Die Rückkehr, die alles auf den Kopf stellte: Iran feiert den 40. Jahrestag der Rückkehr Khomeinis aus dem Exil

Vor 40 Jahren landete das Flugzeug mit Ruhollah Khomeini in Teheran. Das Volk setzte grosse Hoffnungen in den ersten Ajatollah der Islamischen Republik. Davon ist heute nicht viel übrig geblieben.

Martin Gehlen, Tunis
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Ruhollah Khomeini kehrte am 1. Februar 1979 mit einer Air-France-Maschine aus seinem Exil in Paris nach Teheran zurück. Es war der Startschuss für die Islamische Revolution im Iran. (Bild: Getty)

Ruhollah Khomeini kehrte am 1. Februar 1979 mit einer Air-France-Maschine aus seinem Exil in Paris nach Teheran zurück. Es war der Startschuss für die Islamische Revolution im Iran. (Bild: Getty)

«Nichts», knurrte der Ajatollah. Was er empfinde, wollte ein Journalist an Bord von Ruhollah Khomeini wissen, als der Jumbojet am 1. Februar 1979 seinen Anflug auf Teheran begann. 14 Jahre hatte der schiitische Kleriker und Schah-Gegner im Exil gelebt, zuletzt in Paris. Um 9.27 Uhr landete der 76-Jährige auf dem Flughafen der iranischen Hauptstadt. Ein Ereignis, das das Machtgefüge des Nahen und Mittleren Ostens völlig umkrempeln sollte. Auch am Boden verzog der betagte Imam mit dem schwarzen Turban und dem weissen Bart keine Miene, als er stumm und in sich gekehrt an der Hand des Air-France-Piloten die Gangway herunterschritt.

Zwei Wochen zuvor hatte Schah Reza Pahlavi den Pfauenthron geräumt und war geflohen. Nun feierten Hunderttausende Iraner dessen Widersacher wie einen Erlöser. Im Triumphzug fuhr Khomeini zunächst vom Flughafen Mehrabad zum Friedhof Behesht-e Zahra, wo viele getötete Schah-Gegner beerdigt sind. Heute liegen dort auch Abertausende Opfer des Khomeini-Gottesstaates, die bei Demonstrationen erschossen, in Gefängnissen hingerichtet oder zu Tode gefoltert wurden.

Auf die Hoffnung folgte der Terror

Denn der mit «Allah-ist-gross»-Rufen umjubelte Heimkehrer fackelte nicht lange. «Ich werde der Regierung ins Gesicht schlagen», rief er in seiner ersten öffentlichen Ansprache. Binnen dreier Tage setzte er das verbliebene Schah-Kabinett unter Ministerpräsident Shapour Bakhtiar ab. Die Armeeführung rührte keine Hand. Die Generäle erklärten sich für neutral. Bakhtiar gab auf, floh nach Frankreich, wo er später von iranischen Agenten ermordet wurde. Zum Nachfolger ernannte Khomeini den relativ moderaten Intellektuellen Mehdi Bazargan. Damit hatte der revolutionäre Ajatollah bereits zehn Tage nach seiner Rückkehr den Machtkampf für sich entschieden. Und so feiert die Islamische Republik seither den 11. Februar 1979 als offiziellen Gründungstag, der sich dieses Jahr zum 40. Mal jährt.

Anfangs umgarnte Khomeini noch die linken und säkularen Kräfte, von denen viele auf eine demokratische ­Gesellschaft hofften. «Rede- und Meinungsfreiheit gehören zu den elementarsten Rechten und dürfen auf keinen Fall angetastet werden», erklärte er. Schon bald jedoch entpuppte sich der Polit-Kleriker als skrupelloser Machiavellist, der ein autoritäres Herrschaftssystem islamischer Prägung anstrebte. Geschickt spielte er linke Studenten, bürgerliche Intellektuelle und islamkritische Kräfte gegeneinander aus. Khomeinis Schlägertrupps stürmten die Zentralen der politischen Parteien und starteten Hexenjagden auf Andersdenkende. So- genannte Revolutionstribunale begannen, «Verräter des Volkes» oder «Feinde der Religion» hinzurichten. Den iranischen Frauen schrieb Khomeini vor, wie sie sich künftig zu kleiden hätten. Bereits im Sommer 1979 wurde das Kopftuch für alle Gesetz. Zudem stellte Khomeini seine eigene Prätorianer-Garde auf, die so- genannten Revolutionären Garden, die sich rasch zu einem unantastbaren Staat im Staate entwickelten. Ein führendes Staatsamt dagegen strebte der populäre Rückkehrer nicht an, propagierte stattdessen den «Velayat-e faqih» – die absolute Herrschaft der islamischen Rechtsgelehrten. Nach dieser Doktrin beanspruchte Khomeini für sich die Rolle des von Gott legitimierten Revolutionsführers, der über dem politischen Alltag thront und in allen Staatsangelegenheiten das letzte Wort hat. Zehn Jahre stand der Ajatollah an der Spitze der Islamischen Republik. Kurz vor seinem Tod am 3. Juni 1989 bestimmte er Ali Khamenei zum Nachfolger, der bis heute die Geschicke der erdölreichen Nation lenkt.

