Diplomatie
Freunde, lasst euch piksen: Israel und China verschenken Impfdosen an politisch beugsame Staaten

Länder wie Israel und China politisieren auf dem globalen Parkett mit der Verteilung der Impfstoffe. Sie verschenken riesige Mengen an Impfstoffen – solange die Empfänger ihre Verbundenheit zeigen.

Pierre Heumann aus Tel Aviv, Fabian Kretschmer aus Peking
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Gute Bekannte: Israels Premier Benjamin Netanjahu und Chinas Präsident Xi Jinping.

Gute Bekannte: Israels Premier Benjamin Netanjahu und Chinas Präsident Xi Jinping.

Bild: Kim Kyung-Hoon/Pool/Getty (Peking, 3. Mai 2013)

Wer hat noch nicht? Wer will noch mal? Frei nach diesem Prinzip haben Israel, China und Russland damit begonnen, einen Teil ihrer Impfdosen an fremde Länder zu verschicken – oft als Geschenk. Doch gratis sind die pandemischen Präsente natürlich nicht, wie das Beispiel Israel zeigt. Laut dem israelischen Fernsehsender Kan 11 hat die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu bereits 19 Länder mit Vakzinen beliefert, darunter Honduras, Tschad und Mauretanien.

Was die ungleichen Nationen vereint, ist ihre Haltung im Nahostkonflikt. Die überschüssigen Ampullen aus Israel gingen nur an befreundete Staaten– sprich an jene Länder, die etwa Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt oder dem jüdischen Staat auf anderem Weg ihre Verbundenheit signalisiert haben.

Deutlich weniger grosszügig zeigt sich der Impfweltmeister Israel gegenüber seinen palästinensischen Nachbarn. Die Palästinenser in den besetzten Gebieten haben gerade mal genügend Impfstoff, um knapp ein Prozent der Bevölkerung zu immunisieren, hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen vorgerechnet. Gute Aussichten gibt es derzeit einzig für die rund 140'000 Palästinenser, die in Israel arbeiten. Sie sollen demnächst geimpft werden.

Impfampullen gegen gefallene Soldaten

Insbesondere im abgeschotteten palästinensischen Küstenstreifen Gaza aber gibt es bislang kaum Geimpfte. Dennoch ist die Todeszahl mit 42 pro 100'000 Einwohner verhältnismässig niedriger als in Israel (62 pro 100'000), sagt Abdul-Latif al-Haj am Telefon. Der Palästinenser, der für die internationale Kooperation im Gesundheitsministerium verantwortlich ist, erklärt das am Telefon folgendermassen: «Nur vier Prozent sind in Gaza älter als 60 Jahre. Zudem wachsen die Kinder bei uns in Gaza weniger steril auf als etwa in europäischen Städten.» Das stärke das Immunsystem. Zudem habe die Zwangsisolation durch die israelische Besatzungsmacht für einmal einen grossen Vorteil gehabt. In einer Pandemie sei es ein Vorteil, von der Aussenwelt abgeschnitten zu sein.

Trotzdem: Auf eine baldige Entspannung der Lage können die gut zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens nicht hoffen. Einerseits zeigt sich die Palästinensische Autonomiebehörde drüben im Westjordanland wenig einsichtig und behält den Grossteil der aus Russland erhaltenen 22'000 Sputnik-V-Impfdosen für sich. Und zweitens hat Israel klargemacht, dass es die Lieferung der für Gaza bestimmten Vakzine blockieren würde, bis zwei Leichen von in Gaza gefallenen israelischen Soldaten freigegeben werden.

Netanjahus politisches Spiel mit den Impfstoffen sorgt bei den Palästinensern für Empörung. Israel als Besatzungsmacht sei laut Völkerrecht verpflichtet, ihnen Impfstoff zu liefern, sagen sie. Doch die Regierung Netanjahu will von dieser Argumentation nichts wissen. Mit den Osloer Friedensverträgen der 1990er-Jahre hätten die Palästinenser die Verantwortung für die medizinische Versorgung der Bevölkerung in der Westbank und im Gazastreifen übernommen. Gerne überlesen wird jene Passage der Verträge, die regelt, dass man im Falle einer Epidemie kooperieren soll.

China hilft effizienter als Covax

Wie mit der Verteilung der Impfstoffe auf dem globalen Parkett politisiert wird, zeigt auch das Beispiel China. Peking liess 1,5 Millionen Dosen seines Impfstoffes an Serbien liefern, Ungarn erhielt 500'000 Dosen. Die Absicht ist klar: Man möchte Zwiespalt säen in Europa, um zu verhindern, dass der Kontinent eine geeinte Haltung gegenüber der wachsenden chinesischen Übermacht einnehmen kann. Politisch beziehungsweise wirtschaftlich motiviert sind auch die chinesischen Lieferungen an Lateinamerika, wo sich Peking Zugang zu Öl und Kupfer sichern will.

Bemerkenswert aber ist: Der «Covid-19 Vaccines Global Access-Plan» (Covax) der Weltgesundheitsorganisation, der eine gerechte Verteilung des vorhandenen Impfstoffs auf der ganzen Welt anstrebt, kommt nur schleppend in Gang. Bis Ende Jahr will man theoretisch 330 Millionen Impfdosen verteilt haben. Stand jetzt haben nur gerade Ghana (600'000 Dosen) und die Malediven (100'000 Dosen) von dem Programm profitiert.

Da erweist sich die chinesische Impfdiplomatie als effizienter. In einer ersten Runde wurden Impfspenden an 13 Länder geflogen, Lieferungen an 38 weitere Staaten sind geplant – von Algerien über Simbabwe, Marokko bis nach Uganda und die Mongolei. Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa richtete sich gestern in einer Ansprache direkt an Chinas Staatslenker Xi Jinping und liess ihn wissen: «Ich und das ganze Volk Simbabwes sind Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet.»

Chinas grosszügige Verteilaktion (mehr als die Hälfte des produzierten chinesischen Impfstoffs wurde ins Ausland verschifft) ist umso erstaunlicher, wenn man sich die tiefe Impfquote im Reich der Mitte vor Augen führt. Auf 100 Leute hochgerechnet, haben in China statistisch weniger als drei Menschen eine Impfung verabreicht bekommen, im EU-Raum liegt der Wert bei etwa 6,3.

Doch die eigenen Anbieter könnten bald Abhilfe schaffen. Denn wie sich derzeit abzeichnet, kommen zu den bisher zwei zugelassenen Vakzinen von Sinopharm und Sinovac noch zwei weitere hinzu: Ein zweiter Impfstoff von Sinopharm und ein vom Militär mitentwickeltes Vakzin stehen kurz vor ihrer Zulassung.

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