Oxford-Impfstoff
Hoffnung trotz steigender Coronazahlen: Grossbritannien hat einen zweiten Covid-Impfstoff

Erneut gute Nachrichten von der Insel: Grossbritannien erteilt dem Oxforder Covid-Impfstoff die Genehmigung.

Sebastian Borger aus London
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Auf zum Impfen: In London und weiteren Städten auf der Insel kann am Montag mit der Verabreichung des Astrazeneca-Mittels begonnen werden.

Auf zum Impfen: In London und weiteren Städten auf der Insel kann am Montag mit der Verabreichung des Astrazeneca-Mittels begonnen werden.

Frank Augstein / AP

Als weltweit erstes Land hat Grossbritannien dem an der Universität Oxford entwickelten Impfstoff die Zulassung erteilt. Von kommendem Montag an sollen wöchentlich bis zu eine Million Bürger ihre erste Dosis erhalten. «Wir haben keine Abkürzungen genommen», teilte die Chefin der nationalen Arzneimittelbehörde MHRA, June Raine, in London mit. Die Prüfung ihrer Behörde sei robust wie immer verlaufen.

Das Oxforder Institut ist nach dem englischen Landarzt Edward Jenner (1749-1823), dem Pionier der Pockenschutzimpfung, benannt. Dort entwickelten Wissenschafter unter Leitung von Professorin Sarah Gilbert in Zusammenarbeit mit der anglo-schwedischen Firma Astrazeneca CHAdOx1. Der Wirkstoff basiert auf einem unter Schimpansen verbreiteten Adenovirus. Dieser regt die Produktion von Proteinen an, die jenen auf der Oberfläche des Coronavirus gleichen.

Das dadurch angeregte Immunsystem produziert dann sowohl T-Zellen wie Antikörper; erstere bekämpfen das Virus, letztere minimieren das Ansteckungsrisiko. Die Immunität trete nach drei Wochen ein, hiess es auf der MHRA-Pressekonferenz. Eine zweite Dosis solle binnen zwölf Wochen verabreicht werden.

Zwei grosse Vorteile des britischen Impfstoffs

Die britische Aufsichtsbehörde hat lang bestehende bürokratische Hürden aus dem Weg geräumt. Die drei Phasen der Impfstoff-Forschung, berichtete Gilbert im Juli der BBC, würden «normalerweise fünf Jahre dauern – wir wollen das in vier Monaten schaffen».

Am Ende dauerte es doppelt so lang, noch immer ein erstaunlicher Erfolg der beteiligten Wissenschafter. Deren Präparat hat zwei grosse Vorteile: Es kann über mehrere Wochen hinweg bei normalen Kühlschrank-Temperaturen aufbewahrt werden, der Preis liegt mit umgerechnet 3,60 Franken pro Dosis um ein Fünftel bis ein Zehntel niedriger als bei der Konkurrenz.

Als der beteiligte Pharmakonzern Astrazeneca im November die Überweisung sämtlicher Daten an die Aufsichtsbehörde bekanntgab, entstand allerdings eine Unsicherheit in Bezug auf die Effizienz des Wirkstoffs. Diese wurde mit 70 Prozent angegeben; in einer kleinen Gruppe, der man offenbar versehentlich zunächst nur die halbe Dosis verabreicht hatte, wurde hingegen nach der zweiten Dosis ein Wert von 90 Prozent erreicht.

Erste geimpfte Patienten erhält die zweite Dosis

Unterdessen hat Margaret Keenan bereits die zweite Dosis des Wirkstoffs von Pfizer und Biontech erhalten. Die 91-Jährige war vor drei Wochen als weltweit erste Patientin mit dem Präparat der deutschen Firma und des US-Pharmagiganten geimpft worden. Seither haben mehr als eine Million Bewohner der Insel den kleinen Stich hinter sich gebracht, darunter viele Bewohner von Pflegeheimen.

Dem von Covid-19 schwer gebeutelten Land flösst die Nachricht von der Impffront ein wenig Zuversicht ein. Erst am Dienstag erreichten die seit Wochen alarmierend hohen Neuinfektionen einen Rekordstand von 53'135. Die Gesamtzahl der an den Folgen einer Coronainfektion Verstorbenen liegt der Statistikbehörde ONS zufolge bei mehr als 85'000, Das Nationale Gesundheitssystem NHS stehe kurz darauf, vom Ansturm der Patienten überwältigt zu werden, warnen Experten.