefin von Delhi, Sheila Dikshit, warf der Polizei vor, sie habe versucht, die Aussage des Opfers zu manipulieren, um Tatumstände zu vertuschen. Zugleich wuchs auch die Kritik am Vorgehen der Polizei gegen die meist friedlichen Demonstranten. Medien sprachen von «überzogener Gewalt».

Für eine erregte Debatte sorgte die Frage, wie der Polizist Subhash Tomar starb. Die Polizei behauptet, Demonstranten hätten Tomar getötet. Die Ärzte hatten dem zunächst widersprochen und erklärt, der 47-jährige Tomar sei durch einen Herzstillstand ums Leben gekommen. Später erklärten sie jedoch, der Herzstillstand sei durch heftige Schläge auf Nacken und Brust ausgelöst worden.

Am Montag und Dienstag glich das Zentrum Delhis einer Festung. Die Polizei hatte alle Zufahrtsstrassen und umliegenden Metro-Stationen geschlossen. Gestern Mittwoch wurden sie wieder geöffnet, nachdem es nur noch kleinere Proteste gab. Erst nach tagelangen Demonstrationen hatte sich Regierungschef Manmohan Singh am Montag zu Wort gemeldet. Er versicherte, es werde alles getan werden, um Frauen besser zu schützen. Zugleich rief er die Menschen zur Ruhe auf.

Schwerverletzte aus Bus geworfen

Unterdessen verschlechterte sich der Zustand der 23-jährigen Medizinstudentin weiter. Ärzte mussten sie gestern wiederbeleben, nachdem Puls und Herz wegsackten. Sechs Männer hatten die junge Frau am Abend des 16. Dezember in einem fahrenden Bus mitten in Delhi zunächst vergewaltigt, ihr dann Eisenstangen in Anus und Vagina gerammt und ihren Darm herausgezogen. Dann warfen sie die schwer verletzte Frau auf die Strasse. Nur noch fünf Prozent des Darms seien in ihrem Körper gewesen, sagten die behandelnden Ärzte. Ihr gesamter Darm musste entfernt werden. Auch der Uterus soll zerstört sein, der Magen ist verletzt. Die sechs Männer wurden inzwischen festgenommen.

Geschockt waren in Delhi und ganz Indien über Tage Tausende Menschen auf die Strasse gezogen, um gegen die wachsende Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren. An der Spitze der Proteste stehen Studentinnen und Studenten, also die junge, aufstrebende Mittelschicht des Landes, die ein neues Indien einfordert. Die Proteste hätten sich auch gegen Indiens «gewalttätige Polizei- und Sicherheitskräfte» gerichtet, «die ihren Job vorwiegend darin sehen, die Schwachen und Schutzlosen, Frauen eingeschlossen, zu schlagen und zu verletzen, anstatt sie zu beschützen», beschreibt der britische Journalist und Landeskenner John Elliot den Zorn der Demonstranten. Die Polizei antwortete mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken. Laut Medien soll sich auch die Chefin der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, besorgt über das Verhalten der Polizei geäussert haben.

Nach einer Studie der Reuters Foundation ist Indien das frauenfeindlichste Land unter den G-20-Ländern. Vergewaltigungen werden noch immer als Kavaliersdelikt gewertet oder sogar gutgeheissen, um Frauen zu «disziplinieren». «Sie wollten das Mädchen bestrafen, weil sie nach Einbruch der Dunkelheit aus war – um anderen Mädchen eine Lektion zu erteilen», erklären Männer die Horrortat im Bus.

Die Frauen in Delhi haben Angst

Die unfassbare Gewalttat hat viele Frauen traumatisiert. In Delhi herrscht seit Tagen ein Klima der Angst. «Ich fürchte um mein Leben», schreibt die Politikwissenschafterin Medha Chaturvedi im «Wall Street Journal». Die Eltern der Medizinstudentin bereuen, dass sie ihre Tochter nicht zu Hause behalten haben. «Gegen den Widerstand von Verwandten haben wir ihr erlaubt, zu studieren. Wir wollten, dass sie die gleichen Chancen hat wie unsere Söhne», sagte der Vater. «Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie tapfer mein Mädchen ist.»

Aktuelle Nachrichten