Israel
Es gibt noch Radikalere als die Hamas

Im Gazastreifen widmen sich mehrere islamistische Organisationen dem Heiligen Krieg. Analysten warnen vor dem politischen Vakuum, das von noch radikaleren Kräften als der Hamas gefüllt werden könnte.

Susanne Knaul, Jerusalem
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KEYSTONE

Seit fünf Tagen mobilisiert die israelische Armee Zigtausende Reservisten. Noch hat Regierungschef Benjamin Netanjahu das Ziel der Operation «Schützende Klippe» nicht definiert.

Ginge es nur um eine Schwächung derer, die Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abfeuern, könnten die Angriffe der Luftwaffe und der Marine ausreichen.

Um die latente Raketengefahr grundsätzlich auszuschalten, wären eine Bodenoffensive und eine temporäre Neubesetzung des palästinensischen Küstenstreifens, wie sie der rechts-nationale Aussenminister Avigdor Lieberman fordert, unausweichlich. Analysten warnen jedoch vor dem politischen Vakuum, das von noch radikaleren Kräften als der Hamas gefüllt werden könnte.

Dr. Schaul Schai, Terrorexperte am Interdisziplinären Institut für Strategie und Politik Herzlia, hält es für verfehlt, die in Gaza aktiven Islamisten je nach Grad ihrer Radikalität zu hierarchisieren.

«Die Gruppen verfolgen jeweils eine unterschiedliche Agenda.» Die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, will die Gründung eines palästinensischen Staates auf dem gesamten Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer, in dem es anschliessend eine islamistische Gesellschaft mit Scharia-Recht geben soll.

Methodisch geht sie dabei einmal politisch vor, als Partei, die derzeit den Gazastreifen regiert und die sich um die Gesellschaft kümmert, und militant mit dem gewaltsamen Kampf gegen Israel, für den der militärische Arm der Hamas, die Essedin-a-Kassam-Brigaden, zuständig sind.

Irgendwie alle im Heiligen Krieg

Schnittpunkt zwischen der Hamas und dem palästinensischen Islamischen Dschihad, der zweitgrössten islamistischen Bewegung in Gaza, ist der militante Widerstandskampf, der Heilige Krieg.

Unterschiedlich ist, dass der Dschihad weder parteipolitisch organisiert ist noch eine gesellschaftliche Agenda verfolgt. Die Hamas war von Beginn ihrer Gründung an auch eine Wohlfahrtsorganisation und unterhält bis heute Kindergärten, Schulen, Behinderten- und Altenheime.

«Für den Islamischen Dschihad ist Wohlfahrt hingegen kein Thema», sagt Terrorexperte Schai. Ideologisch sei der Ende der 1980er-Jahre gegründete palästinensische Dschihad enger als alle anderen Bewegungen im Gazastreifen an den Iran gebunden, ungeachtet der Tatsache, dass die Palästinenser Sunniten sind.

«Der palästinensische Islamische Dschihad stimmt seine Operationen mit Teheran ab.» Während die Hamas über «Zigtausende Aktivisten» verfügt, zähle der Islamische Dschihad im Gazastreifen nur «Tausende».

Die Bevölkerung ist ihr egal

Die dritte und deutlich kleinere Gruppe mit vermutlich nur «Hunderten bis einigen wenigen tausend» Aktivisten sind die Salafis oder Salafisten, die im Gazastreifen zwar mehrheitlich Palästinenser sind, aber nicht ausschliesslich.

Im Unterschied zur Hamas und zum Islamischen Dschihad werden diese Splittergruppen von Aktivisten, die aus dem Ausland kommen, unterstützt.

Die Salafisten sind dem globalen Dschihad verpflichtet und verfolgen «dieselbe Weltanschauung wie Al Khaida oder IS», erklärt der Terrorexperte. Ziel sei der totale Heilige Krieg. «Mit der Bevölkerung im Gazastreifen (gemeint ist wohl die Sorge um sie) haben die Salafisten nichts zu tun.»

Nach Vorstellung der Salafisten sollte der Islam, ohne Abstriche oder Veränderungen, genau so, wie ihn der Prophet Mohammed selbst lebte, praktiziert werden. Das göttliche Recht, nicht das von Menschen gemachte, solle gelten. Dazu gehört, Dieben die Hand abzuschlagen und Ehebrecher zu steinigen.

Die Salafisten sind berüchtigt für ihre «Erziehungsaktionen» mit Brandsätzen gegen Internetkaffees oder Friseurläden, in denen Männer Frauen die Haare schneiden.

Im Gazastreifen tragen die Kämpfer schwarze Pumphosen und weite Gewänder, während die «Sunna», die zivilen Angehörigen der radikalislamischen Gruppe, weiss tragen.

Bei Auseinandersetzungen zwischen Hamas-Sicherheitsleuten und militanten Salafisten, die vor fünf Jahren im südlichen Gazastreifen ein Kalifat gründen wollten, wurden damals 20 Salafisten erschossen.

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