Deutschlandwahl
Der Mann auf dem Drahtseil: Warum jetzt alle auf Christian Lindner schauen

Der Chef der deutschen FDP hat seine Partei aufgerichtet und zu einem kaum für möglich gehaltenen Wahlerfolg geführt. Nun entscheidet er darüber, wer der nächste Kanzler wird.

Fabian Hock, Berlin
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Das Gesicht der deutschen FDP: Parteichef Christian Lindner will zuerst mit den Grünen sprechen, danach mit Laschet und Scholz.

Das Gesicht der deutschen FDP: Parteichef Christian Lindner will zuerst mit den Grünen sprechen, danach mit Laschet und Scholz.

Clemens Bilan / EPA

Ein unscheinbares Stadthaus im Berliner Regierungsviertel, zwischen Tierschutzbund WWF und dem Friedrichstadtpalast: Hier wird in diesem Jahr der Kanzler gemacht. Zu Hause ist hier die FDP. Die Partei von Christian Lindner hat nach dem Wahlkrimi vom Sonntag alle Trümpfe in der Hand. 11,5 Prozent haben die Liberalen geholt. Ohne sie läuft in Sachen Regierungsbildung nichts.

Die alles entscheidende Frage lautet: Kippt die FDP nach links und schmiedet mit Grünen und SPD eine «Ampel», oder zieht Lindner die Grünen mit zur Union für ein «Jamaika»-Bündnis?

Die Parteizentrale der FDP: Das Genscher-Haus in Berlin.

Die Parteizentrale der FDP: Das Genscher-Haus in Berlin.

fho

Auf der Suche nach einer Antwort rund um die FDP-Zentrale fällt der Blick zuerst auf das Haus gegenüber. Das Reisebüro «Boomerang Reisen» wirbt mit Trips nach Australien, in die Südsee und - aha: nach Amerika. Jamaika liegt gleich nebenan. Als Hinweis vielleicht aber doch etwas gar vage.

Das Reisebüro Boomerang gegenüber: Ein Hinweis darauf, wohin die Reise gehen könnte?

Das Reisebüro Boomerang gegenüber: Ein Hinweis darauf, wohin die Reise gehen könnte?

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Der Blick ins Innere verspricht Erhellenderes. Im FDP-Haus, das nach dem liberalen Übervater Hans-Dietrich Genscher benannt ist - seines Zeichens Minister unter einem SPD- und einem CDU-Kanzler - blicken alle auf Parteichef Lindner. Mal wieder. Der 42-Jährige gibt in diesen Minuten den Weg in Richtung Regierungsbeteiligung vor. In «Vorsondierungen» mit den Grünen wolle man gehen. Ausloten, ob mit der Baerbock-Partei ein «fortschrittliches Zentrum» gebildet werden könne. Danach sei man offen für Gespräche mit Armin Laschets CDU/CSU und der SPD von Olaf Scholz. Die Idee hinter dieser Taktik: Die Gespräche sollen nicht wieder im Fiasko enden wie vor vier Jahren.

Über die Grünen - aber vor allem auch über ihn führt er nun, der Weg ins Kanzleramt: Christian Lindner. Dass der in Verhandlungen nicht mit Platzpatronen schiesst, stellte er 2017 unter Beweis. Damals verliess Lindner die Verhandlungen mit der Union und den Grünen mit dem berühmt gewordenen Satz:

«Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren.»

Angela Merkels CDU war damals bereit, den Grünen sämtliche Wünsche zu erfüllen. Die FDP hätte kaum etwas nach ihrem Gusto durchsetzen können, so die Begründung. In der Öffentlichkeit wurde die FDP dafür regelrecht angefeindet. Spricht man mit FDP-Politikern jedoch über die Entscheidung, wird schnell klar: Die Partei stand und steht zu ihrem Chef.

So verhandelt der FDP-Vorsitzende

Marcel Klinge kennt Christian Lindner gut. Klinge stammt aus dem an die Schweiz grenzenden Wahlkreis Schwarzwald-Baar. Vier Jahre lang sass er für die FDP im Deutschen Bundestag. Trotz gutem Ergebnis am Sonntag (Platz 3 hinter CDU und SPD) verpasste er einen Wiedereinzug ins Parlament.

FDP-Politiker Marcel Klinge.

