Ukraine
Heftige Kämpfe bei MH17-Absturzstelle: Ermittler wagen sich nicht ins Gebiet

Die internationale Untersuchung an der Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeugs im umkämpften Osten der Ukraine hat einen neuen Rückschlag erlitten: Niederländische und australische Polizisten sagten einen Besuch am Unglücksort ab.

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Ein Panzer pro-russischer Separatisten fährt durch die Strassen von Donetzk.

Ein Panzer pro-russischer Separatisten fährt durch die Strassen von Donetzk.

Keystone

Nahe der Absturzstelle wurde heftig geschossen. Bei Kämpfen nördlich von Donezk wurden mindestens 13 Zivilisten getötet.

Die internationalen Experten hatten sich nach einer Einigung mit den prorussischen Separatisten auf den Weg zur Absturzstelle gemacht. Nach Angaben des Justizministeriums in Den Haag wollten unter anderem 30 niederländische Gerichtsmediziner am Sonntagmittag bei Grabowe eintreffen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) strich den Besuch jedoch aus Sicherheitsgründen.

"Vor Ort wird weiter gekämpft, wir können das Risiko nicht eingehen", sagte der stellvertretende Leiter der OSZE-Beobachtermission, der Schweizer Alexander Hug. Die Sicherheitslage sei "inakzeptabel für unsere unbewaffnete Beobachtermission".

Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete von Artilleriefeuer nahe dem bislang von prorussischen Separatisten kontrollierten Absturzort. Über der Gegend stieg schwarzer Rauch auf, Menschen flohen vor den Gefechten.

Keine bewaffnete Schutztruppe

Die niederländische Regierung wird vorerst keine bewaffnete Schutztruppe zur Absturzstelle von Flug MH17 in der Ostukraine schicken. Das teilte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte am Sonntag in Den Haag mit.

Die neu aufgeflammten Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Rebellen machten einen solchen Einsatz zur Zeit unmöglich, erklärte Rutte nach einer Dringlichkeitssitzung seines Kabinetts. Auch ein begrenzter militärischer Einsatz mit dem Ziel, die Bergungsarbeiten an der Absturzstelle zu ermöglichen, könne zu einer Eskalation führen, betonte der Ministerpräsident.

Spezialkräfte der niederländischen Armee und Polizei sollten in dem Gebiet eingesetzt werden, um forensische Experten und Ermittler zu schützen. Sie sollen weitere Opfer bergen und Ursachen des Absturzes der Boeing von Malaysia Airlines am 17. Juli untersuchen.

Das Flugzeug war am 17. Juli auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur mit 298 Menschen an Bord abgestürzt, darunter 193 Niederländer und 28 Australier. Die Regierung in Kiew und die westlichen Staaten werfen den prorussischen Separatisten vor, Flug MH17 mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen zu haben.

Lawrow und Kerry für rasche Waffenruhe

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow und sein US-Amtskollege John Kerry sprachen sich nach Angaben der Regierung in Moskau für eine schnelle Waffenruhe in der Ukraine aus. Dies hätten beide in einem Telefongespräch am Sonntag deutlich gemacht, teilte das russische Aussenministerium mit.

Die USA legten am Sonntag vier Fotos vor, die Russlands Eingreifen auf ukrainischem Territorium belegen sollen. Am Donnerstag hatten die USA Moskau unter Verweis auf Geheimdienstangaben vorgeworfen, auf ukrainischem Gebiet militärisch aktiv zu sein sowie weitere Waffenlieferungen an die Rebellen zu planen. Die russische Regierung wies die Vorwürfe umgehend zurück und warf den USA Verleumdung vor.

Gepäckstücke übergeben

Die Separatisten teilten am Sonntag mit, ein Zug mit Gepäckstücken aus dem Flugzeug sei an niederländische Vertreter übergeben worden. 227 Leichen wurden bereits in die Niederlande gebracht, wo am Wochenende das erste Opfer identifiziert wurde. Am Absturzort liegen aber weitere Leichen und Leichenteile.

Bei Gefechten in der umkämpften Stadt Gorliwka nördlich von Donezk wurden laut den Behörden am Sonntag 13 Menschen getötet, darunter zwei Kleinkinder. Die Bemühungen zur Versorgung der Verletzten würden durch "andauernde Feuergefechte" behindert, erklärte die Regionalverwaltung.

Ein ukrainischer Militärsprecher hatte zuvor berichtet, die prorussischen Separatisten würden Wohnviertel in der 250'000-Einwohner-Stadt mit Raketenwerfern vom Typ Grad beschiessen.

Gorliwka liegt 45 Kilometer nördlich der Ostukraine-Metropole Donezk. Die Region ist seit Wochen heftig umkämpft zwischen den Regierungstruppen und den prorussischen Rebellen, die in den Regionen Donezk und Lugansk "Volksrepubliken" ausgerufen haben. Die Kämpfe werden von beiden Seiten mit grosser Härte geführt. (sda)

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