Coronamassnahmen
Aufstand am Tresen: Frankreichs Wirte rebellieren gegen den Lockdown

Sie halten das Nichtstun nicht mehr aus: Französische Restaurants und Bars bewirten ihre Stammkunden trotz Servierverbot. Und trotz happiger Bussen.

Stefan Brändle aus Paris
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Demonstration in Lille am Donnerstag, 4. Februar: Seite an Seite marschieren Studenten, Künstler und auch immer mehr Gastwirte, um gegen das Coronaregime aus Paris zu protestieren.

Demonstration in Lille am Donnerstag, 4. Februar: Seite an Seite marschieren Studenten, Künstler und auch immer mehr Gastwirte, um gegen das Coronaregime aus Paris zu protestieren.

Michel Spingler / AP

Stéphane Pinabel muss noch selber schmunzeln, wenn er erzählt, wie die Kunden beim Eintreffen der Polizei eiligst aus dem Fenster geklettert seien.

Abgesehen davon hat der gesellige Wirt mit dem imposanten Bizeps nichts mehr zu lachen. «Wir haben nicht nur unsere Arbeit verloren, sondern auch den Spass», sagt er mit bitterem Ton. Seit einem Jahr ist «Le Village», wie das einzige Café in Auvernaux heisst, covidbedingt geschlossen.

Hinter dem Tresen wirkt Pinabel wie verloren. Es ist sehr still. Keine Kaffeemaschine zischt, keine Kasse klimpert. Nicht einmal ein Kunde da, um über den Lauf der Welt zu schimpfen. Auch die Pferdewette «PMU» in der Ecke des Bistros ist ausser Betrieb.

Stéphane Pinabel hinter dem Tresen seines Cafés in Auvernaux.

Stéphane Pinabel hinter dem Tresen seines Cafés in Auvernaux.

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Der 49-jährige Wirt darf nur noch über die Strasse verkaufen - «à emporter», wie man das Takeaway in Frankreich nennt. Hier eine Flasche Wein, dort eine Portion «moules frites» (Muscheln mit Pommes), mehr nicht. Pinabel gibt sich Mühe, er hat sogar schon Kalbskopf zubereitet.

Aber die Kundschaft ist rar, hier im grünen Gürtel um Paris, 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. «Le Village» ist nicht nur das einzige Café, sondern das einzige Gewerbe im 300-Seelen-Ort. Ohne das Bistro ist Auvernaux tot.

Am Rande der Verzweiflung - und des Ruins

Wie dem «Village» geht es vielen Restaurants und Cafés in Frankreich. Corona bringt sie an den Rand des Ruins und der Verzweiflung. Das schleichende Beizensterben, das in Frankreich seit Jahrzehnten grassiert, droht sich in einen richtigen Aderlasse zu verwandeln: Laut Branchenschätzungen könnte nun ein Drittel der verbliebenen 25'000 Restaurationsbetriebe Konkurs machen.

In den Vogesen hat sich ein Wirt, Vater von drei Kindern, anfangs Januar das Leben genommen. Andere halten sich mit Antidepressiva über Wasser. Die Regierung unterstützt die Branche mit einem Solidarfonds. Bis zu 12'000 Euro gibt es pro Monat und Etablissement. «Aber wenn man das Doppelte an festen Auslagen hat, genügt auch das nicht», meint Pinabel.

Ende Januar hatte er genug vom Warten auf bessere Zeiten. Und er war nicht der einzige. In vielen Städten gingen die Wirte auf die Strasse, skandierten «Lasst uns arbeiten!» Zuvor hatte die Regierung ihren ursprünglichen Plan, die Gaststätten ab dem 20. Januar wieder zu öffnen, fallengelassen. Für viele Restaurants bedeutet das den Todesstoss.

20 Kunden - und die Gendarmerie

Einzelne Wirte begehren nun auf. Auch Pinabel lud zu Beginn des Monats Februar frühere Stammgäste ins «Village» ein -Fernfahrer, Maurer, Mechaniker, Rentner. Der Wirt sagt, er habe «wieder einmal fühlen wollen, wie es ist, wenn ein Kunde zu dir an den Tresen kommt und sagt, das Essen habe ihm gemundet».

Soweit kam es allerdings gar nicht. Nach den zwanzig Kunden, die an jenem Mittag im «Village» speisten, fuhren auch die Gendarmen vor. Stéphane Pinabel hatte gerade noch Zeit, seine Gäste zu warnen. Sie verliessen den Speisesaal über ein Fenster. Der Wirt kam er mehrere Stunden lang in Untersuchungshaft. Jetzt wartet er auf den Gerichtstermin.

Der Freizeit-Rugbyspieler hofft, dass es bei einer Busse bleibt. Pro Wirt setzt es bis zu 750 Euro ab. Zudem droht Wirtschaftsminister Bruno Le Maire mit dem einmonatigen Entzug des Solidarfonds-Geldes, wenn man das Bewirtungsverbot umgeht. Im Wiederholungsfall wird der Fonds ganz gestrichen. «Das kann ich mir nicht leisten», sagt Pinabel, der nun wohl oder übel zum Takeaway-Dienst zurückkehrt.

«Unsere eigenen Leute verstehen nicht, dass wir am Abgrund stehen»

Wütend ist der Wirt weniger auf die Regierung als auf den Branchenverband Umih, der sich selber gegen die «restaurants clandestins» (illegale Restaurants) ausgesprochen hat, also gegen jene, die wie «Le Village» Gäste bewirtet hatten. «Unsere eigenen Leute verstehen nicht, dass wir am Abgrund stehen», klagt Pinabel.

Die Polizei geht hart vor. Dass die Gastronomie zu Frankreich gehört wie der Eiffelturm zu Paris, ist ihr einerlei. Präsident Emmanuel Macron hat Weisung ausgegeben, keine Ausnahmen zu tolerieren. Vermutlich hat der Präsident Angst vor einer Revolte der «bistrotiers» (Bistrowirte), die sich rasch zu einem Volksaufstand mausern könnte.

Nicht nur hier auf dem Land, in Auvernaux, sondern bis ins Herz von Paris wüten die Kontrolleure: Auf der zentralen Seine-Insel Ile de la Cité erwischten sie in der Brasserie L’Annexe mehrere Richter des benachbarten Justizpalastes beim heimlichen Mittagessen.

Wenn sogar Gerichtsbeamte das Verbot missachten, dann spricht das Bände über die Sehnsucht der Franzosen, ihre angestammten Alltagsbereich wieder vorzufinden: das Bistro für den Morgenkaffee, die Quartierbeiz mit den rotweiss karierten Tischtüchern, das Sternerestaurant für besondere Anlässe oder, nach dem Theaterbesuch in Paris, die laute Brasserie um Mitternacht.

«Mitternacht?», flachst Pinabel mit Verweis auf die Sperrstunde, die Macron unlängst auf 18 Uhr vorverlegt hat: «Was ist das schon wieder?»

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