Elfenbeinküste
Endkampf um Metropole Abidjan

In der Elfenbeinküste sind zwar die bitteren Auseinandersetzungen der vergangenen Tage abgeflaut. Aber die beiden Rivalen für das Präsidentenamt, Laurent Gbagbo und Alassane Ouattara, bereiten sich für einen letzten Kampf vor.

Kristin Palitza, Kapstadt
Drucken
Teilen

In der Elfenbeinküste stehen die Zeichen auf Sturm. Zwar sind die bitteren Auseinandersetzungen der vergangenen Tage abgeflaut. Aber die beiden Rivalen für das Präsidentenamt, Laurent Gbagbo und Alassane Ouattara, bereiten sich für einen letzten Kampf um Abidjan vor.

Am Montag hat Alassane Ouattaras Premierminister Guillaume Soro zu neuen Angriffen aufgerufen. «Es war unsere Strategie, Abidjan zu umstellen, was uns gelungen ist. Wir haben Soldaten ins Stadtzentrum gesandt, um Gbagbos Truppen, Miliz und Söldner zu beunruhigen. Die Situation ist reif für eine schnelle Offensive», sagte Soro in einer Fernsehübertragung auf Ouattaras Sender TCI. Zunächst blieb die Lage Abidjans relativ friedlich, jedoch angespannt. Geschützfeuer und Explosionen waren nur vereinzelt zu hören.

Tausende von Ouattara-Kämpfern haben sich seit Sonntag im Norden der Hauptstadt versammelt, um sich für einen blutigen letzten Angriff vorzubereiten. 30 Kilometer südlich, im Stadtzentrum, haben sich auch die Streitkräfte Gbagbos verstärkt gruppiert. Laut Augenzeugenberichten wurden am Wochenende Bootsladungen von jungen Gbagbo-Anhängern nach Abidjan geschifft. «Wir erwarten jederzeit den Ausbruch neuer Feindlichkeiten, und wir sind darauf vorbereitet, uns zu verteidigen und mit allen Mitteln Kontrolle über Abidjan zu behalten», sagte ein Pro-Gbagbo-Offizier am Sonntag.

Menschlicher Schutzschild

Laurent Gbagbo klammert sich seit den Präsidentschaftswahlen vom 28. November an die Macht, obwohl Ouattara von der internationalen Gemeinschaft als Sieger anerkannt wurde. Eine Attacke auf Gbagbos Präsidentenpalast war am Sonntag vereitelt worden. 700 bewaffnete Gbagbo-Anhänger hatten sich vor die Tore des Präsidentenpalasts gestellt, nachdem das von Gbagbo kontrollierte Staatsfernsehen RTI die Bevölkerung aufrief, einen «menschlichen Schutzschild» zu bilden.

Die fünf Millionen Einwohner Abidjans mussten sich über die letzten vier Tage in ihren Häusern einschliessen, Fenster verdunkeln und Türen mit Möbelstücken verbarrikadieren. Erbitterte Kämpfe fanden in von Gbagbo gehaltenen Stadtvierteln statt, vor allem um den Präsidentenpalast, den staatlichen Fernsehsender RTI und einen Militärstützpunkt. «Wer auf der Strasse ist, macht sich praktisch zum Ziel», berichtete Henry Gray, Koordinator der medizinischen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Abidjan.

Ein Einwohner des Stadtviertels Koumassi sagte zu Reportern der britischen Zeitung «Guardian»: «Ich habe Ouattara gewählt, aber die Situation gefällt mir nicht.» Ethnische Spannungen vertieften sich täglich, sagte der Mann. «Es herrscht so viel gegenseitiges Misstrauen, man hat das Gefühl, die Situation kann jeden Moment explodieren.»

UNO und Frankreich greifen ein

Französische Truppen nahmen am Sonntag Abidjans Flughafen ein und verstärkten Frankreichs Militärpräsenz. Gbagbo reagierte mit feindseliger Rhetorik gegen die «fremde Besatzung». Der von Gbagbo kontrollierte staatliche Fernsehsender beschuldigte Frankreich, einen Genozid wie in 1994 in Ruanda zu planen.

Doch gestern griffen nun Militärhelikopter der UNO und Frankreichs in das Kampfgeschehen ein. Die Regierung in Paris teilte mit, dass sie ihren Soldaten den Auftrag erteilt habe, an der Seite der UNO-Truppe einzugreifen und schwere Waffen der Einheiten Gbagbos zu zerstören. UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon habe Frankreich um den Einsatz zum Schutz der Zivilbevölkerung ersucht.

Nach mehr als vier Monaten politischer Unruhen droht der Elfenbeinküste eine humanitäre Katastrophe. Hunderttausende sind in den vergangenen Wochen vor den Kämpfen geflüchtet. Mehr als 1300 Menschen sollen seit den November-Wahlen getötet worden sein, die meisten von ihnen in der vergangenen Woche.
Im kenianischen Nairobi sagte Ban Ki-moon: «Es ist zu viel Blut vergossen worden. Ich erneuere meinen Aufruf an Herrn Gbagbo, zurückzutreten, um weitere Gewalt zu verhindern, und die Macht an den legitimen Präsidentschaftskandidaten Ouattara abzugeben.»

Allerdings hatte sich auch das Verhältnis zwischen der UNO und Ouattaras Lager angespannt, nachdem Ouattara für ein Massaker im Westen des Landes verantwortlich gemacht worden ist. In Duékoué sollen Anfang vergangener Woche bis zu 1000 Menschen getötet worden sein, als Pro-Ouattara-Truppen Richtung Süden zogen. Massengräber wurden auch an anderen Orten entdeckt. Guillaume Ngefa, Vizevorsitzender der Menschenrechtsabteilung der UNO-Mission in der Elfenbeinküste (UNOCI), sagte, Ouattaras Anhänger seien für mindestens 220 der Tode verantwortlich. Pro-Gbagbo-Milizen hätten im selben Zeitraum mehr als 110 Menschen getötet. Zuvor wurden vor allem Anhänger Gbagbos für Angriffe auf die Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht. Die UNO hat nun einen Sonderbeauftragten nach Duékoué entsandt, um das Massaker zu untersuchen.

Tausende zur Flucht gezwungen

Ouattaras vorrückende Front habe ausserdem in den letzten Tagen Tausende im Westen der Elfenbeinküste zur Flucht gezwungen, erklärte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Hilfsorganisation erwarten eine Viertelmillion Flüchtlinge im benachbarten Liberia bis Ende Juni. Bislang sollen 80000 Ivorer vertrieben worden sein. Die Organisation hat allein in den vergangenen Tagen mehr als 230 Verwundete in den Städten Bangolo und Duékoué behandelt. «Die Bevölkerung leidet stark unter den Konsequenzen der Attacken», bestätigte Renzo Fricke, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen.

Hilfsarbeiter der Organisation Oxfam warnten vor Nahrungsmittelknappheit und unzureichenden Hygieneeinrichtungen, um die grosse Anzahl von Flüchtlingen zu versorgen. Es herrscht ausserdem Besorgnis, dass der Konflikt in politisch labile Nachbarländer wie Liberia und Sierra Leone übergreifen könnte. Die Elfenbeinküste ist als weltgrösster Kakaoproduzent eines der einflussreichsten Länder Westafrikas. Sie ist ausserdem ein wichtiger Testfall für die Demokratie der Region.

Aktuelle Nachrichten