Interview
«Diese Faszination des Tötens bleibt ein Leben lang in Erinnerung»

Ein nicht unwesentlicher Teil der IS-Kämpfer stammt aus dem Westen. Weshalb zieht es diese, meist noch sehr jungen Männer, in den Krieg? Thomas Elbert, Psychologe mit Fokus auf Trauma-Forschung gibt Auskunft.

Kian Ramezani, watson.ch
Merken
Drucken
Teilen
IS-Kämpfer mit Messer in Syrien.

IS-Kämpfer mit Messer in Syrien.

Keystone

Tausende Europäer und Amerikaner kämpfen in den Reihen des Islamischen Staats. Was treibt die jungen Männer in die Arme der Terroristen? Der Konstanzer Psychologe Thomas Elbert hat viele Konfliktgebiete bereist und mit Kämpfern über ihre Motivation gesprochen. Religion spielt eine Rolle, ist aber nicht allein ausschlaggebend, sagt er im Interview.

Zur Person Thomas Elbert studierte in München Physik und Psychologie und wurde in Tübingen promoviert. Nach Gastprofessuren an der Pennsylvania State University und an der Universität Stanford ist er heute Professor für Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie. Elbert ist Spezialist für Trauma-Forschung und betrieb Feldstudien in Konfliktgebieten wie Afghanistan, Kongo, Ruanda, Somalia, Sri Lanka und Uganda.

Zur Person Thomas Elbert studierte in München Physik und Psychologie und wurde in Tübingen promoviert. Nach Gastprofessuren an der Pennsylvania State University und an der Universität Stanford ist er heute Professor für Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie. Elbert ist Spezialist für Trauma-Forschung und betrieb Feldstudien in Konfliktgebieten wie Afghanistan, Kongo, Ruanda, Somalia, Sri Lanka und Uganda.

wikimedia

Was läuft in unseren Gesellschaften falsch, dass junge Männer sich dem Islamischen Staat anschliessen?

Thomas Elbert: Um das im Detail zu beantworten, müsste man diese Gruppe systematisch befragen können. Wir wissen aber über Gewaltbereitschaft, dass sie vor allem von zwei Faktoren beeinflusst wird: Zum einen eigene Erfahrungen von Gewalt und emotionaler Vernachlässigung in Kindheit und Jugend. Zum anderen die Erziehung zu moralischen Hemmschwellen der Gewalt, die bei Personen anderer Gruppen, anderer Religion oder Ethnie nicht greift.

In unseren Gesellschaften geht es doch aber vergleichsweise friedlich zu und her.

Diese Annahme ist falsch. Auch bei uns werden viele Kinder Opfer von Gewalt, wenn sie etwa von Eltern geschlagen werden, die es nicht besser wissen. Bei Jungen aus zerrütteten Familien kommt hinzu, dass es ihnen in der wichtigen zweiten Sozialisierungsphase ab der Primarschulzeit an Vorbildern fehlen kann.

Was für Vorbilder meinen Sie?

Sie suchen in diesem Alter nach männlichen Vorbildern und finden sie weder in der Schule, wo praktisch nur noch Frauen unterrichten, noch zu Hause. Das macht sie verletzlich. Ein Fussballtrainer, ein Karatelehrer oder ein Pfadfinderclub kann hier eine wichtige Lücke schliessen, aber das ist nicht immer der Fall.

Ist die Annahme richtig, dass es sich vor allem um Vertreter von bildungsfernen Schichten handelt?

Das glaube ich schon. Eltern, die keine hinreichende Bildung besitzen, haben mehr Mühe, ihre Kinder gewaltfrei zu erziehen.

Gibt es Länder, die gefährdeter sind, Dschihad-Touristen hervorzubringen?

In manchen Ländern wird massive körperliche Gewalt von allen Seiten, von Eltern, Verwandten, Lehrern, legal ausgeübt. Das ist einer der Gründe, warum etwa Afrika zum Schlachtfeld des internationalen Terrorismus geworden ist. Denken Sie an die Al-Kaida-Zellen in Mali, an Boko Haram in Nigeria oder an den Al-Shabaab-Terror und seine millionenschwere Schmuggelindustrie in Somalia. Die IS-Terroristen sind nur ein weiteres Beispiel, das zeigen kann, wie der Terror sich den Nährboden gewaltfördernder Kindererziehung zu Nutze macht.

