Corona
Schallmauer durchbrochen: 100'000 Covid-Tote in Italien

Als erstes EU-Land verzeichnet Italien in der Pandemie nun 100'000 Todesopfer. Und die Fallzahlen steigen wieder.

Dominik Straub aus Rom
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Italien: Warten auf die Impfung.

Italien: Warten auf die Impfung.

Bild: Getty (Caselle in Pittari, 5. März 2021)

Am Abend des 21. Februars 2020 war im Spital von Schiavonia in Norditalien Adriano Trevisan verstorben: Der 77-jährige Rentner aus Vo’ Euganeo in der Region Venetien war der erste Patient Italiens gewesen, der offiziell an einer Infektion mit dem Coronavirus verstorben ist.

Die Betonung auf «offiziell» ist wichtig: In Wahrheit waren in Italien schon vor Adriano Trevisan Dutzende, wenn nicht Hunderte andere Menschen an Covid-19 verstorben. Das Virus hatte sich in Norditalien unbemerkt schon während mindestens dreier Monate ausgebreitet – nur wusste das damals noch niemand, und deshalb wurden die Toten nicht getestet.

Niemand ahnte damals, was noch kommen sollte

Nach dem ersten Todesfall wurden Vo’ Euganeo und zahlreiche andere Gemeinden vollständig abgeriegelt, die Geschäfte und Schulen geschlossen, die Bewohner mit einem Ausgehverbot belegt. Man hoffte, mit diesen Massnahmen die Epidemie auf die wenigen damals bekannten, verhältnismässig kleinen Infektionsherde beschränken zu können. Das sollte sich schnell als Illusion erweisen – kurz darauf befand sich ganz Italien in einem harten Lockdown. Niemand – nicht einmal der grösste Pessimist – konnte damals ahnen, dass 380 Tage nach Trevisans Tod in Italien die Zahl der Covid-Toten die Marke von 100000 überschreiten würde, zum ersten Mal in einem EU-Mitgliedsstaat (in Grossbritannien liegt die Zahl der Covid-Toten mit 124000 noch höher – aber Grossbritannien ist nicht mehr Teil der EU).

Täglich sterben etwa 300 weitere Menschen

Und noch immer sterben in Italien täglich rund 300 Menschen an Covid. Das ist, als würde jeden Tag ein grosses, vollbesetztes Passagierflugzeug abstürzen. Gleichzeitig steigen die Fallzahlen erneut, und laut den Experten besteht die Gefahr, dass die Zahl der täglichen Toten – nach einer deutlichen Reduktion im Februar – in kürzester Zeit noch weiter steigen könnte, auf bis zu 500 täglich.

Sorgen bereiten den Behörden die Mutationen, insbesondere die hochansteckende englische Variante des Virus, die in Italien inzwischen für über 60 Prozent der täglichen Neuinfektionen verantwortlich ist. In einigen Städten und Regionen Norditaliens stossen die Covid-Abteilungen und Intensivstationen bereits wieder an ihre Belastungsgrenzen.

Italien steht vor dem gleichen Problem wie die meisten europäischen Staaten: Es mangelt auch hier am dringend benötigten Impfstoff. Zwar liegt Italien mit 5,5 Millionen Personen, die mindestens die erste Impfdosis erhalten haben, europaweit im vorderen Mittelfeld. Zwei Drittel aller Impfdosen wurden jedoch an «strategische» Berufsgruppen – vor allem medizinisches Personal und Lehrkräfte – verimpft, während in der Altersgruppe der über 80-Jährigen erst jeder Vierte immunisiert worden ist. Dies ist laut Epidemiologen ein Grund dafür, warum die Sterberate in Italien bis heute zu einer der höchsten der Welt zählt.

Draghi plant Ausdehnung der Ausgangssperre

Obwohl das jüngste Anti-Covid-Dekret erst vor drei Tagen in Kraft getreten ist, hat Ministerpräsident Mario Draghi erneut einen dringlichen Gesundheitsgipfel der zuständigen Ministerien einberufen, an welchem die Notwenigkeit neuer Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie erörtert werden sollte.

Beschlüsse sind noch nicht bekanntgegeben worden, aber laut Medienberichten erwägt die Regierung unter anderem die zeitliche Ausdehnung der bereits seit November 2020 im ganzen Land geltenden Ausgangssperre, die Einführung von strengen Lockdowns an den Wochenenden oder gar einen neuen, national geltenden dreiwöchigen Total-Lockdown, während dem die Impfkampagne vorangetrieben werden soll.