Ausbreitung der Macht

Mit seinen vierzig Jahren existiert der schiitische Khomeini-Staat länger als die Herrschaft des gestürzten Schahs. Die Aversionen der Bevölkerung gegen den Gottesstaat sind heute ähnlich gross wie am Ende der persischen Monarchie. Zwei Drittel der Iraner kennen Khomeini nur aus Propaganda und Geschichtsunterricht. «Wo sind unsere Stimmen?», rief ein Millionenheer von Demonstranten im Sommer 2009, als die klerikalen Hardliner die grüne Reformbewegung um ihren Wahlsieg betrogen. «Wo ist unser Geld?», skandierten die Menschen, als 2013 nach Ende der achtjährigen Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinejad 200 Milliarden Dollar aus staatlichen Öleinnahmen unauffindbar waren.

Trotzdem konnte sich der Iran in der Region als unbestrittene Vormacht der Schiiten etablieren und sein strategisches Gewicht erhöhen. Und das trotz der harten internationalen Sanktionen, mit denen das Land bis 2015 konfrontiert war und die US-Präsident Donald Trump kürzlich wieder reaktivierte. Denn die persische Nation ist arabischen Kontrahenten wie Saudi-Arabien und Ägypten in vielem überlegen. Egal ob bei Wissenschaft und Universitäten, Kultur, Literatur und Film, sozialem Engagement, Arbeitsmoral oder intellektueller Dynamik: Zwischen der Islamischen Republik und ihren arabischen Rivalen liegen Welten. Persien besitzt die grösste Autoindustrie im Nahen Osten und gehört zu dem exklusiven Zehnerclub auf Erden, der einen Satelliten in den Weltraum schiessen kann.

In allen Konflikten vor seiner Haustüre mischt Teheran heute mit. Mittlerweile zieht sich eine Achse schiitischer Dominanz vom Iran über den Irak und Syrien bis zum Libanon. Ohne den massiven Einsatz von Beratern und Kampfbrigaden und ohne die Waffen, das Öl und die Kredite aus dem Iran hätte Bashar al-Assad dem Ansturm der syrischen Aufständischen nicht standgehalten. Im Libanon ist die Hisbollah politisch wie militärisch stärker denn je. Und in Iraks Innenpolitik haben Teherans Emissäre seit dem Sturz von Saddam Hussein ein entscheidendes Wort mitzureden.

Der Frust wird immer grösser

Doch diese geopolitische Expansion hat ihren Preis. Die teuren Auslandseinsätze in Syrien und Libanon strapazieren die Kräfte der 80-Millionen-Nation, die Unzufriedenheit im Inneren brodelt. «Lasst ab von Syrien und Gaza, tut etwas für uns», skandierten Anfang 2018 Zehntausende junger Leute, die in über 80 Städten auf die Strassen gingen. «Wir wollen eine kompetente Regierung», forderte die Menge. Andere riefen «Tod dem Diktator», gemünzt auf den obersten Revolutionsführer Ali Khamenei. 7000 Opponenten liess das Regime 2018 festnehmen, ins Gefängnis werfen oder auspeitschen. Amnesty International spricht rückblickend von «einem Jahr der Schande für den Iran».

Die Frustration in der heruntergewirtschafteten Nation jedoch kann jederzeit wieder hochkochen. Denn keines der widrigen Probleme ist gelöst. Korruption, Vetternwirtschaft und Miss­management grassieren. Die heimische Währung ist faktisch zusammengebrochen. Katastrophale Umweltschäden plagen die Menschen – Sandstürme, Dürre und Smog in fast allen Städten. Seen und Flüsse sind ausgetrocknet, ganze Orte unbewohnbar geworden. Wer von den jungen Leuten kann, emigriert nach Europa, Kanada oder die USA, auch um der erstickenden Bevormundung durch Moralwächter, Polizei und Geheimdienst zu entgehen. Journalisten, Menschenrechtler, Gewerkschafter und Umweltaktivisten werden drangsaliert, Frauen ins Gefängnis geworfen, die gegen das Zwangskopftuch aufbegehren. Der Mailverkehr im Internet wird systematisch überwacht. Facebook, Twitter, Telegram und Youtube sind blockiert, lediglich Instagram ist noch offen. Dass der Cyberspace mittlerweile der einzige Ort ist, wo die Iraner noch ihre Meinung sagen können, musste kürzlich auch der moderate Präsident Hassan Rohani einräumen, dessen Reformversprechen sich in alle Winde zerstreut haben. «Wir haben keine freien Medien im Iran, wir haben nur das staatliche Fernsehen und den staatlichen Rundfunk», kritisierte er. «Darum drängelt sich alles im Cyberspace, weil es nichts anderes gibt.»