Interview
«Die Internationale Atombehörde wird zunehmend politisiert»

Iran-Experte Roland Popp vom Center for Sececurity Studies der ETH warnt, die internationale Atomenergie-Behörde IAEA sei unter ihrem Chef Yukiya Amano weniger unabhängig als unter seinem Vorgänger Mohammed El-Baradei.

Christian Nünlist
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Gegenseitiges Säbelrasseln: In Teheran reagiert man auf das jüngste Kriegsgebell mit antiamerikanischen Demonstrationen. keystone

Gegenseitiges Säbelrasseln: In Teheran reagiert man auf das jüngste Kriegsgebell mit antiamerikanischen Demonstrationen. keystone

Herr Popp, ist Iran nun kurz davor, eine Atombombe zu besitzen?

Roland Popp: Nein, das ist Iran nicht. Was nun ansteht, sind lange angekündigte neue Enthüllungen der Internationalen Atomenergie-Behörde, IAEA, die laut Zeitungsmeldungen offenbar suggerieren, dass Iran ein Waffenprogramm unterhalten habe.

Betrifft der Bericht die Zeit vor 2003 oder danach?

Das weiss man noch nicht genau. Amerikanische Medien spekulieren, dass es auch in jüngeren Zeiten Aktivitäten gegeben hat, die auf Atomwaffenproduktion hindeuten. Aber wir müssen erst einmal den IAEA-Bericht abwarten.

Iran erhielt auch Hilfe aus dem Ausland, von den üblichen Verdächtigen Nordkorea und Pakistan.

Es gab das pakistanische Khan-Netzwerk, das vielen Staaten Technologie und Know-how verkauft hat, das man auch zum Bombenbau nutzen könnte. Khan bot auch Iran Material an und es gab eine begrenzte Kooperation. Das ist aber nichts Neues. Neu wären glaubwürdige Informationen über die Zusammenarbeit mit Wissenschaftern aus der Ex-Sowjetunion bei der Entwicklung eines Sprengkopfs beziehungsweise des Zündmechanismus.

Das wären klare Hinweise auf ein iranisches Waffenprogramm.

Nein, selbst das wäre kein endgültiger Beweis für die Absicht Irans, wirklich Atomwaffen zu bauen. Viele Staaten starteten zivile Atomprogramme und haben immer auch eine mögliche militärische Nutzung dieser Programme im Hinterkopf. Zum Beispiel hat Südkorea Uran auf ein sehr hohes Niveau angereichert – womöglich hat man da auch mit einer Waffenoption kokettiert. Da aber Südkorea eng verbündet ist mit den USA, wurde das sehr schnell unter den Teppich gekehrt. Und Brasilien erlaubt nur sehr begrenzte Inspektionen in seinen Urananreicherungsanlagen. Das heisst, es wird mit unterschiedlichen Ellen gemessen. Die US-Geheimdienste gehen seit 2007 und bis heute davon aus, dass ein allfälliges iranisches atomares Waffenprogramm 2003 eingestellt worden ist. Es ist aber äusserst schwierig, zu entscheiden, ob ein Atomprogramm ausschliesslich zivil genutzt wird – oder auch militärischen Nutzen haben könnte. Da gibt es viele Grauzonen.

Man liest, Iran könnte innerhalb eines Jahres eine Atombombe bauen.

Fakt ist: Iran hat heute etwa 4500 Kilo schwachangereichertes Uran, das ergäbe – mit dem entsprechenden Wissen – hochangereichertes Material für rund zwei Atombomben.

Wie lange würde das dauern?

Die Schätzungen gehen von sechs Monaten bis hin zu über einem Jahr. Aber das bislang angereicherte Uran wird strikt kontrolliert von der IAEA. Um eine Atombombe zu bauen, müsste Iran wohl aus dem Nonproliferationsvertrag austreten und sofort den Waffenbau einleiten – strategisch macht das aber wenig Sinn.

Iran wäre dann Atommacht, das wäre doch symbolisch wichtig.

Aber Iran hätte damit noch keine glaubwürdige Abschreckungsfähigkeit, dazu braucht es wesentlich mehr als ein oder zwei Bomben. Alles deutet heute darauf hin, dass Iran eine nukleare Option für die Zukunft anstrebt, um im Ernstfall relativ schnell Atomwaffen zu entwickeln.

Israel und die USA sehen das aber anders.

Ja, aus amerikanischer oder israelischer Sicht ist es überhaupt nicht wünschenswert, dass Iran den eigenen Status so aufwertet. Darum geht es beim aktuellen Säbelrasseln. Israel sagt schon seit fast 20 Jahren fortwährend, Iran werde innerhalb eines Jahres eine Atombombe haben.

Also ist auch heute die israelische Rhetorik nur Rhetorik? Es droht kein israelischer Luftschlag auf die iranischen Anlagen?

Ich sitze nicht am israelischen Kabinettstisch. Laut israelischen Zeitungen versuchen Premier Netanjahu und Verteidigungsminister Barak,
die anderen Kabinettsmitglieder von der Notwendigkeit eines Angriffs auf Iran zu überzeugen. Ich halte einen solchen israelischen Schritt immer noch für unwahrscheinlich. Denn eine solche Aktion ist militärisch extrem schwierig, die Folgen wären nicht absehbar und vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings wäre es äusserst fragwürdig, zum jetzigen Zeitpunkt zuzuschlagen.

Was bezweckt Israel denn mit dem Säbelrasseln?

