Geheimdienst-Skandal
Anklage Hochverrat: Oberster dänischer Spion verhaftet

Der Chef des dänischen Militär-Geheimdienstes ist heimlich verhaftet und des Hochverrats angeklagt worden. Er war bereits suspendiert, weil sein Nachrichtendienst nicht nur Angela Merkel bespitzelt, sondern auch Daten über dänische Bürger eingesammelt hatte.

Niels Anner, Kopenhagen
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Wegen Hochverrats angeklagt: Der dänische Geheimdienstchef Lars Findsen.

Wegen Hochverrats angeklagt: Der dänische Geheimdienstchef Lars Findsen.

Liselotte Sabroe / AP

Es waren nur einige Details, die das Gericht in Kopenhagen von einem geheimnisumwitterten Prozess publik machte, doch dabei platzte eine Bombe: Der Chef des dänischen Auslandsgeheimdienstes FE sitzt seit einem Monat in Untersuchungshaft. Lars Findsen ist unter anderem wegen Hochverrats angeklagt, weil er streng klassifizierte Informationen weitergereicht haben soll. Dass es niemandem auffiel, dass der oberste Spionage-Chef des Landes aus dem Verkehr gezogen wurde, liegt daran, dass Findsen bereits seit 2020 beurlaubt ist, als er über eine Art Fichenskandal stolperte.

Ein Kontrollausschuss hatte damals aufgedeckt, dass der FE seinen Zugang zu den nah gelegenen Übersee-Internetkabeln ausgenutzt und den Kollegen des US-Geheimdienstes NSA jahrelange europäische Mail- und Handydaten geliefert hatten. So wurde, unter der Verantwortung Findsens, auch die Kommunikation von Angela Merkel und dem heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier sowie Politikern in Frankreich, Schweden und Norwegen ausgespäht. Gleichzeitig sammelte der FE massenhaft Daten dänischer Bürger ein – eine illegale Bespitzelung eigener Bürger, die auch die Regierung alarmierte.

Während Monaten abgehört

Mit der Verhaftung Findsens gipfele die Affäre nun aber in einem «einmalige Skandal», schrieb die Zeitung «Berlingske». Der 57-Jährige war laut einem Medienbericht während Monaten von Agenten des anderen dänischen Geheimdienstes, des polizeilichen Nachrichtendienstes PET, abgehört worden. Somit wurde also jener Mann beschattet, der normalerweise derjenige ist, der Spionage in Auftrag gibt, der die wichtigsten Geheiminformationen des Landes kennt und seit Jahrzehnten leitende Positionen im Nachrichtendienst inne hat. Dann schlug im Dezember die Falle zu: Vier Geheimdienstler wurden verhaftet – darunter Findsen, wie man jetzt weiss.

Laut dänischen Medien wird den vier Personen vorgeworfen, streng geheime Informationen an Journalisten weitergereicht zu haben. In der Zeit nach der Suspendierung Findsens im August 2020 erschienen in dänischen Medien immer wieder aufsehenerregende Storys mit vielen Details über die Arbeit des Geheimdienstes, insbesondere die Spionage-Kooperation mit den USA. Aus heutiger Sicht stellt sich nun die Frage, ob sich der beurlaubte Chef und einige seiner Getreuen rächen wollten, dass man ihnen ihre Überwachungsarbeit ankreidete? Da der Gerichtsprozess hinter verschlossenen Türen abläuft, ist die genaue Anklage unbekannt. Lars Findsen selber nannte die Vorwürfe gegen ihn «wahnsinnig».

Es drohen bis zu 12 Jahre Gefängnis

Klar ist jedoch, dass die detaillierten Leaks in der neuen Führung des FE Frustration auslösten. Der polizeiliche Nachrichtendienst PET erhielt den Auftrag, die Urheber zu finden, denn die publik gewordenen Informationen wurden als topgeheim und kritisch angesehen. Darauf deutet auch hin, dass die Anklage nicht bloss auf Verstoss gegen die Schweigepflicht lautet, wie sonst bei Medienleaks, sondern auf Hochverrat, mit einem Strafmass von bis zu 12 Jahren Gefängnis. Dasselbe wurde mehreren Journalisten angedroht, als sie vom Geheimdienst zu Verhören zitiert wurden. Doch die Medien berufen sich auf den Quellenschutz. Sie werde «ausser meinem Namen kaum etwas sagen», erklärte die Newschefin des TV-Senders DR.

Für die dänischen Nachrichtendienste könnte das Ganze weitreichende Folgen haben. Die Verhaftung eines Geheimdienstchefs habe es in Dänemark seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben, sagte der Sicherheits-Analytiker Hans Engell. Da die internationale Kooperation der Geheimdienste auf oberster Ebene stark auf Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Offenheit beruhe, könnte Dänemark nun im Informationsaustausch unter Alliierten benachteiligt werden.

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