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Laschet als Wadenbeisser, Scholz ist der Sieger: Fünf Erkenntnisse zum zweiten Kanzler-Triell

CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet ist unter Druck, seine Umfragewerte sind mies. Im Kanzler-Triell schaltet er auf Attacke - doch sein Widersacher lässt alles an sich abprallen. Fünf Erkenntnisse zur Kanzler-Frage.

Christoph Reichmuth
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Für Armin Laschet (rechts) ging es am Sonntagabend um viel.

Für Armin Laschet (rechts) ging es am Sonntagabend um viel.

Bild: Clemens Bilan / EPA

Ist Armin Laschet der Befreiungsschlag geglückt?

Nein. Der CDU-Kanzlerkandidat ist unter Druck, die Umfragewerte für die Union sind mies, sie ist laut jüngsten Umfragen fünf Prozentpunkte hinter den führenden Sozialdemokraten. Laschet musste also liefern im zweitletzten Kanzler-Triell am Sonntagabend. Gelungen ist ihm das nicht wirklich.

Der CDU-Chef versuchte seinen schärfsten Widersacher Olaf Scholz von der SPD mit angriffigen Voten in Bedrängnis zu bringen. Scholz war als Finanzminister der zuständige Minister während Finanzskandalen um den Finanzdienstleister Wirecard oder Steuerbetrügereien in Milliardenhöhe (CumEx-Skandal). Scholz liess die Attacken an sich abprallen, unterstellte Laschet seinerseits die Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten. Laschet präsentierte sich nicht immer sattelfest, konnte Repliken von Scholz nicht immer parieren.

Ob allerdings mit diesen für Laien eher schwer verständlichen Themen entscheidend punkten wird im Endspurt, ist mehr als fraglich. Auch im restlichen Verlauf der Debatte agierte Laschet als Wadenbeisser, eine Rolle, die dem eher gemütlichen und auf Ausgleich setzenden Rheinländer nicht so sehr behagt. Es wirkte bisweilen aufgesetzt. Zu Rente, Klimaschutz und Mieten-Problematiken zeigte er wenig neue Ansätze oder innovative Ideen für die Zukunft des Landes. Kritiker sehen sich nach dem Triell darin bestärkt, dass es mit ihm ein «Weiter-so» gibt.

Dass Laschet der Befreiungsschlag nicht geglückt ist, zeigte sich in einer Blitzumfrage der ARD unmittelbar nach der Sendung: 27 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer sehen Laschet als den Gewinner des Triells, 41 Prozent hingegen Olaf Scholz, 25 Prozent Annalena Baerbock. Die TV-Zuschauer halten darüber hinaus Scholz für deutlich kompetenter als Laschet.

Das Trio vor der gestrigen Sendung: SPD-Kandidat Olaf Scholz (SPD), die Grüne Annalena Baerbock und CDU-Chef Armin Laschet.

Das Trio vor der gestrigen Sendung: SPD-Kandidat Olaf Scholz (SPD), die Grüne Annalena Baerbock und CDU-Chef Armin Laschet.

Michael Kappeler / EPA/12. September

Hat die grüne Kandidatin wieder Chancen auf das Kanzleramt?

Das ist unwahrscheinlich. Das Triell war eigentlich eher ein Duell zwischen SPD-Kandidat Scholz und Unions-Spitzenkandidat Laschet. Die beiden werden das Kanzleramt ziemlich sicher untereinander ausmachen.

Während sich die beiden Spitzenpolitiker politisch zankten, stand Baerbock entspannt in der Mitte und beobachtete die beiden Streithähne. Gelegentlich grätschte sie den beiden Kandidaten in die Parade und forderte etwa mehr Verbindlichkeit bei Klimaschutz. Baerbocks neue Rolle: Sie ist die potentielle Junior-Partnerin sowohl von Scholz als auch von Laschet. Für welche Seite die 40-Jährige mehr Sympathien hegt, ist klar: Die Grünen würden am liebsten mit der SPD regieren.

Wie verhielt sich Scholz?

Scholz parierte sämtliche Attacken von Armin Laschet, unterstellte seinem Widersacher, mit falschen Vorwürfen zu operieren. Allerdings ging er auf die berechtigten Einwände des CDU-Kandidaten zu seiner Verantwortlichkeit in Finanzskandalen gar nie ein - vielmehr verstieg er sich in technisch klingenden Ausführungen, lobte sich und seine Arbeit als Minister. Verantwortung tragen für Skandale und Ungereimtheiten wollte er partout nicht.

Was war die bemerkenswerteste Aussage?

Die kam von der grünen Kandidatin Annalena Baerbock. Auf den Vorwurf Armin Laschets, die Grünen wollten ihre Politik mit Verboten zum Durchbruch verhelfen - etwa mit einem Verbot von Verbrennungsmotoren - meinte die 40-Jährige:

«Jedes Verbot ist auch ein Innovationstreiber.»

Das mag einen Teil der Wählerinnen und Wähler abschrecken. Doch mit der entwaffnenden Ehrlichkeit bewies Baerbock auch Stärke. Im Gegensatz zu Olaf Scholz, der auf Vorwürfe zu Finanzskandalen gar nicht einging, druckste die Grüne nicht herum.

Ist eine Vorentscheidung gefallen?

Nein. Olaf Scholz und seine SPD führen die Umfragewerte zwar seit Wochen an, die Union findet nicht aus dem Umfragetief heraus. Die Chancen, dass Olaf Scholz auf Kanzlerin Merkel ins Kanzleramt folgen wird, stehen also hoch. Doch auch Armin Laschet kann noch immer der nächste Kanzler werden.

Erstens müsste ein Gewinner Scholz zuerst eine stabile Regierung bilden können. Gelänge ihm das nicht, da etwa die FDP keine Lust auf gemeinsames Regieren mit Rot-Grün hat, könnte Armin Laschet zum Zug kommen, selbst wenn die Union nur auf dem zweiten Rang landet. Es könnte aber auch sein, dass viele Bürgerliche am Ende ihr Kreuz doch bei der CDU oder der CSU machen - um ein mögliches Bündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei zu verhindern.

Vor allem in Wirtschaftskreisen - traditionell Union und FDP am stärksten verbunden - wäre eine solche Regierung das das Horror-Szenario. Ebenso klar zeichnet sich ab, dass die Grünen als Juniorpartner in einer neuen Bundesregierung Platz nehmen dürften. Die Klimafrage beschäftigt die Bürgerinnen und Bürger stark. Annalena Baerbock hat im Triell bewiesen, dass die Grünen in dieser Frage ihre Kernkompetenz haben.

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