Deutschland
«Ende Winter wird jeder geimpft, genesen oder gestorben sein»: Jens Spahn's Schock-Aussage und ihre Folgen

Deutschlands Gesundheitsminister ruft mit einer stark verkürzten Botschaft zur Impfung auf. Was in der Schweiz für Empörung sorgt, stört in Deutschland wenige. Warum diese Differenz?

Christoph Reichmuth, Berlin
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Appelliert in eindringlichen Worten an die Ungeimpften, sich endlich piksen zu lassen: Der abtretende Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag in Berlin.

Appelliert in eindringlichen Worten an die Ungeimpften, sich endlich piksen zu lassen: Der abtretende Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag in Berlin.

Kay Nietfeld / dpa/22.11.2021

Eindringlicher und dramatischer hätten die Worte des deutschen Gesundheitsministers am Montag nicht sein können. Jens Spahn (CDU) sagte:

« Wahrscheinlich wird am Ende dieses Winters so ziemlich jeder in Deutschland geimpft, genesen oder gestorben sein.»

Spahns Absicht ist klar: Mit harten Appellen die Ungeimpften wachzurütteln. Die Impfquote verharrt in Deutschland trotz täglich steigenden Infektionszahlen bei unter 70 Prozent, die Intensivstationen kommen in einigen Regionen an ihre Belastungsgrenze. Die pointierte Botschaft ist angekommen: Kein Online-Portal, das das knackige Spahn-Zitat nicht prominent vermeldet hat.

Allerdings: Die Botschaft ist rasch verpufft. Am Dienstag wird die Spahn-Aussage schon kaum mehr diskutiert. Man stelle sich vor, ein Schweizer Bundesrat würde einen solchen Satz platzieren. Nicht nur die Freiheitstrychler würden vermutlich empört reagieren.

Spahn liegt mit seiner Aussage ja nicht daneben. Früher oder später kommt jeder Mensch mit dem Virus in Berührung, die Gesellschaft entwickelt eine Immunität gegen das Virus, sofern es nicht weiter mutiert. Die allermeisten werden überleben - sie gelten dann als genesen. Aber es wird auch zu tragischen Todesfällen kommen. Und die Chance, dass Ungeimpfte an dem Virus sterben, ist um ein Vielfaches höher als für Geimpfte.

Erzieherischer Charakter

Fast zwei Jahre Pandemie zeigen aber, dass es wenig hilfreich ist, mit dem Faktor Angst zu operieren. Die Furcht vor einer Gefahr durch ein unsichtbares Virus hilft womöglich in den ersten Wochen einer Krise. Wie im Frühjahr 2020. Die meisten hielten sich vorbildlich an den ersten Lockdown.

Doch in einer Krise, die Jahre dauert, braucht es mehr als furchteinflössende Appelle. Niedrige Impfangebote in Apotheken, in Arztpraxen, in Schulen, in Firmen oder an Unis zum Beispiel. Menschen, deren Muttersprache nicht deutsch ist, müssen über den Nutzen von Impfungen besser aufgeklärt werden. Und die Regierung muss dafür sorgen, dass das Gesundheitswesen für solche Pandemien gewappnet ist.

In Deutschland wurden im letzten Jahr Intensivbetten abgebaut. Und: Die Pflegekräfte müssen anständig entlöhnt werden, damit sich genügend Menschen für einen solchen Beruf entscheiden. Freilich: Auch heikle Massnahmen wie 2G - Zutritt nur für Geimpfte und Genesene - können die Impfbereitschaft erhöhen.

In Deutschland hat die Politik in der Krise oft furchteinflössende Szenarien skizziert. In der Rhetorik schwang oft ein erzieherischer Charakter mit. Geholfen hat es nur bedingt.

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