Lampedusa
Die tödliche Flucht ins Paradies: Überlebende erzählen vom Höllentrip

Eritreische Flüchtlinge berichten, warum sie die gefährliche Reise durch die Wüste und übers Meer auf sich nehmen. Was sie erleben, kann man sich nur sehr schwer vorstellen.

Philipp Hedemann*
Merken
Drucken
Teilen
Mit Blumen gedenken Fischer der verstorbenen Flüchtlinge vor Lampedusa.

Mit Blumen gedenken Fischer der verstorbenen Flüchtlinge vor Lampedusa.

Keystone

Als ihr Boot in Seenot geriet, dachte er: «Das wars jetzt. Ich kann nicht schwimmen. Doch nach mehreren Stunden kamen endlich Schiffe. Aber sie hatten Angst vor uns. Erst als die Frauen die Babys in die Höhe hielten, nahmen sie uns an Bord.»

Habtu Russoms Flucht endete im Sturm auf dem Mittelmeer. Fast wäre sie so geendet wie die Hunderter Flüchtlinge, deren Boot vergangenen Donnerstag vor Lampedusa sank.

Über 140 Leichen wurden bislang angespült und aus dem Wrack geborgen. Noch sind die Opfer nicht identifiziert. Wenn die Bilder der Toten gezeigt werden, rückt Habtu Russom im Flüchtlingslager Mai Aini im Norden Äthiopiens ganz nah an den rauschenden Fernseher und betet, dass er keines der Gesichter erkennt.

Schiffsunglück: Bis zu 360 Opfer

Taucher haben vor Lampedusa weitere Opfer der Flüchtlingskatastrophe vom Donnerstag geborgen. Es wird damit gerechnet, dass sich zusätzlich zu den bislang über 140 gefundenen Opfern zahlreiche weitere Leichen im Schiff oder in der Nähe davon in 47 Meter Tiefe befinden. Die genaue Zahl der Passagiere ist nicht bekannt. Die Behörden gehen davon aus, dass zwischen 320 und 360 Flüchtlinge beim Unglück ums Leben kamen. Die 155 geretteten Afrikaner wurden derweil wegen illegaler Einwanderung angezeigt. Sie müssen mit einer Busse von bis zu 5000 Euro rechnen. In Rom entbrannte deswegen eine hitzige Debatte. Während linke Politiker das 2009 unter der Regierung Berlusconi verschärfte Einwanderungs-Gesetz kritisieren, warnen Politiker im rechten Lager vor dessen Aufweichung. Italien könne dadurch zum bevorzugten Ziel aller Migranten werden, sagte etwa Fabrizio Cicchitto von der Berlusconi-Partei PDL. (DS/SDA)

Von Europas Verheissungen angezogen

Der 35-Jährige versteht, warum die Männer, Frauen und Kinder sich auf den völlig überfüllten Kahn gedrängt haben, der in Sichtweite des rettenden Ufers des vermeintlichen Paradieses sank. Er hatte es einst selbst getan. Die Verheissungen des Lebens im Westen schienen ihm grösser als die Risiken der Flucht.

Bei seinem vorerst letzten Versuch, nach Europa zu gelangen, schlich Russom nachts über die Grenze zwischen Eritrea und dem Sudan. Hätten die eritreischen Grenzer ihn erwischt, sie hätten sofort scharf geschossen. Im Sudan traf Russom auf Menschenhändler. 300 Dollar, die er sich von seiner Familie geliehen hatte, zahlte er den Schmugglern, damit sie ihn in die Hauptstadt Khartoum brachten. Dort werde er gut bezahlte Arbeit finden oder könne die Reise nach Europa fortsetzen, hatten die skrupellosen Geschäftemacher ihm erzählt.

24 Männer und Frauen, die auf das Versprechen reinfielen, pferchten sie auf der Ladefläche eines Toyota-Pick-ups zusammen. Die menschliche Schmuggelware deckten sie mit einer Plane ab und rasten jenseits der Hauptstrassen nach Khartoum. Nur 23 der 24 Passagiere erreichten das erste Ziel ihrer Odyssee lebendig. «Eine Frau erstickte unter der Plane. Sie hiess Tsigue. Sie war 24 Jahre alt», erzählt Russom.

Höllenfahrt nach Libyen

In Khartoum zahlte Russom anderen Schmugglern 1000 Dollar. Dafür sollten sie ihn an die libysche Küste bringen. 38 Menschen quetschten die Menschenhändler diesmal auf einem Pick-up zusammen. Nach drei Tagen brach das Auto in der Wüste zusammen. Fünfzehn Tage dauerte es, bis die Gangster den Wagen wieder flottgemacht hatten. In das Wasser, das sie den Flüchtlingen gaben, mischten sie Motoren-Öl, damit die bereits halb verdursteten Menschen weniger tranken.

