Filmdokument
Ein Amateurfilm hielt die berühmtesten 26 Sekunden des Jahrhunderts fest

Vor 50 Jahren, am 22. November 1963, wurde der der damalige US-Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen. Abraham Zapruder bannte das Attentat auf Zelluloid. Doch auch seine Bilder können nicht erklären, was damals genau geschehen ist.

Max Holland
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Aus dem Film: Kurz nachdem JFKs Kopf explodierte: Präsidenten-Gattin Jackie klettert aufs Heck. Screenshot

Aus dem Film: Kurz nachdem JFKs Kopf explodierte: Präsidenten-Gattin Jackie klettert aufs Heck. Screenshot

«Ein Symbol» – das Wort ist heute überstrapaziert. Das mag so sein, aber wenn das Wort überhaupt je am Platz ist, dann bei den Bildern, die Abraham Zapruder am 22. November 1963 auf 8-Millimeter-Film bannte.

Der Mord an Präsident John F. Kennedy wurde verschiedene Male untersucht

1963/64 Die Warren Commission produziert den Warren Report (850 Seiten, dazu 26 Bände mit Materialien): Oswald und Ruby waren Alleintäter ohne Hintergrund. Der Bericht erreicht sein Ziel nicht. Immer mehr Amerikaner glauben, dass Kennedy einer Verschwörung zum Opfer fiel. 2013 ergab eine Umfrage immer noch 59 Prozent. Obwohl der frühere CIA-Boss Allen Dulles Mitglied der Kommission ist, wird später bekannt, dass die CIA Material (vor allem zu Oswald) zurückgehalten hat und allenfalls sogar vernichtet haben soll. Auch das FBI arbeitete nur widerwillig mit der Warren Commission (WC) zusammen. Wohl, weil FBI-Boss Edgar Hoover das Attentat lieber selbst mit seinem Büro untersucht hätte. Als die Unterredungen zwischen Hoover und Präsident Johnson veröffentlicht werden, zeigt sich auch, wie schlecht informiert der FBI-Boss war. Kaum denkbar, dass er einer der Drahtzieher eines cover-up gewesen sein könnte, wie Verschwörungstheoretiker mutmassen.

1968 Das Panel von Justizminister Ramsey Clark kommt nach Prüfung von Autopsie-Fotos, Röntgenbildern und anderen medizinischen Beweisen zum gleichen Schluss wie die WC: Kennedy erlitt zwei Treffer - einen in den Rücken, einen in den Kopf, der ihn tötete.

1967/69 Jim Garrison, Staatsanwalt von New Orleans, führt einen Prozess gegen den Geschäftsmann Clay Shaw: Verdacht auf Beteiligung an der Verschwörung zur Ermordung von Kennedy. Hauptzeuge Perry Russo, der aussagt, an einer Party sei im Dabeisein von Oswald über die Ermordung von Präsident Kennedy diskutiert worden, wird hypnotisiert und schliesslich mit der «Wahrheitsdroge» Thiopental behandelt, bis die Aussage stimmt. Vor der Hauptverhandlung stirbt Garrisons zentrale Figur David Ferrie, der zusammen mit Oswald in den 50er-Jahren in der Civil Air Patrol war. Zweifel belieben, ob der Tod natürlich oder Selbstmord oder gar Mord gewesen ist. Ergebnis des Prozesses: ein Desaster und Freispruch für Shaw. Trotzdem wird der Garrison-Prozess zum Vorbild für den Film «JFK».

1975 Die Rockefeller Commission untersucht die (illegalen) Aktivitäten der CIA innerhalb der USA. Das Church-Committee deckt auf, wie CIA und Mafia bei Mordkomplotten zusammengearbeitet haben. Das Kennedy-Attentat spielt bei beiden Untersuchungen eine Rolle.

1978 Eine Kommission des Repräsentantenhauses (HSCA) kommt zum Schluss, dass die Ermordung Kennedys das Produkt einer Verschwörung sei. Zwei Schützen, vier Schüsse – aber die Beweislage ist flau. Der Beweis für den vierten Schuss beruht auf der Analyse einer Dictabelt-Aufzeichnung dessen, was ein Mikrofon an einem Polizei-Motorrad, das irrtümlicherweise offen gehalten wurde, übermittelt hatte.

1982 widerlegte ein Physiker-Ausschuss der National Academy of Sciences den Befund. Einen vierten Schuss habe es nicht gegeben. Was auf dem Dictabelt zu hören ist, ist immer noch umstritten.

Der 58-jährige Inhaber einer Damenbekleidungsfabrik wurde ohne eigenes Zutun einer der wichtigsten Dokumentaristen des 20. Jahrhunderts. Und das, indem er einfach auf einem Betonsockel stand in der Dealey Plaza, als Präsident Kennedys Autokolonne vorbeifuhr. Zapruders 26 Sekunden Amateurfilm sind unter den berühmtesten und unzweifelhaft meistuntersuchten Filmen der Fotogeschichte. Über sie wurden Bücher geschrieben, Dissertationen verfasst, Filme gedreht, Stücke geschrieben, Dokufilme gedreht, der Film wurde zum Kunstwerk und zuletzt zur Parodie. Eine der meistbekannten Episoden der Sitcom «Seinfeld» ist die Parodie der Szene, wie Oliver Stone in seinem Hollywood-Blockbuster «JFK» 1991 den Zapruder-Film vorführt.

