Sterbehilfe
Frankreichs berühmtester Koma-Patient Vincent darf (noch) nicht sterben

Seit 2008 liegt Vincent Lambert im Koma. Seine Angehörigen streiten darum, ob er sterben darf, oder nicht. Sein Fall bewegt ganz Frankreich. Der Europäische Menschengerichtshof hat eine Abschaltung der Geräte im letzten Moment verhindert.

Stefan Brändle, Paris
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Koma-Patient Vincent Lambert und seine Mutter im Spital von Reims.

Koma-Patient Vincent Lambert und seine Mutter im Spital von Reims.

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Alle Franzosen kennen Vincent Lambert. Der 38-jährige Psychiatriehelfer liegt nach einem Autounfall im Jahr 2008 in einem Spital von Reims. Er ist querschnittgelähmt und im Koma. Er wird künstlich ernährt und beatmet und hat laut den Ärzten keine Aussicht auf eine Besserung seines Zustandes, den seine engsten Angehörigen mit «Vegetieren» umschreiben.

Seine Frau Rachel stellt keine Reaktionen mehr fest, wenn sie bei ihm ist. Sie will die medizinischen Apparate, die ihn künstlich am Leben erhalten, abstellen. Das habe ihr Mann früher selbst gewünscht, erklärt sie.

Lamberts Eltern sind jedoch überzeugt, dass ihr Sohn sie hört, dass er Gefühle hat. «Vincent ist kein Gemüse», erklärte seine Mutter Viviane Lambert, eine praktizierende Katholikin, in den Medien. Seit Jahren wird der Kampf zwischen Mutter und Gattin öffentlich ausgetragen. Die Familie ist in zwei Lager gespalten: Ein Halbbruder unterstützt die Eltern, ein Neffe Lamberts Frau.

Was heisst «vernünftig»

Die Nation ist ebenfalls gespalten. Der Fall Lambert hat die in Frankreich nie gelöste Frage der Sterbehilfe neu lanciert. Das letzte Gesetz aus dem Jahr 2005 untersagt die aktive wie auch die passive Sterbehilfe. Gleichzeitig will es Ärzte daran hindern, bei unheilbar kranken Patienten ein «unvernünftiges Beharren» an den Tag zu legen.

Doch was ist bei solchen menschlichen Tragödien schon vernünftig? Eine nationale Kommission prüft nun eine gesetzliche Neuauflage. Das Pflegepersonal will eher eine Liberalisierung, die Bischofskonferenz lehnt sie ab. Die Politiker haben alle eine eigene Meinung zum Fall Lambert, aber ein gesetzlicher Konsens scheint nicht möglich.

Daher liegt der Ball in vergleichbaren Fällen immer häufiger bei der Justiz. Vor allem die Affäre Lambert erhielt Signalcharakter, weil beide Familienparteien die Justiz bemühten. Nach dem jahrelangen Rechtsstreit stand am Dienstag endlich der Entscheid des höchsten Verwaltungsgerichts Frankreichs an. Und die 17 höchsten Richter des Conseil d’Etat fällten für einmal ein klares Urteil: Lambert sei bei «minimalem Bewusstsein» und habe «irreversible Hirnverletzungen» erlitten. Eine Kommunikation mit ihm sei nie mehr möglich; die Klinik in Reims könne die lebenserhaltenden Geräte abschalten. Vincent Lambert wäre sanft entschlafen.

Auch in vielen unbeteiligten Reaktionen war fast Erleichterung zu spüren, dass die Affäre ein «menschenwürdiges Ende» finden konnte, wie der Anwalt von Lamberts Gattin meinte. Umfragen in der Bevölkerung hatten zuvor klare Mehrheiten für diese passive Sterbehilfe gegeben.

Lamberts Eltern sprachen hingegen von einem «Todesurteil». Vorbeugend waren sie schon am Vortag und via Dringlichkeitsverfahren an den Europäischen Menschengerichtshof (EMG) in Strassburg gelangt. Am Dienstagabend, als die TV-Stationen in Paris bereits das traurige Sterben von Vincent Lambert bekannt gaben, ordnete der EMG an, der Koma-Patient solle weiterleben, bis in der Sache entschieden sei. Der Gerichtshof will den Fall grundsätzlich prüfen und könnte dabei auch seine Rechtsprechung revidieren. Laut Juristen dürfte dies einige Monate in Anspruch nehmen. So lange muss oder darf Vincent Lambert noch leben.

Ein Anwalt der Eltern erklärte, der EMG habe «die Tränen getrocknet», die der Entscheid des Staatsrates der Mutter verursacht habe, und freute sich: «Vincent darf kein Haar gekrümmt werden.» Neffe François Lambert bedauerte, dass der «Leidensweg» seines Onkels offenbar kein Ende finde. Er selbst habe sich wegen umgestürzter Gerichtsentscheide schon dreimal von ihm verabschiedet. Man überlege sich nun, Vincent in ein Land zu verlegen, wo die passive Sterbehilfe erlaubt sei. In Frage käme namentlich die Schweiz mit ihrer liberalen Sterbehilfe.»

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