Israel möchte damit Druck ausüben auf die USA, um die Iran-Sanktionen zu verschärfen und Iran noch weiter zu isolieren und vielleicht doch zur Aufgabe des Atomprogramms zu bewegen. Es gab innerhalb der IAEA bestimmte Tendenzen, das iranische Nukleardossier zu schliessen, weil man einen Grossteil der Fragen plausibel hat beantworten können. Vor allem die westlichen Länder haben sich gegen eine Schliessung des Dossiers gewehrt.

Wie neutral ist denn der neuste IAEA-Bericht? Ist das also bloss ein politischer Bericht?

Das ist sehr problematisch. Denn noch unter IAEA-Chef Mohamed El-Baradei hatte sich die Behörde immer wieder gegen die politische Instrumentalisierung besonders vonseiten der USA gewehrt. Aber unter dem aktuellen IAEA-Direktor Yukiya Amano gibt es eine Tendenz, die Arbeit der eigentlich unabhängigen Behörde zu politisieren. Der IAEA-Bericht basiert offenbar vorwiegend auf westlichen Geheimdiensterkenntnissen. Gerade der Irak-Krieg hat aber gezeigt, wie fehlgeleitet oder sogar bewusst manipulativ nationale Geheimdienstberichte sein können.

Immerhin: Damals warnte die IAEA bis Kriegsbeginn, dass Saddam Hussein keine Massenvernichtungswaffen habe. Zu Recht, wie sich nach der Invasion zeigte.

Den Amerikanern und Briten hat damals geschadet, dass die IAEA nicht mitspielte, um den Irak-Krieg zu legitimieren. Deshalb verwendet man nun grosse Energien darauf, dass so etwas nicht wieder passiert.

Der neueste IAEA-Bericht könnte also fabrizierte Fakten enthalten?

Das ist nicht auszuschliessen.

Wie effektiv waren bisher die Sanktionen gegen Iran? Haben sie Irans Atomprogramm verlangsamt?

Die Sanktionen haben es Iran sicherlich erschwert, auf dem freien oder grauen Markt entsprechende Technologie zu erwerben. Aber grösstenteils sind die Sanktionen symbolischer Natur und dienen der weiteren Isolierung Irans. Die wirtschaftlichen Sanktionen, gerade im Energiebereich, hatten zudem einen gegenteiligen Effekt: Statt das Regime weiter unter Druck zu setzen, hat die Regierung sie dazu benutzt, schwierige innenpolitische Reformen durchzuführen, die der Regierung neue wirtschaftspolitische Freiräume verschafft haben. Wie schon so häufig in der Geschichte hatten also auch die Iran-Sanktionen eher kontraproduktive Wirkung.

Könnte das gar so weit gehen, dass sich die Bevölkerung sogar wieder ums Regime scharen könnte?

Präsident Machmud Achmadineschad ist nicht populär und wird im eigenen Land nur noch von einer Minderheit unterstützt. Aber es gibt einen starken Nationalismus in Iran, und wenn man das Gefühl hat, umzingelt zu werden, kann das einen Solidarisierungseffekt geben. Bei einem militärischen Angriff von Israel oder den USA wäre das vielleicht auch so, ähnlich wie bereits 1980 beim Angriff des Iraks.

Der Arabische Frühling konnte der grünen Protestbewegung gegen Achmadineschad von 2009 bisher keinen Auftrieb verleihen ...

Die grüne Bewegung wurde massiv unterdrückt. Doch im nächsten Jahr sind wieder Wahlen, und das Regime wird die Resultate wieder fälschen müssen – und riskiert dann erneute Unruhen, ein Teufelskreis.

Welche Rolle spielt eigentlich Irans grosser Rivale Saudi-Arabien? Streben die Saudis auch nach einer Atombombe?

Gegenwärtig nein, aber in Reaktion auf das iranische Atomprogramm haben die Saudis und andere arabische Staaten auch zivile Atomprogramme gestartet. Und wie gesagt sind da immer auch militärische Hintergedanken möglich. Die Saudis fühlen sich im Moment aber von den USA ausreichend geschützt.

Iran hat Angst vor einem israelischen Militärangriff. Israel vor der iranischen Atombombe. Könnte eine Atommacht Iran paradoxerweise für Stabilität sorgen, wie im Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion oder aktuell zwischen Indien und Pakistan?

Durchaus. Die gegenseitige nukleare Bewaffnung von Rivalen hat tatsächlich historisch langfristig zu einer Form der Entspannung geführt. Aber auf dem Weg dazu gab es immer auch ganz gefährliche Atomkrisen, etwa die Kubakrise 1962 oder die Kargil-Krise 1999 zwischen Indien und Pakistan.

Ist die Atombombe denn in Netanjahus Händen sicherer als in Achmadineschads?

Das ist eine sehr provokative Frage ... Es wird oft gesagt, dass ein Staat irrationaler sei als ein anderer. Man kann den vernünftigen Umgang mit Atomwaffen aber nicht vom Charakter des Regimes abhängig machen, das ist eine Fehlannahme. Auch ein autokratisches Regime wie die Sowjetunion hat durchaus verantwortungsvoll gehandelt mit der Atombombe. Und Iran hat sich in den letzten Jahren im Grunde als recht pragmatischer und rational handelnder Akteur bewiesen. Israel möchte aber natürlich die militärische Vormacht und einzige Atommacht im Nahen Osten bleiben.

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