USA
Das ist Amerikas «Sarah Palin für Arme»

Sie hat es wieder einmal geschafft: Michele Bachmann, 54-jährige Abgeordnete aus dem Bundesstaat Minnesota, war in der vorigen Woche das Thema Nummer eins in Washington.

Renzo Ruf, Washington
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Atemlos rapportierten die Politbeobachter, wie sich das republikanische Establishment indigniert über die erzkonservative Parlamentarierin äusserte und sie als unterbeleuchtete Parvenü oder «Sarah Palin für Arme» beschimpfte – dabei hatte Bachmann doch nur geschickt das grosse Medieninteresse an ihrer Person genutzt und am späten Dienstagsabend im nationalen Presseklub eine Replik auf die präsidiale Rede zur Lage der Nation gehalten.

Da es sich dabei nicht um die offizielle Antwort der Republikaner handelte – für diese hatten die Konservativen den eher spröden Paul Ryan aufgeboten –, brach umgehend ein grosses Tohuwabohu aus. Selbst John Boehner, der Anführer der Republikaner im Repräsentantenhaus, sah sich schliesslich gezwungen, Bachmanns Sololauf zu kommentieren. «Nein», sagte der Speaker, er habe sich die Rede nicht angeschaut. «Ich war anderweitig beschäftigt» – ein trockener Kommentar, der umgehend als Rüffel ausgelegt wurde.

Fünffache Mutter

Die Episode belegt geradezu exemplarisch, welche Probleme in den kommenden zwei Jahren auf die Republikaner zukommen. Bachmanns Ansprache zur Nation, live übertragen auf CNN, erfolgte nämlich im Namen der Tea Party. Die fünffache Mutter, die mit ihrem Mann zudem zwei Dutzend Pflegekinder aufzog, gilt als inoffizielles Washingtoner Aushängeschild der konservativen Bürgerbewegung – «inoffiziell» auch deshalb, weil der Tea Party eine Struktur fehlt und sich deshalb jeder sendungsbewusste Politiker zum Sprachrohr aufschwingen kann.

Das Kommunikationstalent Bachmann füllte dieses Vakuum geschickt: Im vergangenen Juli rief sie den «Tea Party Caucus» ins Leben, eine Interessengemeinschaft von Gleichgesinnten im Repräsentantenhaus. Dank dem Erfolg der Republikaner bei den Zwischenwahlen gehören der Gruppe nun über 50 Abgeordnete an, knapp ein Viertel der gesamten Fraktion im Repräsentantenhaus.

Nadelstiche gegen Obama

Bachmann vertritt ihren konservativen Wahlbezirk seit 2007 im Parlament und ist damit für Washingtoner Verhältnisse immer noch ein Neuling – auch das erklärt das Misstrauen, mit dem sie von Freund und Feind beäugt wird. Zudem scheint sie eine Abneigung gegen den parlamentarischen Betrieb zu haben: Sie hat sich weder durch die Ausarbeitung von Gesetzen noch durch eine besonders aufmerksame Präsenz während Anhörungen einen Namen gemacht.

Vielmehr brilliert Bachmann mit konstanten Nadelstichen gegen die Regierung von Präsident Barack Obama. Die Palette von aufrührerischen Stellungnahmen ist lang: Der Bewohner des Weissen Hauses vertrete «antiamerikanisches» Gedankengut, sagte sie, er stehe einer «verbrecherischen» Regierung vor und sie warf Obama gar vor, er plane die Internierung von Amerikanern, die seine Gesinnung nicht teilten. Weil sie damit den Nerv der Zeit traf, wurde sie rasch zum Sprachrohr der Tea-Party-Bewegung. Ihre Anhänger finden gar, sie sei die ideale Kandidatin für die Präsidentenwahl im Herbst 2012.

Ihre Gegner, gross an der Zahl, raufen sich derweil die Haare. Bachmann sei ein frömmelnder Schwachkopf, lautet die vorherrschende Meinung unter linken Amerikanern. Jüngstes Beispiel: Die Abgeordnete behauptete, dass es unter den Gründervätern der USA «unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Traditionen» gegeben habe und dass George Washington und Thomas Jefferson farbenblind gewesen seien. Die fast 700000 Sklaven, die bei der Volkszählung im Jahr 1790 ermittelt wurden, wären wohl anderer Meinung gewesen.

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