Vor der Wahl in Ungarn
Gegenkandidat Karácsony: «Orbán hat die rote Linie überschritten»

Der linke Einheitskandidat Gergely Karácsony erklärt im Interview, wie die Opposition auch ohne formelle Absprachen Viktor Orbáns Fidesz-Partei besiegen kann.

Paul Flückiger, Budapest
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Gergely Karácsony. Keystone

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Sie sind Chef der kleinen links-grünen Partei Parabeszed. Was motiviert Sie dazu, nun als Einheitskandidat der Vereinigten Linken gegen Viktor Orbán anzutreten?

Gergely Karácsony: Ich bin populär in Ungarn, ich habe ein Programm, und wir sind heute in einer Situation, in der ich es nicht verantworten kann, mich wie bisher zurückzuhalten. Dazu ist Orbáns Fidesz-Partei viel schwächer als gemeinhin angenommen wird.

Nach einem stetigen Höhenflug ist Fidesz in den letzten zwei Monaten in den Umfragen eingebrochen. Was erwarten Sie am 8. April?

Den Sieg, was denn sonst! Der Sieg der Opposition bei der Bürgermeisterwahl in Hodmezovasarhely hat unsere Möglichkeiten gezeigt, denn es handelt sich hier um eine Fidesz-Hochburg. Wie im ganzen Land hat Fidesz sich dort über Jahre die lokale Macht mit Geschenken aus den EU-Fördertöpfen für die eigenen Unterstützer – und Drohungen gegen die Kritiker gesichert.

Allerdings macht eine Schwalbe noch keinen Frühling.

Nein. Aber heute wiederholt Orbán in ganz Ungarn denselben Fehler. Er versucht, die Opposition mit juristischen Nachstellungen in die Enge zu treiben. Damit verhält er sich wie Erdogan und Putin. Doch die Ungarn stachelt dies zu verschrobenem Widerstand an. Nach der Niederschlagung der Revolution von 1956 sind wir zwar keine Helden mehr, aber wenn jemand uns einzuschüchtern versucht, finden wir immer einen Ausweg.

Wie sieht Ihre Strategie für die diesmal wahlentscheidenden 106 Direktmandate aus, die heuer viel wichtiger sind als die 93 über Parteilisten vergebenen Sitze?

In den meisten Majors-Wahlkreisen ist der stärkste Gegner des Fidesz ein Linker. Wenn es uns gelingt, ein Bündnis aus allen demokratischen Oppositionsparteien (Anm. d. Red.: ohne Jobbik) zu zimmern, können wir Orbán in genügend Wahlkreisen schlagen, um eine absolute Mehrheit zu verhindern.

Sie wollen das also ohne die rechtsextreme Oppositionspartei Jobbik schaffen?

Bei diesen Wahlen wird die Jobbik-Partei in ein paar Einerwahlkreisen den stärksten Oppositionskandidaten stellen. Obwohl ich keine Möglichkeit sehe, mit Jobbik formell zusammenzuarbeiten, werden wir in diesen Wahlkreisen ihren möglichen Sieg nicht mit unserer Wahlwerbung stören. Wir werden unsere Kräfte stattdessen in erster Linie auf Budapest und die grösseren Städte konzentrieren. Denn dort haben wir Siegespotenzial.

De facto kommt es also zu einer stillen Zusammenarbeit zwischen der Vereinigten Linken und den Rechtsextremen?

Wir haben nur beschränkte finanzielle und personelle Mittel und sind deshalb gezwungen, unsere Ressourcen effektiv dort einzusetzen, wo wir uns die besten Chancen auf einen Sieg ausrechnen. Und das ist nicht dort, wo heute Jobbik stark ist.

Was für eine Zukunft hat Ungarn, wenn Orbán dennoch erneut gewinnt?

Das Fidesz-Regime hat den Gipfel bereits erreicht und befindet sich auf dem absteigenden Ast. Aber der Druck auf NGO und noch unabhängige Medien wird noch einmal zunehmen. Denn jedes autoritäre Regime muss immer neue Krisen heraufbeschwören und Feinde sowie Sündenböcke vorzeigen, vor denen es das Land beschützen muss. Doch diese Strategie schafft mit jeder neuen Runde mehr Feinde. Am meisten fürchtet sich der Fidesz heute vor den Jungen, denn ihnen kann er nicht mehr mit dem Verweis auf «Kommunisten» oder Georges Soros Angst einjagen.

Lesen Sie die Reportage dazu:

Fürchten sich viele Ungarn wirklich vor Orbán?

Insgesamt herrscht ein Gemisch aus Korruption und Angst. Die Regierung hat den Ruf, nur noch für sich selbst zu sorgen. In seiner Rede am Nationalfeiertag hat Orbán gerade eine neue rote Linie überschritten: Er drohte der Opposition offen mit politischer und juristischer Verfolgung.

Was passiert, wenn die Linke zwar Orbáns Mehrheit brechen, aber nicht alleine regieren kann?

Wir haben gesiegt, wenn Fidesz keine absolute Mehrheit mehr bekommt. In diesem Fall schiessen wir eine zeitlich begrenzte Allianz mit Jobbik, nicht um zusammen zu regieren, sondern um wieder Rechtsstaatlichkeit herzustellen und zum Beispiel das Wahlrecht zu ändern. Sobald dies abgeschlossen ist, rufen wir neue Parlamentswahlen aus.

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