Deutschland
Tickets für Privilegierte: Nur noch mit Impfpass zu Elton John?

Ein Exklusivkonzert für Geimpfte? Eine Eventagentur rüstet sich für Tickets für Privilegierte. Deutsche Ethiker warnen vor Sonderrechten. Doch selbst die Kanzlerin stiftet Verwirrung.

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Da war Corona noch eine Biersorte: Elton John bei einem Auftritt vor vollen Rängen am Jazz-Festival Montreux im Juni 2019.

Da war Corona noch eine Biersorte: Elton John bei einem Auftritt vor vollen Rängen am Jazz-Festival Montreux im Juni 2019.

Valentin Flauraud / EPA/29. Juni 2019

Die Tickets für den Mega-Event vom 4. September in Berlin kosten, je nach Kategorie, zwischen 120 und 350 Euro. Elton John - Farewell Yellow Brick Road Tour 2021. Die Mercedes-Benz-Arena in Berlin wird ausverkauft sein. Das ist die Hoffnung der Fans und der Veranstaltungsbranche.

Doch wird der Superstar Elton John auch wirklich vor vollem Haus auftreten? Ein Blick auf die sinkenden Coronainfektionen in Deutschland nährt die Hoffnung, dass im Spätsommer der Spuk vorbei sein wird. Wären da nicht die Warnungen von Experten vor den Virusmutationen. Kommt hinzu, dass es mit den Impfungen nicht nur in Deutschland harzt. Im ersten Quartal bleibt der begehrte Stoff knapp. Maximal 12 Prozent der erwachsenen Deutschen können bis zum Frühjahr geimpft werden.

Merkel: «Der kann vielleicht bestimmte Dinge nicht machen»

Besonders leidtragende der Coronaeinschränkungen sind Konzert- und Partyveranstalter. Die Münchner CTS Eventim, Marktführerin in den Bereichen Ticketing und Live Entertainment, die auch Konzerttickets in der Schweiz vertreibt, plant mit Konzerttickets für Geimpfte: Das Unternehmen hat das elektronische Ticketing-System bereits so umgerüstet, dass dieses Impfausweise lesen kann.

Kanzlerin Angela Merkel mit Maske: «Impfung als Zugangsvoraussetzung».

Kanzlerin Angela Merkel mit Maske: «Impfung als Zugangsvoraussetzung».

Michael Sohn / AP

«Wenn es genug Impfstoff gibt und jeder sich impfen lassen kann, dann sollten privatwirtschaftliche Veranstalter auch die Möglichkeit haben, eine Impfung zur Zugangsvoraussetzung für Veranstaltungen zu machen», sagte der Vorstandsvorsitzende der CTS Eventim, Klaus-Peter Schulenberg, diese Woche in einem Interview mit der «Wirtschaftswoche».

Konzerte in der Partymetropole Berlin bald nur noch für geimpfte Musikliebhaber, ob Deutsche oder Touristen aus der Schweiz? Der Verfassungsrechtler Lars Viellechner sieht keinen Grund dafür, die Einschränkungen für Geimpfte länger als nötig aufrechtzuerhalten.

«Wenn klar ist, dass Geimpfte keinen anderen anstecken, und wenn jeder die Möglichkeit hatte, sich impfen zu lassen», sagte er diese Woche, «dann muss der Staat die Grundrechtseingriffe aufheben». Ähnlich sieht das der erste parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann: «Wenn von Geimpften keine Gefahr mehr ausgeht, dann gibt es auch keinen Grund mehr, ihre Freiheit einzuschränken», sagt er auf Anfrage.

«Dann muss man vielleicht schon solche Unterschiede machen und sagen: Ok, wer das nicht möchte, der kann vielleicht auch bestimmte Dinge nicht machen.»

Diese Woche sorgte auch Kanzlerin Angela Merkel für Verwirrung. Die CDU-Regierungschefin stellte sich stets gegen Privilegien für Geimpfte. In einem ARD-Interview am Dienstagabend klang dies allerdings nicht mehr so eindeutig. Sobald genügend Impfstoff vorhanden sei, um allen Bürgern ein Impfangebot zu machen - laut Merkel soll dies bis spätestens am 21. September 2021 der Fall sein - könnten Nicht-Geimpfte Einschränkungen hinnehmen müssen.

Wenn Menschen trotz des Angebots sagen würden, «ich möchte nicht geimpft werden, dann muss man vielleicht schon solche Unterschiede machen und sagen: Ok, wer das nicht möchte, der kann vielleicht auch bestimmte Dinge nicht machen».

«Private Anbieter sind prinzipiell frei»

Klar gegen Privilegien für Geimpfte stellt sich der deutsche Ethikrat - jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt. «Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verbietet sich die individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitsbeschränkungen schon deshalb, weil die Möglichkeit einer Weiterverbreitung des Virus durch Geimpfte nicht hinreichend sicher ausgeschlossen werden kann», sagte die Vorsitzende Alena Buyx gestern in Berlin.

Das Gremium empfiehlt, dass zuerst allen Bürgern die Möglichkeit zur Impfung gegeben werden müsse, bevor diese Frage neu diskutiert wird. Schwieriger sei die Situation bei Privatanbietern. «Anders als der Staat sind private Anbieter prinzipiell frei darin, mit wem sie einen Vertrag schliessen - sie können ihr Angebot auf Geimpfte begrenzen», bemerkte der stellvertretende Vorsitzende des Ethikrates, Volker Lipp.

Ein seltener Anblick: Kaum Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Die Stadt wünscht sich Touristen aus aller Welt zurück.

Ein seltener Anblick: Kaum Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Die Stadt wünscht sich Touristen aus aller Welt zurück.

Hayoung Jeon / EPA/
6. Januar 2021

Mit anderen Worten: Konzertveranstalter dürfen ihre Tickets nur an Geimpfte verkaufen, Restaurants dürfen die Regel erlassen, nur Geimpfte zu bedienen. Freilich erst dann, wenn die Regierung den Lockdown für alle Gastronomiebetriebe oder Konzertveranstalter aufgehoben hat.

Ein auf Geimpfte beschränktes Einlasskonzept würde Restaurants und Veranstalter also nicht früher aus dem Lockdwon verhelfen als dem Rest der Branche. Zudem müssen auch Geimpfte die allgemein geltenden Hygienemassnahmen weiterhin aufrechterhalten. Supermärkte oder Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel wären in ihrer Entscheidung allerdings nicht frei und dürften - auch wenn sie privat betrieben sind - keine Privilegien für Geimpfte erlassen.

Eventim-Chef Klaus-Peter Schulenberg hofft auf volle Ränge bei Elton John am 4. September. Möglicherweise ist bis dahin das Gros der Bevölkerung ohnehin geimpft - obwohl sich heute noch viele Menschen impfskeptisch geben: «Wenn man sieht, wie nun weltweit ohne relevante Nebenwirkungen geimpft wird», sagt er im Interview, «dann ist zu hoffen, dass diese Skepsis auch bald schwinden wird».