Kroatien
«Ein neues Ungarn ist nicht ausgeschlossen»

Der kroatische Intellektuelle und Verleger Nenad Popovic über neonationalistische und chauvinistische Töne in seinem Land.

Norbert Mappes-Niediek
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Er gehört zu den führenden Intellektuellen Kroatiens. Als Verleger in Zagreb machte er während des Krieges im Nachbarland bosnische Autoren bekannt und trat als Herausgeber und als Essayist hervor.

Er gehört zu den führenden Intellektuellen Kroatiens. Als Verleger in Zagreb machte er während des Krieges im Nachbarland bosnische Autoren bekannt und trat als Herausgeber und als Essayist hervor.

zvg

In Kroatien werden in diesen Tagen vergessen geglaubte Töne laut. Da ist von «Serbenfreunden» die Rede, von «Verrätern», und ein populärer Slogan beschwört sogar den Krieg wieder herauf: «1991 ging es gegen Jugoslawien, 2015 geht es gegen die Jugoslawen». Was ist da los?

Nenad Popovic: Rechtsextreme Kreise und alte Frontkämpfer belagern seit mehr als drei Monaten das Veteranenministerium, fordern den Rücktritt des für sie zuständigen Ministers und ein Verfassungsgesetz, das sie privilegiert. Dabei benutzen sie ein chauvinistisches Vokabular, das wir hier seit der Tudjman-Ära in den Neunzigerjahren nicht mehr gehört haben. Da sagte jetzt ein Aktivist zum Beispiel den Satz: Wir sind gegen den Jugo-Gestank.

Wer sind denn «die Jugoslawen», von denen da die Rede ist?

Das ist der innere Feind – kroatische Mitbürger, die keine hinreichend nationale Gesinnung zeigen, unter anderem die Mitte-Links-Wähler. Es ist eine Sprache, die etwa in Ungarn von der Partei Jobbik und den Kräften rechts von ihr benützt wird.

Rechtsextremisten gibt es inzwischen überall.

Die Veteranenverbände sind hier aber nicht auf das Internet oder auf bestimmte Orte beschränkt. Sie sind ein massiver Faktor. Ihre plötzliche soziale Präsenz ist eingebettet in die Renaissance der Tudjman-Partei HDZ. Die bedient sich derselben Ikonografie, derselben Fahnen, Abzeichen und Gesänge.

Was sind das für Leute, woher kommen sie?

Es sind die Verbände der Freiwilligen, die im Krieg 1991 bis 1995 gegen die jugoslawische Armee gekämpft haben – nach der offiziellen Liste 500 000 Mann, in einem Land von knapp viereinhalb Millionen Einwohnern eine absurde Zahl. Wer dazugehört, bekommt zahlreiche Vergünstigungen: Entschädigung, Frühverrentung, Rentenaufstockung, Studienplätze für die Kinder.

Was wahrscheinlich mehr Neid als Sympathie erweckt.

Ja. Wer nur 20 oder 30 Euro mehr hat als andere, wird da schon als Kriegsgewinnler angesehen – bei der immensen Arbeitslosigkeit, bei einer Sozialhilfe in Höhe von 100 bis 150 Euro. Die Suche nach Abfällen ist zu einem Überlebensmodus geworden. Keine Plastikflasche, kein Stück Brot bleibt länger als 15 Minuten in einem Container. Man kann das aus jedem Fenster beobachten. Der Massenauszug nach Westeuropa hat wieder eingesetzt. In einem Jahr sind 300 Ärzte gegangen.

Warum unterstützt die HDZ die Veteranenszene, die so unbeliebt ist? Kann sie denn da etwas gewinnen?

Sie kann, weil der Zorn auf die Mitte-Links-Regierung enorm ist. Seit Jahren bewegt sich wirtschaftlich nichts. Da sind die Veteranen eine Stimmungsalternative. Man erweckt mit ihnen die Illusion, es bräuchte nur ein bisschen mehr Gemeinsamkeit, ein gemeinsames Ziel, und schon könnte eine nationale Partei die fleissig arbeitenden Kroaten aus der Krise herausführen.

Wozu Propaganda, wenn der Zorn eh schon so gross ist? Könnte die HDZ da nicht einfach warten, dass ihr die Mehrheit in den Schoss fällt?

Nein. Die Partei hat vor drei Jahren ein Fiasko erlebt, das eigentlich keine Partei überlebt. Sie wurde gerichtlich als «kriminelle Organisation» bezeichnet. Der Ministerpräsident und Parteichef sitzt im Gefängnis. Minister sind zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt worden, und andere konnten sich nur retten, indem sie als Kronzeugen gegen die eigene Partei aufgetreten sind.

Aber was bietet die Partei konkret?

Seit 1990 sind Netzwerke von Kleinprivilegierten entstanden. Wer in der Partei ist, hat Zugang zu einem informellen System der Verteilung von Gütern. In der Kleinstadt garantiert die HDZ, dass Ihre Tochter eine Stelle in der Stadtverwaltung bekommt. Familien sind darauf angewiesen, dass der Vater ein angesehenes Mitglied der HDZ ist. Das ist nach 25 Jahren keine Gelegenheitskorruption mehr. Das ist eine ganze Kultur.

Nun hat die HDZ gute Aussicht, binnen Jahresfrist an die Macht zu kommen. Wird Kroatien dann ein neues Ungarn?

Das ist nicht ausgeschlossen. Der Tonfall, die Rhetorik, der Voluntarismus, die Demagogie – das macht einen ungarischen Weg voraussehbar. Als einen ihrer ersten Berater hat die künftige Präsidentin, die aus der HDZ kommt, einen Scharfmacher aus den Veteranenkreisen ernannt. Den inneren Feind gibt es auch, ganz wie in Ungarn. Ein demokratisches Regulativ dagegen gibt es nicht.

Auch nicht mit der EU?

Auch ein Viktor Orbán gedeiht innerhalb der EU viel besser als ausserhalb, wo ihm Sanktionen drohen könnten.

Ungarn ist ein sehr abgeschlossenes Land, fast autistisch. Kroatien ist offener. Liegt darin nicht Hoffnung?

Es stimmt, Kroatien ist in dieser Hinsicht das Gegenteil von Ungarn, aber eine Hoffnung sehe ich darin nicht. Wenn es hier nicht geht, fahren die Leute eben hundert Kilometer weiter, nach Graz, Klagenfurt, München, Triest oder Mailand und schauen, dass sie dort vorwärtskommen.

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