Frankreich
In Paris tobt der Kulturkampf um die Homo-Ehe

Die Frage der Homosexuellen-Ehe nimmt in Frankreich immer mehr Formen eines Kulturkampfes an. Konservative organisieren am Sonntag eine Monsterdemonstration gegen das Projekt der Rotgrün-Regierung.

Stefan Brändle, Paris
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Frigide Barjot will eine halbe Million TEilnehmer für die Kundgebung aufbieten

Frigide Barjot will eine halbe Million TEilnehmer für die Kundgebung aufbieten

frgidebarjot.com

Ungewohntes tut sich auf den Pariser Boulevards: Keine Faust reckenden Studenten oder Gewerkschafter werden sie am Sonntag unsicher machen, sondern Bischöfe und angegraute Exponenten der französischen Bourgeoisie. Ihr Aushängeschild ist eine 50-jährige Journalistin mit dem - noch erstaunlicheren - Künstlernamen Frigide Barjot. Die Humoristin mit dem losen Mundwerk, die den Namen „Brigitte Bardot" verballhornt, wird die Grosskundgebung gegen die Homesexuellen-Ehe anführen.
Dieses Projekt beruht auf einem eher nebensächlichen Wahlversprechen des sozialistischen Präsidenten François Hollande. Die Regierung, in der offiziell Geschlechterparität herrscht, hatte die "Ehe für alle", wie der offizielle Sprachgebrauch lautet, im November lanciert: Homosexuelle Paare sollen rechtlich den Heterosexuellen gleichgestellt werden und auch das Recht auf die Adoption von Kindern erhalten. Ob sich das nur auf Sprösslinge des einen Ehepartners bezieht oder ob es darüber hinaus gehen soll, sollte sich erst bei der geplanten Parlamentsdebatte Ende Januar definitiv entscheiden.
Das katholisch-konservative Frankreich will aber verhindern, dass es überhaupt zur Debatte kommt. Ihre medienbewusste Anführerin Frigide Barjot - bei ihrer Geburt hiess sie noch Virginie Merle - will am Sonntag eine halbe Millionen Menschen auf die Strasse bringen. Vorausgegangen war eine wochenlange Kampagne aus Petitionen, Brieflawinen und kleineren Demos. Ihnen suchte Barjot einen jugendlich modernen Stil zu geben; zum Beispiel verbat sie Hermès-Foulards als Inbegriff der reichen Bürgersfrau. Familien wurden eingeladen, mit ihren Kindern zu protestieren.
Auf die Linke wirkt die wertkonservative Ulknudel wie ein öffentliches Ärgernis; bei einem Fernsehauftritt auf dem Staatssender France-2 wurde ihr Ende letztes Jahr schlicht der Strom abgestellt.
Barjot gewann dadurch nur noch an Popularität. Laut Umfragen sind heute nur noch gut die Hälfte der Franzosen für die Homo-Ehe inklusive Kinderadoption. Vor einem Jahr waren es noch bis zu 70 Prozent gewesen. Hollande glaubte deshalb leichtes Spiel zu haben und konzentrierte sich auf seine ökonomischen Themen wie etwa die 75-Prozent-Steuer.

Jetzt wird der Widerstand gegen die „Mariage pour tous" aber immer stärker - Zeichen, dass Frankreich eben nicht nur eine revolutionäre, sondern auch eine sehr konservative Ader bewahrt. In den achtziger Jahren hatten die Anhänger der - weitgehend katholischen - Privatschulen mit einer Grossdemo auch schon eine Regierung zu Fall gebracht.
Soweit ist es noch nicht; doch Hollandes Regierung ist in der Bredouille, seitdem sich auch prominente Psychoanalytiker gegen die Homo-Ehe äussern. Auch die Philosophin Sylviane Agacinski, Gattin des sozialistischen Ex-Premiers Lionel Jospin, nannte die "Dualität" eine Voraussetzung der Elternbeziehung.
Solche Einwände wirken bei der rotgrünen Regierungskoalition mehr als homophobe Entgleisungen oder aber die religiösen Argumente von Katholiken, Juden und Muslimen, deren Verbände sich vereint gegen die Homo-Ehe stellen.

Die sozialistische Parlamentsfraktion musste diese Woche bereits Ballast abwerfen und ankündigen, dass sie darauf verzichten werde, wie geplant auch die "medizinisch unterstützte Fortpflanzung" für lesbische Paare ins Gesetz aufzunehmen. Die künstliche Befruchtung für homosexuelle Frauen soll nun im Frühling bei der Debatte über das neue Familienrecht diskutiert werden.
Ob sich die Reihen der Anti-Kundgebung nach diesem taktischen Rückzieher lichten werden, ist zu bezweifeln. Allerdings tun sich auch viele Rechtspolitiker schwer mit dem Thema. Die bürgerliche „Union für eine Volksbewegung" (UMP) ist wie gehabt gespalten: Ihr Vorsitzender Jean-François Copé will demonstrieren, sein Rivale François Fillon nicht. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen verzichtet ebenfalls auf eine Teilnahme, da im Front National offenbar eine nicht unbedeutende Minderheit für die Home-Ehe und -Rechte eintritt.

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