USA
Die Biografie der First Family: So leben die Obamas im Weissen Haus

Die «New York Times»-Journalistin Jodi Kantor enthüllt das Privatleben des amerikanischen Präsidentenehepaars. Von der «First Family» wird jede einzelne Sekunde ihres Lebens dokumentiert – ein Ausschnitt.

Christian Nünlist
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Barack Obama telefoniert an Thanksgiving mit den Truppen Bilder: White House Flickr
12 Bilder
Die First Lady und die Küchenchefs des Weissen Hauses beim Gärtnern
Der Präsident besucht das Martin Luther King-Denkmal in Washington
Weltrekordhalter John Cassidy performt für die First Lady
Aktenstudium auf dem Weg nach Pittsburgh
Michelle Obama empfängt Gäste im Weissen Haus
Ein Sicherheitsangestellter des Weissen Hauses wird geehrt
Obama trifft sich mit Mitgliedern des nationalen Sicherheitsteams
Obama spricht mit seinem Staff, während er auf einen Besuch wartet
Auf dem Weg zu einem verwundeten Soldaten
Auch der mächtigste Mann muss mal abschalten: Präsident Obama in den Ferien
Intimer Einblick ins Weisse Haus: So leben Barack und Michelle Obama

Barack Obama telefoniert an Thanksgiving mit den Truppen Bilder: White House Flickr

Zur Verfügung gestellt

Das Leben von Barack Obama ist bis ins letzte Detail dokumentiert. Während «The Bridge» von David Remnick den Aufstieg des schwarzen Kennedy seziert, schrieb Jonathan Alter mit «The Promise» ein grandioses Buch über das erste Jahr seiner Präsidentschaft.

Trotzdem fasziniert das gestern erschienene Buch «Die Obamas» von Jodi Kantor. Denn die Journalistin der «New York Times» bearbeitet darin ein unbeackertes Feld. Sie ging der Frage nach: Wie sieht eigentlich der Alltag der Obamas im Weissen Haus aus? Wie leben der Präsident und die First Lady ihre Partnerschaft? Wie ziehen sie ihre beiden Töchter auf?

First Lady wollte in Chicago bleiben

Jodi Kantor recherchierte anderthalb Jahre lang die noch nicht erzählte Geschichte des Lebens von Michelle Obama im Weissen Haus – und gewann dabei auch neue Einsichten in die Amtszeit von Barack Obama.

Die Obamas hatten im Wahlkampf 2008 betont, sie seien ganz anders als andere Politiker. Sie gelobten, im Weissen Haus normal zu bleiben und die Hauptstadt zu verändern, ohne sich von ihr verändern zu lassen.

Michelle Obama, so enthüllt nun Kantor, tat sich insgeheim sehr schwer mit dem Umzug von Chicago nach Washington. Noch im November 2008 dachte sie laut guten Freunden ernsthaft darüber nach, mit ihren Töchtern bis Ende des Schuljahres in Chicago zu bleiben und erst danach zu ihrem Mann ins Weisse Haus zu ziehen.

Jodi Kantor

«Die Obamas – Ein öffentliches Leben»
Droemer, 2012
416 Seiten
Fr. 30.50
Erhältlich in allen grösseren Büchergeschäften

Barack Obama hingegen wollte seine Familie endlich bei sich haben. Er hatte noch nie dauerhaft mit seinen Töchtern unter demselben Dach gewohnt. Seit 1997 hatte er in Springfield, Illinois, und ab 2005 als Senator in Washington gelebt.

Im Wahlkampfjahr 2008 hatte er fast keine Nacht zu Hause in Chicago verbracht. Das Präsidentenamt würde ihn nun für all die Jahre der Trennung entschädigen.

Michelle Obama wankte, aber sie fiel nicht. Die Vorzeigefamilie, die stets glücklich in die Kameras lächelt, zog gemeinsam im Weissen Haus ein. Doch laut den Recherchen von Jodi Kantor war die First Lady im ersten Jahr in Washington oft frustriert und unglücklich. Sie litt mit, wenn ihr Mann politische Niederlagen erlitt. Sie war ungehalten, wenn die Präsidentenberater ihren Mann nicht besser berieten.

Der Präsident, so macht die Lektüre von «Die Obamas» klar, ist ein Kontrollfreak, der Mühe hat zu delegieren. Bereits 2006, noch als Senator, warnte er seinen späteren Wahlkampfmanager David Plouffe: «Ich könnte wahrscheinlich alles, was im Wahlkampf zu tun ist, besser als die Leute, die ich dafür einstelle.» Auch als Präsident fiel es ihm schwer, seinen Mitarbeitern zu vertrauen.

Zorn auf Präsidentenberater

Wichtige Reden wie die Grundsatzrede über Krieg und Frieden, die er in Oslo anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises hielt, schrieb er handschriftlich auf gelbem Papier auf dem Flug von Washington nach Europa.

Eine seiner besten – aber weitgehend unbekannten – Reden als Präsident hielt Obama am 1. Juli 2010 zu Immigration. Einen ersten Redeentwurf fand er zu wenig klar, zu wenig zündend.

Auch die neue Fassung seines Spin-Doctors David Axelrod gefiel ihm nicht, so-dass Obama die ganze Nacht damit zubrachte, sie selbst zu schreiben. Das Ergebnis war eine gravitätische Rede, von historischem Gewicht, weit ausholend und alle Gesichtspunkte der Debatte aufgreifend.

Michelle Obama war ausser sich: Wieso musste ihr Mann als Präsident der USA die ganze Nacht aufbleiben, um sich eine Rede selbst zu schreiben?

Nach Aussagen von mehreren Mitarbeitern, so schreibt Kantor, nahm die First Lady die Sache zum Anlass, ihrem Mann klipp und klar zu sagen, dass er ein neues Beraterteam brauchte. Die Spannungen zwischen Michelle Obama und den Chefberatern ihres Mannes ziehen sich wie ein roter Faden durch Kantors Buch.

Auch bei der Gesundheitsreform rieten alle West-Wing-Berater dem Präsidenten von dem unpopulären Projekt ab. Doch Obama setzte sein Wahlkampfversprechen um. Er war bereit, dafür den wohl höchsten politischen Preis zu bezahlen – seine Abwahl im Jahr 2012.

Laut Jodi Kantor war es dabei zentral, dass die First Lady ihren Präsidentengatten dabei als moralischer Kompass unterstützte. In abendlichen Gesprächen zu zweit auf dem Truman-Balkon ermutigte Michelle Obama ihren Mann, Unpopuläres zu tun und ihre gemeinsame Vision kühn zu vertreten.

Im Herbst 2010 sagte Barack Obama in einem Gespräch mit Bill Clinton in New York: «Ich bekomme zwar im Laufe des Tages jede Menge gute Ratschläge von den verschiedensten Leuten, aber abends ist es dann immer Michelle – ihre moralische Stimme, ihr moralischer Zeigefinger –, die all den Lärm in Washington durchdringt und mich daran erinnert, wofür ich in erster Linie da bin.»

Die wichtigste Ehe der Welt hielt stand, die Präsidentschaft schweisste die Obamas noch fester zusammen. 2012 treten sie an, um weitere vier Jahre im Weissen Haus zu erleben.