Spanien
Eine Stadt speckt ab – Ziel: 100'000 Kilo weniger in zwei Jahren

Die Kleinstadt Narón in Galicien hat ihre 40000 Einwohner auf Diät gesetzt. In zwei Jahren sollen die Menschen zusammen rund 100'000 Kilo weniger auf die Waage bringen.

Ralph Schulze, Madrid
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Abspeck-Initiant: Der Hausarzt Carlos Piñeira.

Abspeck-Initiant: Der Hausarzt Carlos Piñeira.

AFP/Getty Images

«Wir sind keine Stadt der Dicken», sagt Naróns Stadtpräsidentin Marián Ferreiro. «Sondern wir sind ein ganz normaler Ort, wo es, wie in jeder anderen Stadt auch, Probleme des Übergewichts gibt.» Aber Narón ist die erste spanische Stadt, die ihren Bürgern eine kollektive Schlankheitskur verschrieben hat, um ein paar überschüssige Kilos zu verlieren – ganz nach dem Motto «gemeinsam geht es besser». Das Rezept scheint zu funktionieren: Tausende Menschen machen mit. Und sie sorgen dafür, dass sich die Stadt am Atlantik zum Vorreiter Spaniens und zu einem Modell für Europa entwickelt.

Die Latte wurde in der Kleinstadt am Atlantik, in der knapp 40'000 Einwohner leben, hoch gehängt: Die Menschen sollen dazu motiviert werden, im Laufe von zwei Jahren rund 100'000 Kilogramm abzunehmen – zusammengerechnet natürlich. Die Gesundheitsexperten im Rathaus schätzen, dass rund ein Drittel der Bevölkerung zu viel auf den Rippen hat. Wenn also jeder Übergewichtige es schaffen würde, im Schnitt zehn Prozent leichter zu werden, sei ein wichtiger Schritt zu einem gesünderen Leben getan, heisst es.

Die Stadtpräsidentin macht mit

Schon seit Jahresanfang läuft in Narón, das rund 600 Kilometer nordwestlich von der Hauptstadt Madrid in der Region Galicien liegt, die Abnehmkampagne unter dem Titel «100'000 gewichtige Gründe». Mit ersten Erfolgen: Rund 4000 übergewichtige Bürger machen inzwischen mit. Zum Beispiel Teresa Rodríguez, die in den letzten Monaten zwölf Kilo verlor. «Ich wog vorher 82 Kilogramm und jetzt sind es nur noch 69», berichtete sie dieser Tage im lokalen Radiosender. «Und ich fühle mich nun sehr viel besser.»

Sogar die 41-jährige Stadtpräsidentin Ferreiro stellte sich öffentlichkeitswirksam auf die Waage und verkündete anschliessend, dass die angezeigten 75 Kilo Gewicht zu viel seien. Seitdem probiert auch sie das schlichte, aber effektive Schlankheitsrezept aus, das im städtischen Gesundheitszentrum allen übergewichtigen Patienten verordnet wird: gesünder Essen mit einer kalorienbewussteren Ernährung und wenigstens eine Stunde Bewegung am Tag.

Die Idee zu diesem Massenexperiment hatte der Hausarzt Carlos Piñeira. Er nahm sich vor, den Bürgern seiner Stadt ein gesünderes Leben zu verschaffen und der sich ausbreitenden Fettleibigkeit gegenzusteuern. Das bringe den Menschen mehr Lebensqualität, sagt er. Und es helfe zugleich den Patienten wie dem Gesundheitssystem, Kosten für teure Behandlungen zu sparen. Er erinnert daran, dass die Bekämpfung des Übergewichts, eine der Hauptursachen für Herz- und Kreislaufprobleme, bei der Krankheitsvorbeugung eine entscheidende Rolle spiele.

Der Schlüssel zum Erfolg sei dabei die «gemeinsame Herangehensweise», glaubt der Arzt. Also keine einsamen Abmagerungskuren, sondern kollektive Aktionen zusammen mit anderen Betroffenen. Piñeira sorgte dafür, dass sich seine Patienten täglich zum Walking, Wandern, Tanzen, zur Gymnastik oder anderen Aktivitäten treffen. Das Rathaus und Vereine flankieren die Kampagne mit Sport-, Ernährungs- und Diätkochkursen. Sogar die Restaurants machen mit und haben nun «schlanke Menüs» auf der Karte. «Wenn man gesund isst, schmeckt es noch besser», proklamieren die Küchenchefs.

Im Kindergarten fängt es an

Schon die Kleinen lernen nun in Náron in Kindergärten und Schulen, wie man Übergewicht vermeidet. Die Hoffnung ist, dass die Kinder dann auch ihre Eltern dazu bringen, bewusster zu leben.

Experten und TV-Teams aus ganz Europa pilgern inzwischen in die Kleinstadt Narón, um Spaniens gesündeste – und vielleicht bald auch schlankeste – Stadt zu besuchen. Der Europäische Verband für die Erforschung der Fettleibigkeit (EASO) zeichnete Naróns Gesundheitskampagne inzwischen als vorbildlich aus. Und Naróns Hausarzt Carlos Piñeira freut sich, dass sein kollektives Schlankheitsexperiment nun auch andernorts Nachahmer findet. «Als wir anfingen, haben einige Leute gelacht», erinnert er sich. «Heute sind die Menschen stolz, dass sie zu einer Stadt gehören, die einen gesunden Lebensstil fördert.»

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