Wer ist Dick Marty?
Drogendealer, Mafia, Organhändler: Wo Marty gräbt, findet er oft Leichen

Dick Marty beschuldigt kosovarische Freiheitskämpfer und den Ministerpräsidenten Hashim Thaci des Organhandels. Wer ist dieser Mann, den die Kosovaren momentan als ihren grössten Feind betrachten?

Christian Bütikofer
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Keystone

Dick Marty sorgt für Schlagzeilen. Das Umfeld von Kosovos Ministerpräsidenten Hashim Thaci soll in Organhandel und weitere massive Menschenrechtsverbrechen verwickelt sein. Es ist nicht das erste Mal, dass Marty mit massiven Anschuldigungen weltweit für Aufsehen sorgt. Doch wer ist dieser Ständerat, der in der Schweiz die gesamte kosovarische Diaspora gegen sich aufgebracht hat?

Seine Familie stammt aus dem Wallis und war im Hotelgewerbe tätig. Er wurde in Lugano geboren und ging dort zur Schule. Noch mit 6 Jahren war er fast blind, dank beharrlichem Augentraining verbesserte er seine Sehkraft. Nach Volksschule und Gymnasium studierte der begeisterte Pfadfinder in Neuenburg Rechtswissenschaften.

Ein Staatsanwalt durch Zufall

Er war einer der begabtesten Studenten und alles deutete darauf hin, dass er eine akademische Karriere einschlagen würde: Marty arbeitete anfang der 70er-Jahre im Max-Planck-Institut für Strafrecht und verfasste eine preisgekrönte Arbeit über die Rolle des Strafrichters.

Doch dann wurde er überraschend angefragt, ob er in Bellinzona Staatsanwalt werden wollte. Er nahm an. Ihn reizte die Verknüpfung von Theorie und Praxis und schon drei Jahre nach Antritt wurde er 1978 vollamtlicher Staatsanwalt in Bellinzona.

Am Anfang des grössten Schweizer Polit-Skandals

Marty wurde in der Schweiz und international ein Begriff: Anfang der 80er-Jahre verfolgte er zuerst italienische Links-Terroristen mit Verbindungen ins Tessin. Danach widmete er sich dem Kampf gegen Drogenhandel, Mafia und Geldwäscherei. Diese drei Gebiete würden ihn noch lange beschäftigen.

1987 gelang ihm der damals grösste Drogenfang in der Schweiz: 20 Kilogramm Heroin und 80 Kilo Morphinbase stellen die Behörden im Februar sicher. Marty ermittelte zwei Jahre lang von Italien bis in die Türkei. 1988 verhaftete er die Hauptverdächtigen und löste damit die damals grösste Geldwäscherei-Affäre aus.

Mit dieser Aktion stand er ganz am Anfang der Kopp-Affäre, an deren Ende die damalige Bundesrätin und Parteikollegin Elisabeth Kopp zurücktreten musste.

Früh Gefahr der organisierten Kriminalität begriffen

Marty galt als einer der besten Drogenfahnder der Schweiz. Und er war einer der ersten, der die organisierte Kriminalität als grosse Gefahr für die Schweiz erachtete. Gleichzeitig stand er schon vor 20 Jahren für eine Liberalisierung von weichen Drogen ein. Nur so liesse sich das Drogenproblem auf der Konsumentenseite lösen. Und nur so werde man den weltweiten Drogenhandel - und die damit eingehenden grossen Gewinne - neutralisieren können.

Kompromiss-Kultur behagt ihm nicht

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere nach 14 Jahren als Staatsanwalt gab er 1989 überraschend bekannt, er wolle Tessiner Regierungsrat werden. Marty wurde bequem gewählt, als Finanzminister hielt er seinen Kanton sechs Jahre an der kurzen Leine - und hatte Erfolg damit.

