Deutschland
Merkel nach harzigem Impfstart: «Wunder werden jetzt nicht passieren»

Trotz nur langsam anlaufender Impfungen in Deutschland: Kanzlerin Merkel verteidigt die europäische Beschaffungsstrategie. Bis Ende Sommer könne sich jeder Bürger, der das will, impfen lassen.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Kanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder gestern Abend bei der Pressekonferenz in Berlin

Kanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder gestern Abend bei der Pressekonferenz in Berlin

Henning Schacht / EPA/1. Februar 2021

Fünf Stunden beriet am Montag die hochdotierte Runde, zusammengesetzt aus der Bundesregierung, den Länderchefs der Bundesländer, Vertretern der Pharmafirmen und der EU. Um halb acht Uhr abends trat eine sichtlich erschöpft wirkende Kanzlerin, flankiert vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, vor die Presse. Kernaussage des Trios: Der Impfstoff bleibt im ersten Quartal knapp.

Ab dem Frühjahr aber sollen die Impfungen in Deutschland Tempo aufnehmen. Merkel erneuerte ihr zuvor gemachtes Versprechen: Bis zum Ende des Sommers könne jedem erwachsenen Bürger im Land - also etwa 73 Millionen Menschen - ein Impfangebot gemacht werden. Dennoch sei Geduld gefragt: «Wunder werden jetzt nicht passieren», sagte Merkel.

Der Impfgipfel habe auch ein «Stück weit Realität» in die Debatte gebracht. Berlins Regierende Bürgermeister (SPD), derzeit Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz, fügte hinzu: «Man muss ehrlicherweise, Stand heute, sagen: Es wird im ersten Quartal knapp bleiben.»

Erst 2,5 Millionen Menschen geimpft

Der Impfgipfel von gestern wurde auf Drängen der SPD durchgeführt. Seit Wochen tobt in Deutschland ein Streit um den schleppenden Impfstart, die Sozialdemokraten machten zuletzt den amtierenden Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für die Impfmisere mitverantwortlich. Etwa 2,5 Millionen Menschen wurden in dem 83-Millionen-Land bislang geipmft, etwa 500'000 haben die Zweitimpfung erhalten. Immerhin: 70 Prozent der Pflegeheimbewohner sind inzwischen geimpft.

Doch die Euphorie über den rasch vorhandenen Impfstoff ist verflogen, die Bevölkerung ist zunehmend frustriert über den langsam anlaufenden Impfstart und die seit Monaten anhaltenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens.

Dabei stünde im Land die Infrastruktur für eine gigantische Impfkampagne und eine rasche Immunisierung der Bevölkerung seit Ende Dezember bereit, im ganzen Land verteilt wurden Impfzentren in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Doch in den Zentren herrscht wenig Betriebsamkeit, manche der Zentren wurden bislang noch gar nicht geöffnet.

Das System mit den Telefonhotlines, über welche die Impftermine vergeben werden, funktioniert mehr schlecht als recht. Manche Bundesländer warten derzeit damit zu, die gesamte zur Verfügung gestellte Impfmenge zu verimpfen, um - sollten weiterhin Lieferschwierigkeiten der Pharmafirmen bestehen - genügend Dosen für die notwendige Zweitimpfung bereit zu haben.

«Mehr Geld hätte auch nicht mehr Kapazitäten mit sich gebracht.»

Die Regierungschefs der Bundesländer fordern seit Wochen Klarheit über die in den nächsten Wochen und Monaten zu erwartenden Impfstoff-Lieferungen der Firmen Moderna, Biontech/Pfizer, Astra/Zeneca und möglicherweise von weiteren Herstellern.

Diese Klarheit konnte der gestrige Impfgipfel immerhin zum Teil schaffen: Im laufenden ersten Quartal bleibt es bei den in Aussicht gestellten 18,3 Millionen Impfdosen für Deutschland, mit denen etwas mehr als 9 Millionen Menschen geimpft werden können. Im zweiten Quartal kann das Land aber bereits mit mehr als 77 Millionen Dosen und im dritten Quartal gar mit über 120 Millionen Impfdosen verschiedener Hersteller rechnen.

Pünktlich zum gestrigen Impfgipfel teilte gestern zudem Biontech mit, in diesem Jahr zwei Milliarden Impfdosen herstellen zu können - 700 Millionen mehr als erwartet.

Merkel verteidigt europäischen Weg

Merkel verteidigte die Beschaffungspolitik der Europäischen Union. Der Weg sei langsamer gewesen im Vergleich zu den USA, Israel oder Grossbritannien, räumte die Kanzlerin ein. «Aber es gibt auch gute Gründe dafür, dass er langsamer war», sagte sie. Die Produktionskapazitäten für die Impfstoffhersteller seien in der EU knapper als in den USA.

Zudem habe die EU auf eine Notzulassung von Impfstoffen verzichtet, «aus guten Gründen, es geht hier nämlich auch um Vertrauen». Auch halte sich Deutschland an die von den Herstellern empfohlenen Abstände zwischen der ersten und der zweiten Impfung, anders als andere Staaten. Zeit gekostet hätten auch lange Verhandlungen über Haftungsfragen.

Nicht zuletzt, betonte Merkel, habe der Biontech-Vertreter in der Sitzung betont, dass die Geldfrage keine Rolle gespielt hatte, dass die EU also gewissermassen gar nicht viel mehr Möglichkeit gehabt hätte, rascher an den begehrten Impfstoff zu gelangen. «Mehr Geld hätte auch nicht mehr Kapazitäten mit sich gebracht», zitierte Merkel den Firmenvertreter.