Kommentar
Herzschlag-Finale in Deutschland: Fünf Erkenntnisse – und wie es nun weitergeht

Die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz und die CDU/CSU mit Spitzenkandidat Armin Laschet liegen nach Prognosen fast gleichauf, mit je 25 Prozent. Unser Deutschland-Korrespondent zieht die ersten Schlüsse.

Christoph Reichmuth, Berlin
Christoph Reichmuth, Berlin
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Gebanntes Warten: SPD-Anhängerinnen in Berlin.

Gebanntes Warten: SPD-Anhängerinnen in Berlin.

Lisa Leutner / AP

1. Erkenntnis: Die SPD ist wiederauferstanden

Die Genossen von der SPD dürfen jubeln, sie haben ihren jahrelangen Abwärtstrend gestoppt. Das haben sie vor allem ihrem Kandidaten Olaf Scholz zu verdanken. Die Deutschen trauen dem Vizekanzler die Rolle des Krisenmanagers offenkundig zu. Davon hat seine Partei profitiert, die viel linker ist als er selbst, auch bei den Regionalwahlen.

2. Erkenntnis: Die CDU fährt eine historische Niederlage ein

Die Christdemokraten müssen ihr schlechtestes Ergebnis in der Geschichte verdauen. Die Union scheint mit Armin Lachet aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. Ob die CDU nach 16 Jahren Merkel das Kanzleramt behalten kann oder verliert, ist Stand Sonntagabend noch offen, zu unklar sind die Hochrechnungen.

3. Eine stabile Regierung braucht drei, nicht zwei Parteien

Sowohl Olaf Scholz als auch Armin Laschet bräuchte zwei Partner, um stabil zu regieren. Das ist die grosse Knacknuss. Kann der Sozialdemokrat die FDP zum Mitregieren in einer grün-roten Regierung überzeugen? Oder lassen die Liberalen den Genossen scheitern, um dann mit der ihr näher stehenden Union in einem Jamaika-Bündnis zusammen mit den Grünen zu regieren?

4. Erkenntnis: Jetzt droht eine monatelange Hängepartie

Deutschland steht vor einer monatelangen Hängepartie. Die wichtigste Industrienation Europas hat turbulente Monate vor sich. Bis eine Regierung gebildet ist, muss Angela Merkel kommissarisch weitermachen. Eine solche Regierung trifft keine weitreichenden Entscheidungen. Für die Schweiz, die ihr Verhältnis zu Europa neu regeln will, heisst das nichts Gutes. Sie braucht bei ihrem wichtigsten Nachbarn möglichst bald eine voll funktionsfähige Regierung, mit der sich in die Zukunft blicken lässt.

5. Erkenntnis: Die Bäume der AfD und der Grünen wachsen nicht in den Himmel

Was die Wahlen auch gezeigt haben. Der kometenhafte Aufstieg der rechtspopulistischen Alternativen für Deutschland (AfD) ist abgebremst. Die Partei verlor auch auf Länderebene. Bei den Grünen herrschen Freude und Frust zugleich: Einerseits haben sie durch vermeidbare Fehler und eine wenig geeignete Spitzenkandidatin Annalena Baerbock mehr Prozentpunkte verpasst. Andererseits verdoppelten sie ihr Ergebnis von vor vier Jahren beinahe. An der Öko-Partei führt bei der Regierungsbildung kaum mehr ein Weg vorbei.

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