Besuch in Europa
Donald Trump lässt Nato zahlen – und die Regierungschefs wie eine Schulklasse aussehen

Beim Treffen mit den EU-Spitzen blieb US-Präsident Donald Trump auf Distanz. Der Nato überbrachte er eine saftige Rechnung.

Remo Hess, Brüssel
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Fordernd und frisch: Donald Trump nahm gestern an der Eröffnung des neuen Nato-Hauptquartiers teil. Erst lobte er das Gebäude, dann kritisiert er die Regierungschefs, die dastehen wie eine Schulklasse.

Fordernd und frisch: Donald Trump nahm gestern an der Eröffnung des neuen Nato-Hauptquartiers teil. Erst lobte er das Gebäude, dann kritisiert er die Regierungschefs, die dastehen wie eine Schulklasse.

Reuters

Brüssel? Ein «Höllenloch». Die Europäische Union? «Ein Werkzeug Deutschlands.» Die Nato? «Überflüssig.» Donald Trump hat mit einigen Äusserungen unlängst für Unruhe auf dem alten Kontinent gesorgt. Daran ändert auch nichts, dass er sich in der Zwischenzeit teilweise korrigiert hat. Die zentrale Frage für Trumps gestrigen Besuch in Brüssel lautete deshalb: Was ist vom US-Präsidenten mit der «speziellen Persönlichkeit», wie es die Saudis ausgedrückt haben, zu erwarten?

Bei der Nato weiss man es nun zumindest: Trump will Geld sehen. Nicht, dass das vorher nicht schon bekannt gewesen wäre. Doch Trump sagte es gestern nochmals in aller Deutlichkeit. 23 der 28 Nato-Mitglieder würden nicht so viel bezahlen, wie sie sollten. Damit würden diese Nationen den USA «enorme Summen Geld» schulden, so Trump. Die Verteidigungsbudgets müssten deshalb schnellstmöglich auf die vereinbarten zwei Prozent der Wirtschaftsleistung erhöht werden – mindestens.

Ob es Donald Trump, dem die ungeteilte Aufmerksamkeit ein hohes Gut ist, unter der Vielzahl an Staatenlenkern in Brüssel wohl war, ist schwer zu beurteilen. Zuweilen machte er einen etwas verlorenen Eindruck unter all den Staats- und Regierungschefs, deren Namen er wohl noch nicht allesamt kennen dürfte. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gab sich denn auch sichtlich Mühe, Trump bestmöglich in den Club einzuführen.

Gefallen fand dieser auf jeden Fall am neuen Nato-Hauptquartier, das dem Verteidigungsbündnis gestern vom belgischen König Philippe übergeben wurde. «Schön» sei es, so Trump. Was es gekostet habe, werde er jetzt nicht fragen, setzte der New Yorker Immobilien-Tycoon scherzend hinzu. Fürs Protokoll: Es waren gut 1,2 Milliarden Euro.

Magritte und die geplatzte Pointe

Ein Willkommensgeschenk erhielt Trump insofern, als dass die Nato formell an der Anti-IS-Koalition in Syrien teilnehmen wird, wie Stoltenberg ankündigte. «Ein starkes politisches Zeichen» im Kampf gegen den Terrorismus sei dies, so Stoltenberg.

Trump, der sich selbst als Gewinner-Typ versteht, dürfte das Nato-Engagement zu Hause als Erfolg verkaufen wollen. Dass es sich um nicht viel mehr als einen Pyrrhussieg handelt, wird er dabei verschweigen. Denn sämtliche Nato-Staaten beteiligen sich schon jetzt an der Koalition. Neu werden einfach die Flugstunden der Nato-Awacs-Aufklärungsflugzeuge erhöht. Die Teilnahme an Kampfeinsätzen ist nicht vorgesehen. Ebenso werden die Awacs wie bisher lediglich vom türkischen Luftraum aus operieren.

Während ihr Ehemann die Welt der transatlantischen Verteidigungsallianz kennenlernte, verbrachte Melania Trump den Nachmittag im Museum des belgischen Surrealismus-Künstlers René Magritte. Mit Werken wie «Der Verrat der Bilder (Das ist keine Pfeife)» stellte Magritte hergebrachte Denkstrukturen infrage und versuchte Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen. «Man weiss ja nie: Vielleicht bewegt sich Donald Trump dank Magritte von einer Art Surrealismus hin zu einer anderen», sagte Museumsdirektor Michel Draguet im Vorfeld des Besuchs augenzwinkernd.

