Italien
Erdbeben in Amatrice: Die Uhrzeiger des Glockenturms blieben bei 3.36 Uhr stehen

Bei einem schweren Erdbeben in Mittelitalien sind in der Nacht auf Mittwoch laut einer provisorischen Bilanz vermutlich über 120 Menschen getötet und mehrere tausend obdachlos geworden.

Dominik Straub, Rom
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Die Bevölkerung wohnt in Notzelten.
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Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Die Opferzahl stieg erneut.
Die Opferzahl stieg erneut.
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Die Opferzahl stieg erneut.
Jede Unterkunft wird für die Bevölkerung genutzt.
Die Opferzahl stieg erneut.
Die Opferzahl stieg erneut.
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Eine Karte des US-Erdbebendienstes zeigt an, wo die Erde in Italien bebte.
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Aus den Trümmern in Amatrice werden Leichen geborgen.
Der Schock in Amatrice sitzt tief.
Aus den Trümmern in Amatrice werden Leichen geborgen.
Aus den Trümmern in Amatrice werden Leichen geborgen.
Der Schock in Amatrice sitzt tief.
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Arcuata del Tronto
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erbeben in der italienischen Provinz Rieti nordöstlich von Rom
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erdbeben in Italien
Schweres Erbeben in Italien.
Schweres Erbeben in Italien.
Schweres Erbeben in Italien.

Die Bevölkerung wohnt in Notzelten.

Keystone

Im Morgengrauen, als die ersten Helfer ankamen, standen auf der grossen Piazza der Kleinstadt Amatrice Dutzende von Einwohnern – die meisten unter Schock und mit Staub auf den Kleidern und im Gesicht. Sie waren von dem Erdbeben förmlich aus dem Bett katapultiert worden, wie eine weinende Frau dem italienischen Fernsehen berichtete. Ihre Häuser waren beim Beben zerstört oder stark beschädigt worden. Mit blossen Händen räumten Bewohner und Helfer Trümmer weg und suchten nach Verschütteten.

"Die halbe Stadt ist weg. Unter den Trümmern befinden sich noch Dutzende Personen", erklärte Bürgermeister Sergio Pirozzi am Vormittag unter Tränen. Auch die Kirche von Amatrice ist zerstört worden; die Uhrzeiger des Glockenturms sind bei 3.36 Uhr stehengeblieben – dem Zeitpunkt, als die Erde bebte.

Laut dem italienischen Institut für Geophysik und Vulkanologie hatte das Beben eine Stärke von 6,0 auf der Richterskala; es folgten Dutzende zum Teil ebenfalls starke Nachbeben. Das Epizentrum befand sich in einer Tiefe von 4 Kilometern in der Nähe der Ortschaft Accumoli in der Provinz Rieti (Latium). Der Hauptstoss, der 142 Sekunden dauerte, war bis nach Rom, Rimini und Neapel spürbar. In zahlreichen Quartieren der Hauptstadt schwankten die Möbel und klirrten die Tassen in den Schränken.

Mehrere tausend Bewohner obdachlos

Die Zahl der Toten ist im Verlauf des Tages ständig nach oben korrigiert worden, da laufend neue Opfer aus den Trümmern gezogen wurden. Mittlerweile ist die Opferzahl aufDas gab Italiens Regierungschef Matteo Renzi am Mittwochabend bei einem Besuch in der Katastrophenregion bekannt. Er wies darauf hin, dass die Zahl der Toten weiter steigen könne. Es würden noch zahlreiche Menschen vermisst. Die Zahl der Verletzten gab er mit 368 an.

Das Erdbebengebiet liegt im Grenzgebiet der Regionen Abruzzen, Latium und Marken, weniger als 40 Kilometer Luftlinie von L'Aquila entfernt. Die Hauptstadt der Region Abruzzen mit ihren 70'000 Einwohnern war am 6. April 2009 ebenfalls von einem Erdbeben heimgesucht worden, bei dem über 300 Menschen ums Leben gekommen und 40'000 obdachlos geworden sind.

Laut Italiens Zivilschutzchef Fabrizio Curcio ist das Beben mit jenem von L'Aquila vergleichbar: Die beiden Gebiete befinden sich in der gleichen, extrem erdbegengefährdeten tektonischen Umgebung, und auch die Intensität war ähnlich. Doch im Unterschied zum Erdbeben von 2009 wurden diesmal ein eher dünn besiedeltes Gebiet und nur kleine Gemeinden erschüttert.

Das volle Ausmass der Schäden des Erdbebens ist erst im Lauf des Morgens klar geworden, als Hubschrauber erste Luftbilder der betroffenen Kommunen machen konnten. Das Dorf Pescara del Tronto mit seinen 135 Einwohnern ist vom Beben praktisch dem Erdboden gleichgemacht worden; in dem Ort wurden bis gestern Mittag 10 Tote gezählt, darunter ein erst eineinhalbjähriges Mädchen, deren Eltern überlebt haben. Überlebt hat in Pescara del Tronto laut Angaben des Zivilschutzes auch ein Geschwisterpaar von 4 und 7 Jahren. Sie haben ihr Leben wohl ihrer Grossmutter zu verdanken, welche die beiden nach dem ersten Erdstoss geistesgegenwärtig unter ihrem Bett in Sicherheit gebracht hatte.

