Terrorangriff in Pakistan
Darum töteten die Taliban unschuldige Kinder

Der brutale Taliban-Angriff auf eine von der Armee betriebene Schule in Peschawar in Pakistan hat eine neue Runde im Kampf gegen die Islamisten eingeläutet. Pakistan könnte noch mehr destabilisiert werden.

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Helfer tragen ein verletztes Mädchen Richtung Spital.

Helfer tragen ein verletztes Mädchen Richtung Spital.

Mohammad Sajjad/AP/Key

In zwei Wochen, am 31. Dezember, beendet die Nato nach 13 Jahren den Kampfeinsatz ihrer Internationalen Schutztruppe in Afghanistan. Doch die Sicherheitslage bleibt in der ganzen Region unverändert fragil. Das illustriert nicht nur das grauenhafte Massaker in einer Schule im nordwestpakistanischen Peschawar.

In Peshawar starben über 140 Menschen bei einem Taliban-Überfall auf eine Schule.

In Peshawar starben über 140 Menschen bei einem Taliban-Überfall auf eine Schule.

Keystone

Auch in Afghanistan sind die Taliban in den vergangenen Monaten wieder näher an die grossen Städte herangerückt. In der Hauptstadt Kabul verübten sie allein in den beiden letzten Novemberwochen zwölf Selbstmordattentate.

Bei den meisten Toten handelt es sich um Kinder und Jugendliche.
15 Bilder
Am selben Tag stieg die Zahl der Todesopfer auf über 130.
Die Trauer ist gross.
Taliban stürmen Militärschule in Pakistan
Diese Kinder werden in Sicherheit gebracht.
Die Schüler sind zwischen zehn und achtzehn Jahre alt.
Ein Soldat bringt einen Verwundeten Schüler weg.
Dutzende wurden verwundet.
Die Armee hat das Schulgelände umstellt
Die Armee hat das Schulgelände umstellt
Die Armee hat das Schulgelände umstellt
Die Armee hat das Schulgelände umstellt

Bei den meisten Toten handelt es sich um Kinder und Jugendliche.

Keystone

Im Gegensatz zu ihren Kampfgenossen in Afghanistan sind die pakistanischen Taliban seit dem vergangenen Sommer jedoch in die Defensive geraten. Mitte Juni hatte die pakistanische Armee eine gross angelegte Offensive auf die Rückzugsgebiete der Taliban an der Grenze zu Afghanistan gestartet. Dorthin waren die Taliban nach der Intervention des Westens im Jahr 2001 geflüchtet.

Gegenseitige Vorwürfe

Seither bezichtigten Afghanistan, die USA und die Nato Pakistan immer wieder eines doppelten Spiels: Die Regierung in Islamabad unterstütze zwar vordergründig die internationale Koalition gegen die Taliban. Zugleich biete sie aber den Islamisten sichere Zufluchtsorte.

Ein Vorwurf übrigens, den Pakistan umgekehrt auch an die Adresse Afghanistans richtete. Die pakistanische Armee stand zudem unter dem Verdacht, die Taliban heimlich zu unterstützen.

Umso bemerkenswerter war die pakistanische Militäroperation. Mehr noch: Erstmals gab es so etwas wie eine pakistanisch-afghanische Zusammenarbeit im Kampf gegen die Taliban, den die USA zudem mit Drohnenangriffen unterstützten.

Der Erfolg blieb nicht aus. Seit Beginn der Operation wurden gegen 500 Taliban-Kämpfer getötet, darunter auch Führungskräfte. So gelang es den pakistanischen Streitkräften unter anderem erst vor zehn Tagen, einen hochrangigen Kaida-Führer auszuschalten, der beschuldigt wurde, mehrere Attentate in den USA und in Grossbritannien geplant zu haben.

Feiger geht es nicht

Der barbarische Überfall auf die Schule in Peschawar war daher in erster Linie ein Versuch der Taliban, sich aus der Defensive zu befreien. Anders als im Fall der Friedensnobelpreisträgerin Malala zielte er nicht darauf, Knaben und vor allem Mädchen am Lernen zu hindern. Der Angriff galt einer von der Armee geführten Schule. Die Taliban töteten die wehrlosen und unschuldigen Kinder pakistanischer Soldaten und Offiziere, meinten aber das Militär – feiger geht es nicht.

Es liegt auf der Hand, dass die Armee nun Vergeltung üben und ihren Kampf gegen die Taliban noch verstärken wird. Pakistan droht eine Gewaltspirale und damit die weitere Destabilisierung. Daran können die USA kein Interesse haben.
Weshalb? Washington verfolgte am Hindukusch zwei Ziele: den Kampf gegen die Taliban und die Aufrechterhaltung des regionalen Gleichgewichts der Mächte.

Ausschlaggebend für die regionale Balance sind Pakistan und Indien. Beide Staaten sind Atommächte – und seit der Unabhängigkeit von Grossbritannien Erzfeinde. Wird Pakistan nun durch den Kampf gegen die Taliban weiter geschwächt – wovon nach dem gestrigen Tag auszugehen ist –, stärkt das die Stellung Indiens. Indien hätte dann quasi den Rücken frei und könnte sich auf seine Position im Indischen Ozean konzentrieren. Ein übermächtiges Indien kommt aber den Ansprüchen der USA in die Quere.

Die Bilanz ist negativ

Die Bilanz der amerikanischen Politik in Afghanistan und Pakistan fällt negativ aus: Der Kampf gegen die Islamisten ist gescheitert. Es ist den USA nicht gelungen – und wird ihnen auch nicht gelingen – die Taliban zu besiegen. Schlimmer noch: Pakistan und Afghanistan sind zu «failing states» geworden, das regionale Gleichgewicht ist gestört. Ähnlich wie im Irak hat Washington auch am Hindukusch so ziemlich alles falsch gemacht.