Wie ein Rorschach-Test

Allen Untersuchungen des Films zum Trotz hat er dennoch nie eine schlüssige Darstellung geliefert, was um 12.30 Uhr in der Dealey Plaza wirklich passierte. Stattdessen funktionierte der Film wie ein Rorschach-Test, Anlass zu endlosen Interpretationen, Spekulationen und Entzifferungsversuchen. Nicht zwei Untersuchungsgremien – und es gab mehrere offizielle staatliche Prüfungen – kamen zum gleichen Ergebnis. Auch die vielen Untersuchungen verschiedener grosser Medienorganisationen der USA schafften das nicht.

Wie ist so etwas möglich, wenn man annimmt, dass die tödlichen Schüsse nur auf eine Art und Weise abgefeuert werden konnten?

Das Verstehen beginnt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Zapruder-Film von Beginn an eine so mächtige Wirkung auf die Vorstellungskraft hatte, dass man sich das Attentat gar nicht mehr anders vorstellen konnte. Für jedermann, der nicht auf der Dealey Plaza war – und dort waren nur etwa 400 Zuschauer – komprimierte sich das Attentat zu dieser einen und einzigen Darstellung, wie der Kritiker Richard Woodward einst schrieb. So sehr, dass Kennedys Tod ohne die Zapruder-Bilder nicht mehr vorstellbar schien.

Wenn Lee Harvey Oswald, der Hauptverdächtige, sich einem Gericht in Dallas hätte stellen müssen – damals war Präsidentenmord noch kein Verbrechen, das der Bundesgesetzgebung unterstand –, dann wäre der Zapruder-Film ohne Zweifel wichtig geblieben, aber nicht mehr so wichtig. Nehmen wir an, dass der Polit-Soziopath Oswald die Verantwortung für seine Tat übernommen hätte, dann hätte er die Schuss-Szene aus seiner Warte geschildert, und diese Schilderung hätte sich über das gelegt, was Zapruder gefilmt hatte. Der Film wäre zu einer Art optischen Untermauerung geworden.

Es kam nicht dazu, Oswald wurde am Sonntag drauf im Keller des Polizeihauptquartiers erschossen, und der Zapruder-Film erlangte ein Monopol – überwältigender als Oswalds Sicht vom Fenster des fünften Stocks des Texas School Book Depository. Die unglückliche, nicht gewollte Folge war, dass jede nächste Untersuchung sich auf den Film stützen musste. Drei Schüsse wurden in Dallas abgefeuert und alle drei – nimmt man an –, sind auf dem Film, auch wenn Zapruder vor der Warren Commission freimütig zugab, er hätte nur zwei gehört.

Als die Warren Commission das Attentat im Mai 1964 nachstellte, realisierte sie, dass der Oberkörper des Präsidenten einige Sekunden in Oswalds Blickfeld geriet, bevor Zapruder seine Kamera startete. Zu dieser Zeit wurde diese Beobachtung nicht genügend ernst genommen. Alle US-Marines – und Oswald gehörte zu ihnen – werden ausgebildet, auf den Körper zu zielen. In der Absicht, den Präsidenten des USA zu töten, hätte Oswald wohl bei der ersten Gelegenheit gefeuert. Er hätte keinen Augenblick länger als nötig gezögert, schon gar nicht für einen Amateurfilmer, von dem er nicht einmal wusste, dass er existierte.

Elf Sekunden zum Feuern

Wenn wir uns einmal befreien von der Auffassung, dass Zapruder das ganze Attentat gefilmt hat – oder dass der Film das ganze Attentat darstellt –, können wir jetzt einsehen, dass Oswalds Waffenhandhabung für einen trainierten Marine kein grosses Kunststück war, auch wenn Oswald kein Meisterschütze war. Er hatte mindestens elf Sekunden, um seinen italienischen Karabiner drei Mal abzufeuern.

Weil es der Warren Commission nicht gelang – ganz zu schweigen den Untersuchungen, die ihr folgten –, eine einzige, schlüssige und überzeugende Erklärung der Schüsse zu liefern, war eine der wichtigsten Gründe dafür, dass der Warren Report innert zweier Jahre, nachdem er publiziert wurde, unter heftige Kritik geriet. Der 50. Jahrestag ist die Gelegenheit, den kollektiven Zwang zu brechen, den der Zapruder Film über die allgemeine Vorstellung hatte. Wenn das gelingt, verliert der Film kaum an Symbolkraft. Aber es würde den Film an seinen angestammten Platz stellen: als ein Element der Beweismittel, und er muss nicht Oswalds Perspektive aus dem fünften Stock ersetzen.

Gleichzeitig würde ein korrektes Verständnis des Zapruder-Films den Warren Report in ein besseres Licht rücken. Seine fundamentalen Schlussfolgerungen würden überzeugender. Aber grundsätzlich müssen wir sie ohnehin nicht infrage stellen.

Max Holland ist Journalist in Washington, DC, und Autor von u.a. Leak: Why Mark Felt Became Deep Throat (2012) und The Kennedy Assassination Tapes (2004). 2011 war er der wissenschaftliche Hauptberater der TV-Dokumentation «JFK: The Lost Bullet» über das Kennedy-Attentat.