Nachruf
«Er bereitete sich nie auf die Sendung vor»: Roger Schawinski über Larry King, den berühmtesten Interviewer der Welt

Der amerikanische Fernsehjournalist Larry King interviewte alle US-Präsidenten, aber auch Mörder und Verschwörungstheoretiker. Der Schweizer TV-Pionier Roger Schawinski würdigt den mit 87 Jahren verstorbenen CNN-Moderator in einem Gastbeitrag für CH Media. Und verrät, er habe bei «TalkTäglich» vieles von ihm abgeschaut.

Roger Schawinski
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Larry King im Jahr 2011.

Larry King im Jahr 2011.

Jose Sena Goulao / EPA

Kein anderer TV-Talker hatte höhere Einschaltquoten und prominentere Gäste als Larry King. Sein Boss, CNN-Gründer Ted Turner, bezeichnete ihn als den «berühmtesten Interviewer der Welt», und das war keine Übertreibung. Während nicht weniger als 25 Jahren, von 1985 bis 2010, war «Larry King Live» Abend für Abend das Aushängeschild des Senders.

Gastautor Roger Schawinski schreibt, er habe sich bei TalkTäglich von Larry Kings Sendung inspirieren lassen.

Gastautor Roger Schawinski schreibt, er habe sich bei TalkTäglich von Larry Kings Sendung inspirieren lassen.

Foto: Severin Bigler

Kings Persönlichkeit war das eine, seine frische, interessierte Art, Leute zu befragen das andere:

Er stellte kaum je kritische Fragen, denn damit hätte er die Stars aus Politik oder Showbusiness nicht ins Studio locken können.

Er selbst bezeichnete sich nicht als Journalist, obwohl er oft News lieferte, so etwa als Ross Perot 1992 seine Präsidentschaftskandidatur in seiner Sendung ankündigte (Perot trat gegen den Demokraten Bill Clinton und den Republikaner George Bush an). Larry King bereitete sich nie auf seine Sendungen vor. Dies würde ihm seine Spontaneität nehmen, erklärte er.

Die Interviews waren spontan und kaum vorbereitet

Wenn er den Autor eines neuen Buches einlud, fragte er diesen vor laufender Kamera, worüber er denn geschrieben hat, weil er sich natürlich nicht eingelesen hatte. Seine Fragen waren bewusst kurz gehalten, und die am häufigsten gestellte lautete: «Warum?» Auf diese Weise ergaben sich angenehme, interessante und oft auch humorvolle Gespräche.

Bald zog er von der Ostküste nach Los Angeles, wo er alle grossen Hollywood-Stars vor der Türe hatte, von denen er selbst die schwierigsten ins Studio bekam. Der alternde Marlon Brando war so von Larry King angetan, dass er ihn vor laufender Kamera auf die Lippen küsste, was einen kleineren Skandal auslöste.

Keine Scheu vor boulevardesken Abgründen

Zudem hatte er alle Präsidenten seit Richard Nixon in seiner Sendung, aber auch UFO-Fans, Verschwörungstheoretiker, Mörder und hie und da auch ein spiritistisches Medium. Vor boulevardesken Abgründen hatte er keine Scheu. Legendär wurde etwa seine Interview-Kaskade zum Jahrhundertprozess von O.J. Simpson im Jahr 1995, über den er beinahe täglich das Neueste und Sensationellste berichtete.

Er hatte alle Präsidenten vor der Kamera: Larry King mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush im Jahr 1999.

Er hatte alle Präsidenten vor der Kamera: Larry King mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush im Jahr 1999.

John Russell / AP

Larry Kings Ausstrahlung verbarg eine privat sehr komplexe Person. Er heiratete nicht weniger als achtmal, musste in früheren Jahren zweimal persönlichen Konkurs anmelden, weil er das Geld bei Pferdewetten und mit teuren Autos verprasst hatte. Bereits 1987 erlitt er einen Herzinfarkt, musste sich später einen fünffachen Bypass einsetzen lassen, hatte Diabetes, Lungenprobleme und erkrankte zuletzt schwer an Covid.

Für mich war Larry King trotz vielen Unterschieden in unseren Interview-Ansätzen eine Leuchtfigur.

Auch er hatte während vielen Jahren seine Sporen beim Radio abverdient und sich dort seine Routine geholt. Als ich bei TeleZüri 1994 mit «TalkTäglich» die erste tägliche Talkshow der Schweiz lancierte, guckte ich mir das Meiste von ihm ab.

Wie Larry wollte ich in jeder Sendung die an diesem Tag spannendste Figur im Studio haben. Wie er liess ich ein Dekor bauen, bei dem der Gast und der Interviewer ganz nahe beieinander sassen. Und wie er es vormachte, versuchte ich mit überraschenden Fragen zu überraschenden Antworten zu kommen.

Dabei war ich immer insgeheim neidisch auf ihn, weil er aus dem glamourösesten und prominentesten Gästepool der Welt schöpfen konnte, während ich mich mit dem viel bescheideneren Personal unseres Landes begnügen musste.

2010 stellte CNN «Larry King Live» ein, nachdem die Quoten laufend weiter gefallen waren.

Alle kamen sie zu ihm: Larry King mit Box-Legende Mike Tyson (1995).

Alle kamen sie zu ihm: Larry King mit Box-Legende Mike Tyson (1995).

Lennox Mclendon / AP

Sein Nachfolger Piers Morgan erreichte nie mehr die alten Werte und war bald wieder weg. Auch bei allen anderen TV-Sendern konnte niemand die Nachfolge von Larry King antreten. Und so ist der Mann aus Brooklyn, der nun mit 87 Jahren gestorben ist, eine Legende geworden, wie sie das Fernsehen oder das Internet in einer Zeit der atomisierten Medienwelt nie mehr hervorbringen wird.