«Heilig’s Blechle!» - Warum Kultfigur Winfried Kretschmann im Süden Deutschlands so beliebt ist

Seit zehn Jahren regiert Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg. Auch in der Schweiz weiss man, warum der Grüne so gut ankommt. In die Wahl in gut einer Woche geht er erneut als Favorit.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Beliebter Landesvater und Freund der Schweiz: Der Grüne Winfried Kretschmann.

Beliebter Landesvater und Freund der Schweiz: Der Grüne Winfried Kretschmann.

Bild: Tim Wegner/laif

Winfried Kretschmann hat eine sanftmütige Art. Manchmal kann der 72-Jährige aber kratzbürstig werden. Vor wenigen Tagen ist der passionierte Wanderer mit einem Fernseh-Team durch eine sattgrüne, hügelige Landschaft nahe seiner Heimat Lainz, einem Dorf auf halber Strecke zwischen Tübingen und dem Bodensee, spaziert. Wahlkampf.

Am 14. März wird in Baden-Württemberg gewählt, Kretschmann bewirbt sich für eine dritte Amtszeit. Auf die Frage der Reporterin, warum er in seinem Alter fünf weitere Jahre Ministerpräsident von Baden-Württemberg bleiben wolle, reagierte er düpiert: «Der Biden tritt mit 78 an», spielte er in schwäbischem Dialekt forsch auf den neuen US-Präsidenten an. Dann merkte er an: «Und der führt die USA. Das ist ein bisschen was anders als der Gouverneur von Baden-Württemberg.»

Seit 10 Jahren regiert der ehemalige Gymnasiallehrer Winfried Kretschmann, ein Ur-Grüner der ersten Stunde mit Vergangenheit in einer kommunistischen Studentenbewegung, im mit 11 Millionen Einwohnern drittgrössten Bundesland Baden-Württemberg. Ein Grüner an der Spitze eines der wirtschaftlich potentesten Bundesländern mit Firmen wie Bosch, Daimler, Porsche, mit hunderten Unternehmen für erneuerbare Technologien, Autozubehöre, Klimatechnik.

Sorgen bei der CDU

58 Jahre lang bis 2011 eine tiefschwarze CDU-Hochburg, in der die Christdemokraten zeitweise die absolute Mehrheit inne hatten. Doch vor zehn Jahren kam Fukushima und es tobte die Debatte um das Bahnhofsprojekt «Stuttgart 21», Kretschmann gelang die bundesweite Sensation des grünen Wahlsiegs. «Heilig’s Blechle!», tönte es besorgt bei Industrie und in der CDU-Zentrale.

Zuerst koalierte er mit den Sozialdemokraten, vor fünf Jahren schmiedete er mit der CDU eine Grün-Schwarze-Regierung. Die Christdemokraten als Juniorpartner neben der Öko-Partei. Ein politisches Erbeben in Deutschland.

Lieber Kretschmann als die eigene Kandidatin

Die Umfragen sehen die Grünen auch jetzt vor der CDU, mit 30 Prozent zu 27 Prozent. Dabei ist der Wahlkampf durch Corona lahmgelegt, wegen einer Brustkrebserkrankung seiner Frau nimmt Kretschmann kaum Wahlkampf-Termine wahr. Es wäre ein Wunder, würde nach dem 14. März Kretschmann nicht wieder eine Regierung bilden. Die Frage stellt sich, mit wem der bodenständige Grüne bis 2026 koalieren würde. Die CDU-Spitzenkandidatin, die 56-jährige Kultusministerin Susanne Eisenmann, hat nicht mal bei den CDU-Anhängern eine Chance. 65 Prozent der Christdemokraten wollen für den Landesvater votieren.

Kretschmann – bekennender Fan von Kanzlerin Merkel – dürfte Grün-Schwarz favorisieren. Auch, um ein Signal für die Bundestagswahlen aus dem Südwesten nach Berlin zu senden. Kretschmann macht kein Geheimnis um seine Präferenz einer Bundesregierung aus Union und den Grünen.

Ein Freund der Schweiz

Baden-Württemberg ist für die Schweiz einer der wichtigsten Handelspartner, zudem ist die Verbindung zwischen den beiden Ländern mit tausenden Grenzgängern und den vielen Wochenendausflüglern eng. Im letzten Jahr war die Schweiz wichtigstes Importland für Baden-Württemberg, bei den wichtigsten Exportnationen Baden-Württembergs kommt die Schweiz nach den USA und China auf Rang drei.

Der ehemalige SP-Regierungsrat Urs Hofmann war 2009 bis 2020 Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Aargau, als Vertreter eines an Baden-Württemberg angrenzenden Kantons hatte der heute 64-Jährige regelmässigen Austausch mit Kretschmann. Die hohe Beliebtheit des Grünen im konservativen Südwesten überrascht Hofmann nicht: «Er hat eine unideologische, offene und authentische Art, geprägt durch seinen christlichen Glauben», sagt Hofmann.

Ex-Regierungsrat Urs Hofmann sagt: Kretschmann interessiert sich für das System der Schweiz.

Ex-Regierungsrat Urs Hofmann sagt: Kretschmann interessiert sich für das System der Schweiz.

Chris Iseli / AGR

Auch im Verhältnis zur Schweiz hat Hofmann den Grünen stets als angenehmen Partner wahrgenommen, die kulturelle Nähe der beiden Länder sei spürbar: «Er ist kein Politiker, der mit einer festen Agenda zu Gesprächen in die Schweiz kommt und die Punkte abarbeitet. Man spürt, dass er unsere Haltung verstehen will. Er hat ein sehr positives Verhältnis zur Schweiz.» Kretschmann habe sich immer auch für das politische System der Schweiz interessiert. «Bürgerbeteiligung und Demokratie sind für ihn wichtige Themen.»

Autoindustrie und Ökologie unter einen Hut bringen

Kretschmann hat es in Baden-Württemberg geschafft, die Interessen der Autoindustrie und der Wirtschaft im Allgemeinen und grüne Politik unter einen Hut zu bringen. Das Velonetz und der öffentliche Verkehr wurden ausgebaut, die Ausgaben für Naturschutz verdreifacht, der Autoindustrie werden zugleich Rahmenbedingungen geboten für den Transformationsprozess vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität. Der «Chef-Pragmatiker», wie er auch genannt wird, legte gar seine schützende Hand über die Autoindustrie, die durch Umweltrichtlinien nicht «stranguliert» werden dürften.

«Kretschmann ist umweltpolitisch grün und wirtschaftspolitisch liberal», sagt der Stuttgarter Politikwissenschaftler Frank Brettschneider gegenüber dieser Zeitung. «Die Industrie bleibt ihm treu, weil sie erkannt hat, dass ihr Bundesland auch unter einem Grünen nicht zugrunde geht.» Corona war nur am Rande Wahlkampfthema. Das Bundesland ist nicht besser und nicht schlechter durch die Pandemie gekommen als andere Länder auch.

«Winfried, du musst es nochmal machen», hätten ihm die Leute zugerufen, erzählt Kretschmann dem TV-Team auf seiner Wanderung. Für den Wahlkampf hat er den Slogan «Sie kennen mich» entworfen. Diesen Satz gab es schon einmal. Merkel sagte ihn im Wahlkampf 2013. Eine simple Botschaft. Sie wird Kretschmann für den Wahlsieg reichen.