Gipfel in Singapur
Das Meisterstück von Kim Jong Un – oder ein Leitfaden für Diktatoren in 10 Schritten

Der Gipfel von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ist alles andere als ein Durchbruch, die Abschlusserklärung enthält so gut wie nichts Substanzielles. So lange keine ernsthaften Schritte folgen, ist das Ergebnis ein Propaganda-Erfolg für das Regime in Pjöngjang.

Fabian Hock
Fabian Hock
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Gipfel in Singapur: 7 Bilder
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Der historische Handschlag zwischen Trump und Kim    
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und US-Präsident Trump treten nach einem Vier-Augen-Gespräch vor die Medien.
Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur     
Donald Trump und Kim Jong Un unterzeichnen eine Vereinbarung.
Sie haben sich zu einer vollständigen Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel bekannt. Trump ist bereit, dem isolierten Staat Sicherheitsgarantien zu gewährleisten. Die beiden Politiker bekundeten auch ihren Willen, eine dauerhafte Friedensordnung für Korea zu schaffen.
Zum Abschluss: Nochmals ein Händedruck und ein Lächeln für die Medien.

Gipfel in Singapur: 7 Bilder

Evan Vucci

Kim Jong Un hat alles bekommen, was er wollte. Donald Trump indes nicht mehr als dieselben vagen Zusicherungen, die Nordkorea seit Jahrzehnten absondert. Trump hat es gekauft. Und Kim hat – ohne irgendetwas aufzugeben – die Bilder erhalten, die er wollte: Nordkoreas grosser Führer auf Augenhöhe mit dem Präsidenten der USA. Dass dem im Grossen und Ganzen substanzlosen Abkommen von Singapur gehaltvolle Schritte folgen, ist freilich nicht ausgeschlossen. Doch so lange das nicht geschieht, bleibt dieser Eindruck vom lange erwarteten Treffen: Der Gipfel von Singapur ist Kim Jong Uns Meisterstück.

Das Treffen mit Trump samt Abschlusserklärung ist aber noch mehr: eine Anleitung nämlich, die jedem weniger wichtigen Herrscher, Schurken und Diktator diese eine Frage beantwortet: Wie werde ich zu einer ernstzunehmenden Figur der Weltpolitik? Das Fundament legten Kims Vater und Grossvater mit ihrer Zielstrebigkeit. Heute früh in Singapur hat es Kim Jong Un vollendet.

Wie hat er das geschafft? Ein Leitfaden für angehende Diktatoren: in 10 Schritten zum Herrscher von Weltrang

Schritt eins: Baue eine Atombombe und dazu passende Langstreckenraketen.

Schritt zwei: Bleibe standhaft, auch wenn dein Volk hungert. Wie du mit den Menschen in deinem Land umgehst, spielt keine Rolle, denn wenn du erstmal im Besitz von Atomwaffen bist, sind Menschenrechtsverletzungen das Letzte, worauf du angesprochen wirst. Stecke also ruhig den kritischen Teil der Bevölkerung in Gulags.

Schritt drei: Schliesse Deals hinter dem Rücken der Weltgemeinschaft, sodass dich deine Nachbarn trotz internationaler Sanktionen mit dem Wichtigsten versorgen.

Schritt vier: Wenn du eisern geblieben bist, dann verfügst du jetzt über eine nukleare Abschreckung. Glückwunsch! Du bist fast am Ziel.

Schritt fünf: Jetzt wird es knifflig, denn beim letzten Schritt bist du auf Hilfe angewiesen. Um die Abschreckung komplett zu machen und gleichsam deinem Volk zu beweisen, dass es nicht umsonst Hunger leidet, sondern zu Recht immer an dich, grosser Führer, geglaubt hat, fehlt die internationale Anerkennung. Die USA sind das mächtigste Land der Welt. Wenn du mit denen auf Augenhöhe bist, dann bist du am Ziel. Hoffe also, dass du einen US-Präsidenten erwischst, der nicht nur egozentrisch und überheblich ist, sondern sich auch nicht sonderlich um Fakten und Geschichte schert. Einen, der zu Hause derart viele Probleme hat, dass er auf aussenpolitische Erfolge angewiesen ist. Einen, der sämtliche verbündete Demokratien ohne Not vor den Kopf stösst – und sich lieber mit Diktatoren zeigt. Einen wie Donald Trump. Unterbreite ihm ein Gesprächsangebot – er wird darauf eingehen.

Schritt sechs: Bleibe sensibel. Schreibe einen Brief und stecke ihn in ein übergrosses Couvert, falls nötig. Tue alles, dass er nicht kurzfristig abspringt.

Schritt sieben: Der Rest ist ein Heimspiel für dich. Mach es wie dein Vater und dein Grossvater vor dir: Versprich einfach, dass du abrüstet. Aber bleibe möglichst vage in der Formulierung. Nutze einen Begriff wie „Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel“. Bis die Gegenseite verstanden hat, dass das für dich etwas völlig anderes bedeutet wie für sie, hast du die schönen Bilder vom persönlichen Treffen längst im Sack.

Schritt acht: Freilich hältst du dich nicht an deine Versprechungen, aber was soll dir schon passieren? Du hast ja deine Atomwaffen. Gib die bloss nicht aus der Hand, egal was sie dir versprechen.

Schritt neun: Lächle für das Foto, das dich zu einem Herrscher von Weltrang erhebt.

Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur     

Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur     

Evan Vucci

Schritt zehn: Vollziehe Schritt eins bis neun so schnell wie möglich, denn die Hoffnungen, dass nach Trump ein ernstzunehmender Präsident ins Weisse Haus zu Washington einzieht, sind hoch. Und ein solcher würde sich wohl kaum ohne jegliche substanzielle Gegenleistung deinerseits für eine Krönungszeremonie wie in Singapur hergeben.

Impressionen aus Pyongyang, der Hauptstadt von Nordkorea, am Tag des Gipfels in Singapur. Männer stossen ihre Fahrräder über eine Strasse.
12 Bilder
Leute überqueren eine Strasse in der Hauptstadt Nordkoreas.
Leute warten an einer öV-Haltestelle.
Ein Velofahrer radelt an einem Bild der ehemaligen Führer des Landes, Kim Il-sung und Kim Jong Il, vorbei.
Ein Mann läuft unter einer Brücke durch.
Bewohner von Pyongyang an einer U-Bahn-Station.
Passanten laufen an Zeitungsbildern vorbei, die ihren Führer Kim Jong Un in Singapur zeigen.
Eine Kellnerin serviert einen Hamburger in einem beliebten Coffee Shop in Pyongyang.
Menschen in einem öffentlichen Bus.
Menschen schauen auf einen grossen Bildschirm.
Auf dem Bildschirm ist Kim Jong Un in Singapur zu sehen.

Impressionen aus Pyongyang, der Hauptstadt von Nordkorea, am Tag des Gipfels in Singapur. Männer stossen ihre Fahrräder über eine Strasse.

Dita Alangkara

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