Und woher kommt die extreme Grausamkeit?

Die Bereitschaft dazu ist uns doch angeboren. Überlebt haben aus evolutionärer Sicht die Jäger, also jene, die getötet haben. Das lässt sich auch auf Menschen übertragen. Wir töten andere in friedlichen Zeiten nicht, weil unsere moralischen Hemmschwellen dies verhindern. Moses musste auf den Berg klettern, um die zehn Gebote, das Urmaterial unserer Gesetzgebung, zu holen. Wenn das Nicht-Morden dem Menschen angeboren wäre, hätte das fünfte Gebot da nicht draufstehen müssen. Die globale Akzeptanz des fünften Gebotes, heute zusammen mit der Genfer Konvention, waren immense kulturelle Fortschritte. Alle Kulturen und Religionen regeln Gewalt, Sex und Drogen.

Sie sagen: Du sollst nicht töten.

Na ja, in Reaktion auf Bedrohung darfst Du das dann aber doch. Und bedroht werden ja nicht nur die Kinder und das Heim. Da bedrohen die anderen auch auf wirtschaftlicher Basis, die religiösen Werte, das Gute an sich. Und dafür gilt die moralische Hemmschwelle nicht, im Gegenteil: Jetzt wird das Töten sogar moralisch gefordert. Für Gläubige bestimmt die Religion, wer und was bekämpft werden muss. Menschen und insbesondere Heranwachsende suchen nach klaren Richtlinien, wollen das Gute in der Welt erreichen. Da ist es ganz schön perfide, wenn Dir gesagt wird, dass Du töten musst, um Gott gefällig zu sein, denn es weckt eben die schlummernde biologische Anlage zur Jagd auf andere Menschen.

Blicken wir in die Zukunft. Halten Sie europäische IS-Kämpfer für therapierbar, wenn sie zurückkommen?

Wir haben Kämpfer aus anderen Konflikten befragt. Die meisten wurden als Kinder mit zehn oder zwölf Jahren rekrutiert, zur Hälfte über Zwang, zur Hälfte, weil sie die Familie oder die familiäre Anbindung verloren hatten und nicht wussten, wohin. Der Grossteil der aktiven Kämpfer sind Jugendliche. Nach Jahren der Kampferfahrung stellen die jungen Männer fest: Je mehr sie ins Kampfgeschehen hineingezogen werden, desto stärker ist das Bedürfnis, zu kämpfen. Einige sagten, es wäre wie ein Vorfrühstücksvergnügen, bereits in der Früh zu morden. Andere berichteten, dass sie manchmal selbst nach Einbruch der Dunkelheit das Bedürfnis verspürten, noch einmal loszuziehen, um ein paar Hütten oder ein Dorf zu überfallen. Diese Faszination des Tötens, der Gewalt und der Machtausübung bleibt ein Leben lang in Erinnerung.

Also untherapierbar?

Die Erfahrung ist gemacht und kann nicht gelöscht werden. Einen religiösen Fanatiker zu überzeugen, dass es eine Sünde war zu töten, da auch Andersdenkende ein Recht auf Leben haben, dürfte schwierig werden. Wir setzen unsere Hoffnung auf den bewussten Rollenwechsel vom Krieger zum Zivilisten. Man kann den Rückkehrern zur wachen Erkenntnis verhelfen, dass sie mit der Integration in eine friedliche Zivilgesellschaft in eine andere Lebenswelt eingetaucht sind, in der andere Regeln gelten, in der Gewalt nicht gut und auch nicht akzeptabel ist. Das geht aber nur, wenn der Rückkehrer auch die Anpassung seines Wertesystems erlaubt. Repression bringt da nichts, sondern nur eine Hilfestellung bei der Reintegration, die Möglichkeit eine Arbeit zu finden, eine Familie zu gründen. Das gelang uns teilweise in den Kriegsszenarien des Ostkongos. Aber dort gibt es nicht den religiösen Fanatismus des Orients.