Norditalien
Der Tod einer Bärenmutter wird zur Staatsaffäre

Rücktrittsforderungen, Boykottaufrufe und sogar Morddrohungen: Warum der Tod der Trentiner Bärin Daniza in Norditalien so heftige Emotionen und Reaktionen auslöst.

Dominik Straub, Rom
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Bärenmutter Daniza
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Daniza im Mai 2000
Daniza und zwei Junge im Jahr 2012 in der Region Trento
Daniza am 28. Juli 2014 mit einem ihrer 8-monate alten Jungen

Bärenmutter Daniza

Keystone

Der 38-jährige Gabriele M. ist inzwischen am Ende seiner Nerven: «Seit Wochen werde ich über das Internet belästigt, ständig klingelt das Telefon.» Sogar Morddrohungen hat er erhalten. «Man könnte meinen, ich sei es gewesen, der Daniza getötet hat. Dabei tut es mir selber leid, dass sie nun tot ist.» Gabriele M. ist der Pilzsammler, der am 15. August im Trentino bei der Ausübung seines Hobbys unvermittelt auf die 18-jährige Bärenmutter Daniza mit ihren beiden Jungen gestossen war – und damit unfreiwillig zum Auslöser des Bären-Dramas wurde, das Italien seit Wochen in Atem hält.

Daniza hatte den Pilzsammler angegriffen und verletzt – vier Wochen später war die Bärenmutter tot: In der Nacht auf vergangenen Donnerstag wurde sie von einem Spezialtrupp mit einem Betäubungsgewehr narkotisiert. Daniza, die nach dem Willen der Provinzregierung in Trient nur eingefangen und in ein Freigehege hätte gebracht werden sollen, überlebte die Narkose nicht.

Nachwuchs erst 9 Monate alt

Die Folge des Tods der Bärin war ein kollektiver Aufschrei, wie ihn Italien wegen des Todes eines Wildtieres noch nie erlebt hat. Vor dem Pantheon in Rom kam es zu einer spontanen Protestdemonstration gegen den «Bärenmord» im Trentino; Tierschutzverbände forderten Umweltminister Gian Luca Galletti und die gesamte Provinzregierung in Trient zum sofortigen Rücktritt auf. «Italien weint um Daniza», titelte «La Repubblica» am nächsten Tag. Die Römer Zeitung widmete dem Thema wie alle anderen grossen Zeitungen gleich mehrere Seiten.

Besonders emotional aufgeladen wurde der Tod der Bärenmutter wegen ihrer beiden Jungen, die nun alleine in der Wildnis zurechtkommen müssen. Die Jungbären sind erst neun Monate alt und etwa dreissig Kilo schwer – lebendige, niedliche Teddybären sozusagen. Ihnen gilt das Mitgefühl der ganzen Nation.

Wenn Daniza schon gefangen oder getötet werden sollte – dann hätte die Provinzregierung wenigstens den nächsten Frühling abwarten müssen, finden Zoologen und auch die nationale Forstpolizei: Bis zum Winterschlaf des Bärentrios hätte es nur noch zwei oder drei Monate gedauert, und nach dem Winter hätten die Kleinen bedeutend grössere Überlebenschancen gehabt ohne ihre Mutter.

Die Provinz Trient könnte Danizas Tod nun teuer zu stehen kommen: Militante Tierschützer haben zum Boykott des Trentinos und seiner Produkte aufgerufen: Die Konsumenten werden aufgefordert, in der Region weder Ferien zu machen noch die dort in grossen Mengen produzierten Äpfel zu kaufen. Gleichzeitig hat die nationale Forstpolizei gegen die Verantwortlichen der tödlich verlaufenen Bärenjagd eine Untersuchung wegen Tierquälerei und der ungerechtfertigten Tötung eines geschützten Wildtieres eingeleitet.

Daniza war ein «Problembär»

Die Regierung in Trient dagegen weist darauf hin, in der Causa Daniza exakt das Protokoll eingehalten zu haben, welches das nationale Institut für den Schutz und die Erforschung der Umwelt (Ispra) vorschreibt. Mit ihrem Angriff gegen den Pilzsammler und zahlreichen weiteren «Besuchen» in menschlichen Siedlungen habe sie ihre potenzielle Gefährlichkeit für den Menschen unter Beweis gestellt.

Energisch wehrt sich die Provinzregierung auch gegen den Vorwurf, den Tod der Bärenmutter gewollt oder zumindest in Kauf genommen zu haben: Das Narkosemittel sei vorsichtig dosiert gewesen. Die verwendete Menge sei für ein 80 Kilo schweres Tier berechnet gewesen. Daniza aber habe 106 Kilo gewogen. Die Bärin sei in ihrem Leben bereits fünfmal narkotisiert worden – das erste Mal im Jahr 2000, als sie in Slowenien gefangen und im Rahmen des zwei Jahre zuvor gestarteten, von der EU unterstützten Wiederansiedlungsprojekts «Life Ursus» im Nationalpark Adamello-Brenta ausgesetzt worden war.

Italien ist stolz auf das Trentiner Bärenprojekt und hat dafür von Fachleuten auch schon viel Lob erhalten. Im Trentino selber sind die Bären nach anfänglicher Skepsis von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert worden; weniger Freunde haben die grossen Raubtiere naturgemäss unter Landwirten, Sennen und Jägern. Inzwischen ist die Population auf mindestens 50 Exemplare angewachsen: Trotz intensiver Beobachtung ist es nicht möglich, alle Geburten zu erfassen.

Weitere 70 Bären leben in den Abruzzen, teilweise bloss 100 Kilometer von Rom entfernt. Auch diese Population hatte in den letzten Tagen einen Verlust zu verzeichnen: Nur 36 Stunden nach dem Tod Danizas fand ein Schüler an einem Wegrand in der Nähe der Stadt Sulmona den Kadaver eines Braunbären. Das Tier wird heute Montag obduziert; es besteht der starke Verdacht, dass es vergiftet worden ist.