Deutschland
Armin Laschet: Der ramponierte Kanzler in spe

Der Machtkampf ist entschieden: Armin Laschet nimmt für die Union das Kanzleramt ins Visier. Doch der Streit mit CSU-Chef Söder hat Spuren hinterlassen. Ein Hindernis im Wahlkampf?

Christoph Reichmuth, Berlin
Drucken
Teilen
Hat sich gegen Widerstände der eigenen Basis durchgesetzt: CDU-Chef Armin Laschet will für die Union ins Kanzleramt.

Hat sich gegen Widerstände der eigenen Basis durchgesetzt: CDU-Chef Armin Laschet will für die Union ins Kanzleramt.

Markus Schreiber / AP/April 2021

Markus Söder lenkt ein. Der 54-jährige CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident trat am Mittwochmittag in München vor die Mikrophone: «Die Würfel sind gefallen», sagte er in einem kurzen Statement. Er dankte für die «überragende Unterstützung» auch aus der CDU und sicherte Armin Laschet, dem CDU-Chef und Kanzlerkandidaten, seine Unterstützung zu: «Wir werden ihn ohne Groll mit voller Kraft unterstützen».

Damit findet ein eineinhalb Wochen dauernder Machtkampf zwischen CSU-Chef Söder und CDU-Chef Laschet ein Ende. Laschet geht angeschlagen in den anstehenden Bundestagswahlkampf. Er muss für die Union das Kanzleramt verteidigen, das Zugpferd für die Union der vergangenen Jahre, Angela Merkel, tritt zurück. Laschet geht in die Wahlen in dem Wissen, dass er nur Kandidat ist, weil es das Parteigremium so entschieden hat - hätte die Basis das letzte Wort gehabt, hiesse der Kanzlerkandidat nun Markus Söder. Knapp 19 Prozent der Unionsanhänger sehen in dem 60-Jährigen den nächsten Kanzler, 72 Prozent wollten aber Markus Söder.

«Markus Söder war erkennbar
der Kandidat der Herzen.»

Selbst in der Nacht auf Mittwoch, als das CDU-Präsidium mehr als sechs Stunden lang über die Kandidatur Laschets debattiert hatte, drohte das Pendel kurzzeitig zugunsten Markus Söders umzuschlagen. Am Ende stellte sich der CDU-Vorstand mit einer Zweidrittel-Mehrheit hinter ihren Parteichef. Das Votum der Parteispitze hat den Machtkampf entschieden. Doch die Wunden werden so rasch nicht verheilen: Unzählige Abgeordnete in der Fraktion, etliche Bürgermeister und Kreisvorsitzende in den Kommunen fühlen sich beim Entscheid der Parteioberen gegen ihren Lieblingskandidaten Markus Söder übergangen.

Ein Kampf gegen die Traditionen

Söders Versuch, die CDU-Basis in den letzten Tagen gegen ihren eigenen Vorsitzenden aufzubringen, war beinahe erfolgreich. Der Kampf um die Kandidatur war auch ein Kampf um die seit Jahrzehnten geltenden Spielregeln bei der CDU, wenn es um Verteilung von Macht und Mitsprache geht. Söder kanzelte das CDU-Präsidium als «Hinterzimmer»-Gremium ab und wollte im Wissen um seine hohe Popularität die Basis in den Prozess miteinbeziehen.

Es ist knapp anders herausgekommen, als sich das Söder ausgemalt hatte. Noch einmal hat sich das Spitzengremium zusammengerauft, auch wegen des Machtworts der alten CDU-Garde rund um Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (78). CSU-Generalsekretär Markus Blume stichelte: Die «innerparteiliche Demokratie» der CDU habe anders entschieden, obwohl «Markus Söder erkennbar der Kandidat der Herzen» gewesen sei.

Laschet braucht auch die Hilfe der Natur

Vermutlich gab für Laschet die Loyalität der CDU-Spitzen den Ausschlag. Aber auch die Furcht vor dem Bild, das die Christdemokraten in der Öffentlichkeit abgeben hätten, hätten sie ihr Heil bei einem CSU-Repräsentanten gesucht. Es wäre einer Demontage Armin Laschets, erst seit Januar 2018 CDU-Chef, gleichgekommen. Laschet hätte sich kaum an der CDU-Spitze halten können, wäre seine eigene Partei von ihm selbst abgerückt.

Der ehemalige Europapolitiker Laschet muss nun das Kunststück fertig bringen, den Trümmerhaufen in der Union wieder aufzuräumen. Zugleich muss er die Sympathien der Menschen gewinnen, gerade auch der eigenen Parteibasis, die ihm skeptisch gewogen ist. Die Grünen sind der Union auf den Fersen, könnten mit ihrer Spitzenkandidatin Annalena Baerbock ins Kanzleramt einziehen, wenn die Union in der Gunst der Menschen weiter sinkt.

Zugleich sollte Laschet nicht unterschätzt werden: Der Jurist, einstige Journalist bei einer Kirchenzeitung und Vater dreier erwachsener Kinder galt stets als der zweite Sieger. Doch das Bild ist längst überholt, wohl lastet ihm dieses Image auch etwas wegen seiner zurückhaltenden, fast zu netten und auf Konsens setzenden Art an - anders als ein Markus Söder, der gerne das Bild des zupackenden Politikers gibt.

Die Basis wird sich nicht mehr überstimmen lassen

Laschet gewann für die CDU 2017 die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen gegen eine amtierende und äusserst beliebte SPD-Ministerpräsidentin. Er setzte sich auch gegen sämtliche Meinungsumfragen im Ringen um den CDU-Vorsitz gegen den «Liebling der Konservativen», Friedrich Merz, durch. Und auch jetzt behielt Laschet die Ruhe, stand das Gewitter, das sich über ihm zusammengebraut hatte, stoisch durch und hat nun auch den bayerischen Umfragekönig hinter sich gelassen.

Hat den Machtkampf gegen den CDU-Chef verloren: Markus Söder.

Hat den Machtkampf gegen den CDU-Chef verloren: Markus Söder.

Peter Kneffel / dpa-Pool

Der gläubige Laschet braucht aber auch die Hilfe der Natur: Bleibt Corona bis im Spätsommer eine belastende Plage für die Menschen, droht die Union von den Wählern für ihre Regierungsarbeit - langsames Impfen, holprige Coronoastrategie - abgestraft zu werden. Laschet wäre dann der Sündenbock. Und das Söder-Lager sähe sich bestätigt.

Sicher ist nach diesem Machtkampf: Die Entscheidungshoheit wird sich bei der Union verschieben. Die Basis wurde jetzt noch übergangen, das Parteigremium hat gesprochen. Beim nächsten Mal wird das kaum mehr funktionieren.

Aktuelle Nachrichten