Hälfte der Häuser zerstört

Mindestens die Hälfte der Häuser wurde auch in Accumoli zerstört; die übrigen wurden stark beschädigt. "Es ist ein Desaster: Wir haben keinen Strom, kein Wasser, keine Telefonverbindung" erklärte Stefano Petrucci, der Bürgermeister des 670 Einwohner zählenden Ortes. "Bei uns ist kein einziges Haus mehr bewohnbar; wir brauchen dringend Zelte, denn bei uns oben auf über 800 Metern über Meer sinken die Temperaturen in der Nacht auch im Hochsommer auf zehn Grad."

Die ersten Zeltstädte hat der italienische Zivilschutz, der in diesen Dingen wegen der zahlreichen Erdbeben eine grosse Routine hat, tatsächlich bereits zur Mittagszeit bereitgestellt. In Accumoli lag die provisorische Opferbilanz gestern Mittag bei 11 Toten – darunter eine vierköpfige Familie, die vollständig ausgelöscht wurde.

Der grösste vom Erdbeben betroffene Ort ist die Kleinstadt Amatrice (nach der die Pasta "all' amatricana" benannt ist) mit ihren 2650 Einwohnern. Auch hier lag das historische Zentrum zu einem grossen Teil in Trümmern; bis zum Nachmittag wurden 17 Tote geborgen. Stark beschädigt wurde das örtliche Krankenhaus: "Lauft, lauft, alle hinaus", habe die Krankenschwester geschrien, als das Beben in der Nacht eingesetzt hatte, sagte die 79-jährige Patientin Paola Mancini gegenüber dem "Corriere della Sera".

Alle Patienten mussten evakuiert und in Spitäler der Umgebung gebracht werden. Für die Verletzten des Erdbebens haben die Ärzte ein Lazarett unter freiem Himmel eingerichtet. Diverse Einwohner, die in ihren beschädigten Häusern blockiert waren, weil die Türen klemmten, haben sich mit Leintüchern aus den oberen Stockwerken abgeseilt, um ins Freie zu gelangen. Auch einige Feriengäste aus Rom wurden in dem beliebten Urlaubsort vom Erdbeben überrascht.

Wettlauf gegen die Zeit

Für die Rettungsmannschaften waren die Einsätze ein Wettlauf gegen die Zeit: Die meisten vom Beben betroffenen Ortschaften sind schon unter normalen Umständen nur durch kleine, kurvenreiche Strassen erschlossen – und zahlreiche Zufahrten sind durch das Beben und durch Felsstürze beschädigt worden. Amatrice war abgeschnitten, da Geröll die Strassen blockierte. Ausserdem war eine Brücke, die zum Ort führt, teilweise eingestürzt, was die Rettungsarbeiten zusätzlich erheblich erschwerte.

Um die isolierten Berggemeinden zugänglich zu machen und Dutzende von Menschen aus den Trümmern zu befreien, schickte die Regierung von Matteo Renzi neben Einheiten des Zivilschutzes und der Feuerwehr auch Soldaten in das Erdbebengebiet. Wegen der grossen Zahl von Verletzten haben die Behörden die Bevölkerung zum Blutspenden aufgerufen.

Regierungschef Renzi, der sich gegen Abend in das Erdbebengebiet einfliegen liess, versprach der betroffenen Bevölkerung, "dass niemand allein gelassen wird: keine Familie, keine Gemeinde, kein Ortsteil". Italien trauere um seine getöteten Landsleute, aber es werde wie immer in Notfällen sein grosses Herz zeigen. Staatspräsident Sergio Mattarelle, der sich wegen des Erdbebens umgehend von seiner Heimatstadt Palermo nach Rom begab, drückte den Opfern und ihren Angehörigen sein Beileid aus.

Grosser Schmerz

"Wir erleben einen Moment des grossen Schmerzes und der Verantwortung. Das ganze Land muss nun der betroffenen Bevölkerung solidarisch beistehen", betonte Mattarella. Auch Papst Franziskus ging anlässlich seiner Generalaudienz vom Mittwoch auf das Erdbeben ein und betete mit den Gläubigen auf dem Petersplatz einen Rosenkranz für die Opfer.

Wie immer nach einem Erdbeben wurde in Italien auch gestern Kritik laut bezüglich der mangelnden Bauqualität und Erdbebenvorsorge. Der Präsident der italienischen Bauingenieure, Armando Zambrano, erklärte gegenüber dem italienischen Radio, dass es in Italien zwar strenge Vorschriften zur Energieeffizienz gebe, aber keine zum erdbebensicheren Bauen. Dies führe dazu, dass auch bei mittelschweren Erdstössen regelmässig grosse Schäden entstünden.

Berechtigte Kritik

Beim Erdbeben von Mittwoch geht die – grundsätzlich sehr berechtigte - Kritik freilich ins Leere: Im Unterschied zum Erdbeben von 2009, als unzählige Neubauten in sich zusammengefallen waren, sind beim Beben von gestern hauptsächlich historische Ortskerne aus dem Mittelalter beschädigt worden.

Aus zahlreichen EU-Ländern und aus der Schweiz trafen gestern Hilfsangebote ein. EDA-Vorsteher Didier Burkhalter stehe in Kontakt mit seinem italienischen Amtskollegen Paolo Gentiloni und habe ihm die Unterstützung der Schweiz angeboten, berichtete die Nachrichtenagentur SDA. Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel drückte Renzi in einem Kondolenztelegramm "das tiefe Mitgefühl des deutschen Volkes" aus. Die Bilder der Verwüstungen seien schockierend, schrieb sie.

Der deutsche Aussenminister Steinmeier erklärte, wenn Unterstützung gewünscht werde, sei Deutschland dazu bereit. Auch der französische Staatspräsident Hollande bot Italien "all die Hilfe an, die vielleicht nötig ist". Er sprach von einer "schrecklichen Tragödie".