Nachts vergewaltigten sie die Frauen, während Komplizen die Ehemänner mit Kalaschnikows in Schach hielten. Als die verzweifelten Menschen schliesslich an der Küste ankamen, gab es etwas mehr Platz auf dem Geländewagen. Zwei Frauen und sechs Männer überlebten die Höllenfahrt nicht, ihre Leichen wurden einfach von der Ladefläche gestossen.

Knapp mit dem Leben davon gekommen

Doch das Schlimmste sollte noch kommen: Die Fahrt über das Mittelmeer. In der Nähe der libyschen Küstenstadt Zliten ging Russom nachts an Bord des schrottreifen Fischerboots, das fast zu seinem Grab wurde. 518 andere Flüchtlinge will er gezählt haben. Nach rund zwanzig Stunden Fahrt geriet das völlig überladene Schiff in einen Sturm.

Weil der irakische Kapitän und seine drei Besatzungsmitglieder kein Wort Englisch sprachen, musste Russom per Funk den Notruf absetzen, der ihm und den anderen Passagieren wahrscheinlich das Leben rettete – und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben mit einem Schlag zunichtemachte.

Habtu Russom (im Vordergrund) wurde mehrere Male von Menschenhändlern betrogen und kam nur knapp mit dem Leben davon
5 Bilder
Die 15-jährige Yordanos Tewelde durfte mittlerweile im Rahmen der Familienzusammenführung ihrem Vater in die Schweiz nachreisen
Das äthiopische Flüchtlingslager Mai Aini - Ein trostloser Ort
Das äthiopische Flüchtlingslager Mai Aini - Ein trostloser Ort
Das äthiopische Flüchtlingslager Mai Aini - Ein trostloser Ort

Habtu Russom (im Vordergrund) wurde mehrere Male von Menschenhändlern betrogen und kam nur knapp mit dem Leben davon

Gestrandet in Äthiopien

Die Flüchtlinge kamen auf Malta in Abschiebehaft, wurden trotz Hungerstreik in die eritreische Hauptstadt Asmara geflogen. Als Russom wieder in dasselbe Gefängnis eingeliefert wurde, in dem er vor seiner Flucht einsass, begrüssten die Folterschergen des Diktators Isayas Afewerki ihn mit «Willkommen daheim». Kurz darauf gelang dem Informatik-Studenten erneut die Flucht aus dem Kerker. Diesmal floh er ins Nachbarland Äthiopien. Hier lebt er seitdem im trostlosen Flüchtlingslager Mai Aini.

Die Reise durch die Wüste und übers Meer will er nicht noch einmal wagen. Viele seiner Landsleute hingegen nehmen den Tod in der Hoffnung auf ein besseres Leben billigend in Kauf.

«Die Leute im Lager hören viel zu selten Geschichten von gescheiterten Fluchtversuchen. Sie kriegen immer nur mit, wenn einer es nach Europa geschafft hat und Geld nach Eritrea schickt», beklagt Andemariam Yemane. Fünfmal in der Woche informiert der ehemalige Journalismus-Student die Flüchtlinge im Lager per Lautsprecherdurchsagen über Neuigkeiten aus Eritrea, Äthiopien und dem gelobten Westen.

Fast jeden Tag warnt er vor den Gefahren der Flucht. «Die Leute denken, alles wird gut, wenn sie es nur nach Europa schaffen. Ich sage ihnen, dass auch das Leben als illegaler Einwanderer im Paradies die Hölle sein kann», sagt der Journalist.

Yordanos Tewelde hört auf die Stimme aus dem scheppernden Lautsprecher. Mit einer Freundin war die 15-Jährige zuvor aus Eritrea nach Mai Aini geflohen. Sie wollte ihrem Vater in die Schweiz nachfolgen. Als sie im Lager davon hörte, dass viele Frauen auf dem Weg durch die Wüste vergewaltigt werden, entschloss sie sich, im Flüchtlingslager zu bleiben. Vorerst. «Mein Vater hat mir versprochen, dass er mich nachholt», berichtet Yordanos.

Mittlerweile hat ihr Vater sein Versprechen eingelöst. Im Rahmen der Familienzusammenführung durfte Yordanos in die Schweiz einreisen. Sie kam mit dem Flugzeug aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba.

Über das Mittelmeer, das schon für ungezählte afrikanische Flüchtlinge zum Grab wurde, flog sie in mehreren tausend Meter Höhe. In ihrer neuen Heimat sitzt sie jetzt wie Russom im Flüchtlingslager in Äthiopien vor dem Fernseher. Bislang hat sie keinen der auf der Hafenmauer oder im Hangar des Flughafens aufgereihten leblosen Körper erkannt.

* Philipp Hedemann Der ehemalige «Nordwestschweiz»-Afrika-Korrespondent berichtet in seinem Buch, das in diesen Tagen erscheint, über Erlebnisse, Begegnungen und Reisen in Äthiopien.

Buch: Philipp Hedemann: Der Mann, der den Tod auslacht. Dumont 2013. 272 S., Fr. 21.90.