Doch ihm behagte die Kompromiss-Kultur der Regierung nicht und er hatte zudem das Gefühl, seine Anliegen würden zu wenig ernst genommen. Er beklagte etwa, die Kompromisskultur führe zum Verlust des Verantwortungsgefühls eines jeden einzelnen.

Mit Freisinn-Mainstream auf Kriegsfuss

Trotz seiner typischen FDP-Politik als oberster Finanzpolitiker des Kantons war und ist Dick Marty ein progressiver, linker FDP-Vertreter. Mit dem FDP-Präsidenten und ehemaligen Pfadfinder-Kollegen Fulvio Pelli hat er das Heu in vielen Fragen schon lange nicht mehr auf der gleichen Bühne.

Nach dem Regierungsrats-Rücktritt blieb Marty in der Politik: Den Zwängen des Regierens entledigte er sich und wurde 1995 Ständerat. Nun konnte er aktiv Gesetze mitbestimmen, die er in der Vergangenheit lediglich anwandte.

Er war in Bern eine der treibenden Kräfte hinter der Gesetzgebung gegen die organisierte Kriminalität und den Ausbau der Bundesanwaltschaft (BA). Marty war auch führend, als es darum ging, die BA dem Einfluss des Bundesrates zu entziehen: Nicht mehr er hat nun die Aufsicht über sie, sondern eine unabhängige Kommission.

Damit hoffte er, die Strafverfolgungsbehörden dem politischen Einfluss zu entziehen.

2005: Foltergefängnisse in Europa angeprangert

Schon als Staatsanwalt war Dick Marty bekannt als Mann der Prinzipien. In Bern zeigte sich dieser Charakterzug etwa auch beim Thema Menschenrechte. 2005 prangerte er als Vertreter der Schweiz im Europarat die Existenz geheimer Foltergefängnisse des CIA in Europa an. Beweise dafür legte er nicht auf den Tisch - und wurde darum von vielen harsch kritisiert.

Heute zeigt es sich, dass er mit seinen weltweit Aufsehen erregenden Aussagen weitgehend richtig lag.

Damals behauptete Marty zudem auch, dass der amerikanische Geheimdienst CIA im Kosovo Gefängnisse benutzte, die gegen aussen durch die Nato-Mission KFOR betrieben worden seien. Das ist bis heute nicht bewiesen.

Europarat wurde durch Marty ein Ärgernis für die USA

Martys Engagement in Menschenrechtsfragen als Europarats-Abgeordneter verfehlte seine Wirkung nicht. Das zeigen Wikileaks-Depeschen.

US-Diplomaten kabelten 2009 verschnupft nach Washington, Marty schaffe es als Europarat-Abgeordneter, die Guantanamo-Diskussion in der Weltöffentlichkeit am Kochen zu halten. Der sonst bedeutungslose Europarat habe sich durch ihn bei der Diskussion um versteckte CIA-Gefängnisse und Guantanamo-Gefangene in Kuba zu einem «Champion» entwickelt.

Den Kosovo wollte er nicht sofort anerkennen

Als Micheline Calmy-Rey vor zwei Jahren den Kosovo nach seiner Unabhängigkeit von Serbien sofort als eigenständiges Land anerkannte, stellte sich Dick Marty wieder quer und mahnte zur Vorsicht: «Es lässt sich nicht leugnen, dass Kosovo heute eines der grössten Zentren der organisierten Kriminalität ist.» In diesem Land seien Menschen- Drogen- und Waffenhandel alltäglich.

Mit den neusten Anschuldigungen verfolgt der 65-Jährige vor allem ein Ziel: Er will die prekäre Situation des Kosovos als Staat zum Thema machen. Und dies erreicht er am besten, wenn er auf die Spitzen losgeht. Dabei hält er sich auch nicht an die diplomatische Gepflogenheit der wohlfeilen Rede: «In der Geschichte ist zu vieles schief gegangen, weil Menschen Vorschriften erfüllten.»

Wikileaks-Depeschen: 05PARIS8462, 09STRASBOURG6

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