Frankreich
Dieser Mann bekochte Staatsgäste von Queen Elizabeth bis Donald Trump – jetzt plaudert er aus dem Nähkästchen

Der Küchenchef des Elysée-Palastes, Guillaume Gomez, liefert den schriftlichen Beweis: In Frankreich geht nicht nur die Liebe, sondern auch die Politik durch den Magen.

Stefan Brändle aus Paris
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Guillaume Gomez, Chefkoch im Elysée-Palast, hat ein Buch geschrieben - mit pikanten Details zu vielen Staatschefs.

Guillaume Gomez, Chefkoch im Elysée-Palast, hat ein Buch geschrieben - mit pikanten Details zu vielen Staatschefs.

Yoan Valat / EPA

Der amerikanische Staatsbesuch von November 2018 in Paris stand unter keinem guten Stern. Gastgeber Emmanuel Macron hatte gerade die Bildung einer europäischen Armee angeregt, um die EU vor «Russland, China und den USA» zu schützen. Das war gar nicht nach dem Gusto von Donald Trump. Sein Land im gleichen Atemzug mit China und Russland zu nennen, so twitterte er am Vorabend seines Besuches, sei «very insulting», schwer beleidigend.

Am Tag danach, als der US-Präsident das Elysée nach einem ersten Arbeitsessen verliess, hatte sich seine verkniffene Miene aufgeklärt: «It was amazing!» (es war toll), strahlte er neben seiner Gattin Melania, bevor er in seine gepanzerte Limousine stieg.

Ein Bigorre-Schwein sorgt für gute Stimmung

Der doch sehr nuancierte Stimmungsumschwung war vielleicht auch Macrons Beschwichtigungsversuchen zu verdanken. Das «amazing» galt allerdings nicht dem französischen Präsidenten, sondern dem schwarzen Bigorre-Schwein. Und das ist keine Fake News: Ein 300-Gramm-Kotelett dieses erlesenen Getiers – einem der letzten sechs Reinrasse-Schweine Frankreichs – hatte die Misslaune des amerikanischen Präsidenten beseitigt.

Emmanuel Macron und Donald Trump in Paris 2018.

Emmanuel Macron und Donald Trump in Paris 2018.

Keystone

Zubereitet hatte es Guillaume Gomez, Chefkoch im Elysée seit 2013, eingetreten in die Präsidialdienste im Jahr 1997. Wie der 42-Jährige den franko-amerikanischen Hausfrieden gewahrt hatte, ist in seinem neuen Kochbuch «A la table des Présidents» (Am Tisch der Präsidenten) nachzulesen. Einschliesslich dem Bigorre-Rezept vom zwölfstündigen Marinieren bis zum Lackieren.

Einblicke in die präsidiale Küche

Noch nie hatte ein «chef cuisinier» des Elysées so offen aus dem Nähkästchen geplaudert. Gomez lässt sich in der Kellerküche über die Schulter blicken und gibt genaue Ratschläge für Rezepte, mit denen das Gastronomieland Frankreich die höchsten Staatsgäste bewirtet. So können auch wir Normalsterblichen heute die Gaumenfreude nachvollziehen, die an jenem 8. April 1957 Elisabeth II. erfasst haben muss: Es war der historische Moment, als die damals 31-jährige Königin im Elysée ein Gänseleber-Eis an Sauternes-Gelee vorgesetzt erhielt.

Wie der Schah von Persien (im Jahre 1959) können wir uns an Langusten und Artischockenherzen laben, wie Vaclav Havel (1990) an Seezungen und Jakobsmuscheln. Jacques Chirac und Gerhard Schröder mochten es vor 21 Jahren eher deftig: Sie verköstigten sich an Rinderbacke und im Bier geschmorten Prager Schinken. Weniger gesellig, aber diplomatisch comme il faut waren zweifellos die Rotbarben-Filets und die gefüllten Wachteln im Teig, die Chirac 2003 Wladimir Putin servieren liess.

Jedem Staatsgast das Seine, und dem Küchenchef die Ehre. «Sie können sich nicht vorstellen, wie wichtig Sie für das Image Frankreichs sind», sagte Nicolas Sarkozy einmal zu Gomez. Im Vorwort des reich illustrierten Kochbuches hält der Ex-Präsident von 2007 bis 2012 fest: «Jedes Gericht, das im Elysée serviert wird, ist ein Kunstwerk, vergänglich zwar, aber zutiefst französisch.»

Kochkunst als Geheimwaffe der Diplomatie

Natürlich ist die französische Tafelkunst auch Bestandteil der französischen Diplomatie, wenn nicht ihre Geheimwaffe. Der frühere Präsident Valéry Giscard d’Estaing verbrachte in den siebziger Jahren – der Ära der Nouvelle Cuisine – mehr Zeit mit der Zusammenstellung des Menus als mit dem Verfassen der Tischrede.

Und Emmanuel Macron? In seinem eigenen Vorwort überweist er Gomez «die hohe Mission», den Rang Frankreichs gegenüber den Staatsgästen zu wahren. «Es gilt die so französische Tafelkunst auf immer höhere Gipfel zu hissen.»

Wenn nötig, exportiert Frankreich seine Kochkünste auch in die Welt, indem es hohe und höchste Gäste sogar in deren Heimatland bewirtet. Sarkozy lud zum Beispiel 2009 den irakischen Präsidenten Jalal Talabani in die französische Botschaft in Bagdad ein. Gomez musste für einmal in einer fremden Küche hantieren. Ob er die Kupfertöpfe aus dem Elysée mitschleppte, lässt er in seinem Buch offen.

Nicolas Sarkozy und Jalal Talabani 2009.

Nicolas Sarkozy und Jalal Talabani 2009.

Keystone

Von Giscard d’Estaing ist indessen bekannt, dass er selbst zum Staatsbesuch in den USA alle Esswaren mitnahm. François Mitterrand führte zu seinem China-Besuch von 1983 ein eigentliches Küchenflugzeug im Schlepptau mit. Schliesslich wollte er die 140 Gäste bei einem Empfang in der französischen Botschaft von Peking gebührend verköstigen können.

Ein zweigeteilter Hummer und Austern aus der Bretagne

Gomez übergeht Details wie das Küchenflugzeug diskret. Wie auch den Umstand, dass der Gourmet Mitterrand den Hummer jeweils lebend zweiteilen liess, bevor selbiger im Kochwasser landete. Die Austern liess der sozialistische Präsident am frühen Morgen per Dienstwagen aus der Bretagne in seinen Pariser Palast herbeischaffen.

Solche kulinarischen Kapriolen sind nicht allen Bürgern gegeben. Wir speisen nicht alle aus Sèvres-Porzellan und Baccarat-Gläsern, beleuchtet von goldenen Lüstern und beschallt von feinen Violinen der Republikanergarde.

Kleiner Trost für Normalbürger: Auch die bekanntesten Gäste können nicht immer vom Savoir-vivre der Elysée-Küche profitieren. 2009 mussten Barack Obama und Sarkozy ihre zweifellos dreisternwürdige Mahlzeit wegen Zeitmangels in 15 Minuten hinunterschlingen. Bon appétit quand-même!