«Sandy»
Der grosse Frust nach dem Supersturm «Sandy»

Der ökonomische Schaden des Herbststurms geht in die Milliarden, die betroffenen Staaten kämpfen immer noch mit den Folgen des Super-Sturms – jetzt sammeln US-Rocker Geld für die Opfer.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Taxis im Wasser der Flut
7 Bilder
Zerstörtes Auto in Manasquan, New Jersey
Pendler am Morgen auf der Brooklyn Bridge
U-Bahn-Station in New York
Diese Bilder wird es 2012 auf Verrazano Narrows Bridge nicht geben.
New York nach dem Sturm Sandy
Die Hudson River Marina in New York nach dem Sturm

Taxis im Wasser der Flut

Keystone

Als sich die Sturmwolken verzogen hatten, schien Atlantic City mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Obwohl «Sandy» mit voller Wucht auf die Küste des Bundesstaates New Jersey getroffen war, hielten sich die Schäden an den Kasinos, Restaurants und Nachtclubs im Glücksspielparadies in Grenzen. Wenige Tage später konnte sich das lokale Tourismusbüro bereits über die «sensationslüsternen Medien» beklagen, die in Live-Einschaltungen fälschlicherweise behauptet hatten, dass die legendäre hölzerne Uferpromenade von Atlantic City zerstört worden sei.

Sechs Wochen nach dem Herbst-Sturm zeigt sich nun: «Sandy» hat auch in Atlantic City ökonomische Verwüstungen angerichtet. Im November sank der Glücksspiel-Umsatz der zwölf behördlich bewilligten Kasinos auf 176,6 Millionen Dollar – ein Minus von fast 28 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat im Jahr 2011, wie der Staat New Jersey meldete. Analysten gehen davon aus, dass es noch Monate dauern wird, bis sich Atlantic City von diesem Rückschlag erholen werde.

Rachael Alhadads Haus auf Staten Island wurde überflutet, aber sie und ihre Katzen haben überlebt. key

Rachael Alhadads Haus auf Staten Island wurde überflutet, aber sie und ihre Katzen haben überlebt. key

Und bereits droht der nächste Schock: Das neuste Kasino – ein 2,4 Milliarden Dollar teures Hotelresort mit 1800 Zimmern und über 2000 Slotmaschinen – steht kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch. «Revel», im Frühjahr unter grossem Brimborium eröffnet, schreibt rote Zahlen und ächzt unter einer Schuldenlast von 1,3 Milliarden Dollar. Dabei hätte das Luxusprojekt den Neuanfang von Atlantic City markieren sollen, einer Stadt, deren beste Jahre drei Jahrzehnte zurück liegen.

Zerstörte Strandhäuser

Atlantic City ist kein Einzelfall. Die Küstenstaaten New Jersey und New York, in denen «Sandy» Ende Oktober/Anfang November rund 90 Menschen tötete, kämpfen immer noch mit den Folgen des Super-Sturms. Die Lokalbehörden schätzen die Kosten für die Aufräum- und Wiederherstellarbeiten allein in den zwei Staaten auf mehr als 80 Milliarden Dollar. Unabhängige Experten setzen die Schadensumme tiefer an, bei 50 bis 60 Milliarden Dollar. Diese gigantische Summe schliesst nicht nur Hunderte von zerstörten Strandhäusern und weggespülten Infrastrukturanlagen ein; sondern auch den Bau von Hochwasserschutzdämmen, die verhindern würden, dass weite Teile der Küste erneut überflutet werden.

Bereits haben die beiden Gouverneure Andrew Cuomo (New York, Demokrat) und Chris Christie (New Jersey, Republikaner) klargemacht, dass ihre Staaten diese Last nicht alleine tragen können; sie fordern Zuschüsse in zweistelliger Milliardenhöhe aus Washington. Die Regierung von Präsident Barack Obama hat einen Nachtragskredit von 60,4 Milliarden Dollar beim US-Parlament beantragt.

Obwohl das Geld für den Wiederaufbau also unterwegs ist, liegen entlang der Atlantikküste immer noch viele Nerven blank. Auf Long Island, vor den Toren der Millionenmetropole New York, überflutete «Sandy» mehr als 100000 Wohnhäuser. Vorsichtigen Schätzungen gemäss wurden 2000 Immobilien dauerhaft zerstört. Auch Wochen nach dem Sturm beherbergt die provisorische Notschlafstelle des Roten Kreuzes im Verwaltungsbezirk Nassau County deshalb 96 Menschen, wie die Lokalzeitung «Newsday» dieser Tage berichtete.

Und selbst wer «Sandy» unbeschadet überstand, musste tagelang auf Strom verzichten, trotz misslichem Wetter: Fast alle der 1,1 Millionen Haushalte im Einzugsbereich der Elektrizitätsgesellschaft LIPA waren tagelang im Dunkeln. 8000 Haushalte mussten länger als zwei Wochen warten, bis die Stromversorgung wiederhergestellt werden konnte.

10000 Jobs weg in Manhattan

Selbst in der Millionenmetropole New York dauern die Aufräumarbeiten an. Gerade im Finanzzentrum von Manhattan, rund um die Wall Street, sind die Schäden immer noch sichtbar. Lokale Politiker schätzen, dass «Sandy» in Lower Manhattan mehr als 3000 Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben habe; ausserdem sollen bis zu 10000 Arbeitsplätze verloren gegangen sein.

Besonders lästig für die technologieversessenen New Yorker: Das Internet- und Telefonnetz weist immer noch Mängel auf und funktioniert bloss unregelmässig. Angeblich soll es bis Mai 2013 dauern, bis sämtliche Reparaturen abgeschlossen sind. «Das ist einfach nicht akzeptabel», donnerte deshalb New Yorks Stadtpräsident Michael Bloomberg letzte Woche.

Schleppend verläuft der Wiederaufbau auch in den Aussenvierteln von New York City, die stark vom Sturm betroffen waren – in Rockaway, beim internationalen Flughafen John F. Kennedy, oder auf der Insel Staten Island. «Wir sind sehr frustriert», beklagte sich vor einigen Tagen ein Bewohner von Staten Island während einer Informationsveranstaltung. «Niemand kümmert sich um uns.»

Aktuelle Nachrichten