Mit Humor versuchten es am Morgen auch EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. «Sie wissen, dass wir zwei Präsidenten haben», sagte Tusk zu Trump in Anspielung darauf, dass ihn der US-Präsident nach einem Telefonat mit Juncker verwechselte. «Das weiss ich», erwiderte Trump. Juncker zeigte daraufhin mit dem Finger auf Tusk und unkte: «Ein Präsident hier ist zu viel.» So richtig wollte die Pointe jedoch nicht sitzen. Vielleicht wusste Trump jedoch auch einfach, dass sich halb Europa ob der Tusk-Juncker-Verwechslung über ihn lustig gemacht hatte.

Tête-à-Tête mit dem Anti-Trump

Auch bei den Sachfragen lagen die EU-Spitzen und der US-Präsident nicht auf einer Wellenlinie. Nach einem 45-minütigen Gespräch liess Ratspräsident Tusk ziemlich offen durchschimmern, dass die Positionen beim Handel und der Klimapolitik, immerhin zwei zentrale Bereiche der EU-Politik, weit auseinanderliegen. Zudem hat Trump anscheinend auch eine andere Vorstellung vom Umgang mit Russland: «Ich bin mir nicht zu 100 Prozent sicher, ob wir heute sagen können, dass wir eine gemeinsame Position haben zum Thema Russland», erklärte Tusk.
Alles in allem scheint man bei der EU aber froh zu sein, dass das gestrige Treffen ohne grössere Komplikationen über die Bühne ging und man sich persönlich kennenlernen konnte. Nach einer Reihe von Wahlen und Abstimmungen mit pro-europäischem Ausgang fühlt man sich heute in einer stärkeren Position als noch zu Jahresbeginn, als Trump den Brexit als «eine grossartige Sache» beschrieb.

Grossen Anteil daran hat auch die Wahl des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Von Macrons Tête-à-Tête mit Trump zum Mittagessen erhoffte sich Brüssel auch, dass er dem US-Präsidenten den Mehrwert des Pariser-Klimaschutzabkommens näherbringen konnte. Inwiefern das funktioniert hat, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass der US-Präsident in dieser Frage schon heute beim G7-Treffen erneut bearbeitet werden soll.

Trump on Tour: Waffendeals und Händchen-Gate

Neun Tage, fünf Länder, drei Weltreligionen und ein grosses Ziel: Zeigen, dass Amerika «da» ist, dass man seiner Rolle als führende Weltmacht wieder gerecht werden will. So lässt sich Donald Trumps erste Auslandreise als amerikanischer Präsident zusammenfassen.

Noch bis zum Samstag ist der mächtigste Mann der Welt mit seiner Entourage unterwegs. Erster Halt war am vergangenen Samstag Saudi Arabien, wo Trump einen Waffendeal über 110-Milliarden-Dollar unterzeichnete. Die Lieferung der Rüstungsgüter ans Königshaus in Riad dürfte sein angekündigtes Ziel, im Nahen und Mittleren Osten Frieden zu etablieren, stark erschweren. Der zweite wichtige Punkt seines saudischen Stopps war die Zusicherung der amerikanischen Freundschaft an die sunnitischen Herrscher.

Trump verurteilte die schiitische Führung des Irans scharf. Er machte deutlich, dass er mit Obamas diplomatischem Kurs gegenüber dem Iran eindeutig brechen und zur alten Allianz mit den Saudis zurückkehren will.

Am Montag besuchte er als erster amtierender Präsident die Klagemauer in Jerusalem und leistete sich mit seinem ungeschickt formulierten Eintrag im Gästebuch der Yad-Vashem-Holocaust-Gedenkstätte den bisher grössten Fauxpas seiner Reise. Neben dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu traf sich Trump auch mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas.

Am Mittwoch besuchte Trump den Papst in Rom und reiste gleichentags weiter nach Brüssel. Nach Gesprächen mit Vertretern der Nato und der EU fliegt Trump heute Freitag ans G7-Meeting in Sizilien.

Zu reden gab nebst Trumps offiziellen Auftritten auch seine Frau Melania. Die First Lady weigerte sich trotz Trumps Aufforderung gleich mehrfach, mit ihrem Gatten Händchen zu halten. Der Haussegen scheint bei den Trumps trotz dem gemeinsamen Luxus-Trip schief zu hängen. (SAS)

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