FDP-Politiker Marcel Klinge.

zvg

Über Christian Lindner spricht Klinge in den höchsten Tönen. Lindner habe im Wahlkampf den richtigen Ton getroffen, sagt der 40-Jährige. Er habe keine Fehler gemacht und sei trotz immer besser werdenden Umfragen nie überheblich geworden. «Er ist unser Gesicht», sagt Klinge über Lindner. Obwohl es viele forderten, habe er sich nie selbst zum Kanzlerkandidaten ausgerufen. Obwohl sich die FDP in den Wochen vor der Wahl täglich ein Stück weiter an die Grünen heranrobbte, hätte ihm das als Überheblichkeit ausgelegt werden können.

In Verhandlungen wie den nun anstehenden Sondierungen trete Lindner immer souverän und gut vorbereitet auf, so der FDP-Politiker aus Süddeutschland. Dabei gehe Lindner immer wertschätzend und verbindlich mit den Verhandlungspartnern um. Dass er schnell die Nerven verliere oder ähnliches habe er bei Lindner nie erlebt, sagt Klinge.

Regelmässige Reisen in die Schweiz

Sein entspanntes Auftreten hat er möglicherweise auch in der Schweiz gelernt. Mit Noch-FDP-Chefin Petra Gössi steht er im regelmässigen Austausch, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung vor drei Jahren sagte. Dieses Jahr im August reiste Lindner ins Tessin und nahm am traditionellen «Diner Républicain» des Publizisten Frank A. Meyer in Ascona teil. Ebenfalls mitten im Wahlkampf machte er einen Abstecher nach Zürich, wo er am Schweizerischen Institut für Auslandforschung einen Vortrag hielt. Vizepräsident des Instituts ist Lindners Parteifreund und Schweizer FDP-Fraktionschef Beat Walti.

Etwa zur selben Zeit setzte beim Lindner ein Wandel ein. Während er in den ersten Wahlkampfwochen noch klar an der Seite von Armin Laschet stand, machte er zuletzt immer deutlicher, dass die Tür für die Ampel durchaus offen sei.

Gesichtet auf dem Weg vom Genscher-Haus zum Kanzleramt: «Ampelmann Berlin». Übernimmt FDP-Chef Christian Lindner diese Rolle?

Gesichtet auf dem Weg vom Genscher-Haus zum Kanzleramt: «Ampelmann Berlin». Übernimmt FDP-Chef Christian Lindner diese Rolle?

fho

Rote Linien gibt es zwar: Steuererhöhungen sind mit den Liberalen nicht zu machen. Im Gespräch gibt sich Marcel Klinge allerdings zuversichtlich, dass SPD und Grüne diese nicht um jeden Preis durchsetzen wollen. Scholz, so Klinge weiter, sei der Wahlgewinner. Laschet dagegen habe nach der Wahlschlappe zunächst einmal harte interne Kämpfe auszufechten. Lindner als Finanzminister unter einem sozialdemokratischen Kanzler Olaf Scholz – die Konstellation ist nach diesem Wahltag durchaus denkbar.

Das Thema Steuern erledigt sich allerdings nicht von selbst. Daran wird Lindner jeden Tag bildlich erinnert, wenn er sich vom Genscher-Haus in Richtung Kanzleramt aufmacht. Auf halbem Weg kommt er nämlich an einer Uhr vorbei, die für Liberale einen besonderen Wert hat: Der Schuldenuhr vom Bund der Steuerzahler. Sie steht derzeit bei über 2,3 Billionen Euro. So hoch verschuldet ist der deutsche Staat. Macht für jeden Bürger: 26'577 Euro. Die Betrag steigt sekündlich. Für die FDP jetzt schon ein Graus. Zurückdrehen wird sich die Uhr mit den Grünen und der SPD kaum lassen.

Lindner wird einen Weg finden müssen, bei diesem Thema Kompromisse mit den Grünen zu finden, ohne liberale Grundwerte aufzugeben. Ein Drahtseilakt. Sein Verhandlungsgeschick war noch nie so gefragt wie in den nächsten Wochen.

An ihr muss Lindner vorbei: Die Schuldenuhr Deutschlands, auf halbem Weg von der FDP-Zentrale zum Kanzleramt.

An ihr muss Lindner vorbei: Die Schuldenuhr Deutschlands, auf halbem Weg von der FDP-Zentrale zum Kanzleramt.

fho

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