Libyen
«Die schwierige Phase in Libyen beginnt erst jetzt mit dem Tod Gaddafis»

Elham Manea, Politologin an der Universität Zürich, befürchtet Spannungen zwischen den unterschiedlichen Rebellen-Gruppen in Libyen. Die Differenzen und Konflikte würden jetzt zutage treten.

Marco Sansoni
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Elham Manea ist Dozentin an der Universität Zürich. ho

Elham Manea ist Dozentin an der Universität Zürich. ho

Frau Manea, wäre es besser gewesen, wenn man Gaddafi lebend gefangen genommen statt getötet hätte?

Elham Manea: Ich hätte ihn auch lieber lebend vor einem Gericht gesehen. Es geht um Gerechtigkeit dem libyschen Volk gegenüber. Ein Prozess hätte die Menschenrechtsverletzungen und den Machtmissbrauch des ehemaligen libyschen Regimes besser abhandeln können.

Was heisst der Tod des langjährigen libyschen Herrschers für die Zukunft des Landes?

Die schwierige Phase beginnt erst jetzt, mit dem Tod Gaddafis. Das gemeinsame Ziel, welches die Rebellen über die Monate zusammenhielt, war, Gaddafi definitiv auszuschalten. Dieses Ziel ist mit der Tötung nun Geschichte und die ideologischen, regionalen sowie tribalen Differenzen und Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppierungen treten zutage.

Ist nun der libysche Übergangsrat gefordert?

Ja, der Übergangsrat ist sehr wichtig in dieser Phase. Ein Beispiel sind die Waffen, welche für den Kampf gegen Gaddafi haufenweise abgegeben wurden. Diese müssen nun wieder eingesammelt werden. Ein weiteres Problem ist der allgemeine Aufbau eines funktionierenden Rechtsstaates. In Libyen fehlen sämtliche Institutionen, die für einen funktionierenden Rechtsstaat nötig sind. Um all dies aufzubauen, braucht es eine klare Vision, und dies ist Sache des Übergangsrates.

Kann der Westen diesen Prozess unterstützen?

Die Nato ist ja bereits vor Ort und kann mithelfen, das Land auf dem Weg in die Stabilität zu begleiten.

Ist die derzeitige Situation Libyens mit Ägypten nach dem Sturz Mubaraks vergleichbar?

Diese beiden Länder kann man nicht vergleichen. Ägypten hatte schon immer eine Eigenstaatlichkeit und damit eine Basis für einen Neuanfang nach Mubarak, während in Libyen nur eine zersplitterte Gesellschaft und gar keine Institution vorhanden ist. Genau darin sehe ich auch den Vorteil der Nato-Präsenz.

Werden die Gaddafi-Anhänger versuchen, auch in Zukunft das Land zu destabilisieren?

Auch dies kann nicht ausgeschlossen werden. Es sollten auch Anhänger Gaddafis in die Zukunft Libyens aktiv eingebunden werden.

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