Tibet
Chinesen machen tibetischen Pilgerweg zur Shopping-Meile

Ein rund 800 Meter langer Pilgerweg führt zum berühmten Jokhang-Kloster in Lhasa, einem der wichtigsten Heiligtümer der tibetischen Buddhisten. Nun wollen chinesische Behörden diesen Pilgerweg zu einer Einkaufsmeile umgestalten.

Felix Lee, Peking
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Barkhor-Platz in Lhasa: Starbucks- und McDonald’s-Filialen statt alteingesessene Geschäfte?

Barkhor-Platz in Lhasa: Starbucks- und McDonald’s-Filialen statt alteingesessene Geschäfte?

Samuel Zuder/laif

Der Barkhor ist ein rund 800 Meter langer Pilgerweg, der umsäumt von vielen traditionellen Häusern um das berühmte Jokhang-Kloster in Lhasa führt. Jeder gläubige Buddhist sollte einmal im Leben zum Jokhang-Kloster pilgern. Es wird erzählt, dass sogar Exiltibeter im benachbarten Indien den beschwerlichen Weg nach Lhasa auf sich nehmen, um den Barkhor hochzulaufen. Nun wollen chinesische Behörden ihn zu einer Einkaufsmeile umgestalten.

«Lhasa steht vor einer beispiellosen Zerstörung für den Kommerz», schreibt Tsering Woeser. Die 47-jährige Tibeterin betreibt von Peking aus den Blog «Invisible Tibet». Sie hat unter anderem die Hintergründe und Schicksale der insgesamt inzwischen über 120 Tibeterinnen und Tibeter zusammengetragen und veröffentlicht, die sich in den vergangenen drei Jahren selbst verbrannt haben.

10 000 Mal angeklickt

Obwohl die chinesischen Zensurbehörden Woesers Einträge auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Sina-Weibo regelmässig löschen, haben Unterstützer ihren aktuellen Eintrag landesweit -zigfach weiterverbreitet; er ist mehrere zehntausend Mal angeklickt worden. «Lhasa ist nicht nur ein Touristenort», schreibt Woeser. «In der Stadt leben echte Menschen, und für viele ist die Stadt heilig.» Sie ruft um «Hilfe für Lhasa».

Die chinesischen Behörden bestätigen den Bau einer gigantischen Einkaufsstrasse entlang des Barkhor inmitten der historischen Altstadt von Lhasa. 150 000 Quadratmeter Ladenfläche seien geplant, zudem ein unterirdisches Parkhaus mit Platz für mehr als 1000 Autos. Zu mehr will sich die Behörde auf Anfrage nicht äussern. Man sei nicht befugt, mit der ausländischen Presse zu reden, heisst es.

Zählt zum Weltkulturerbe

Tibet-Organisationen weltweit zeigen sich bestürzt über den geplanten Umbau. «Unter dem Deckmantel der Modernisierung wird mit dem Bau des Einkaufszentrums der Kern der tibetischen Kultur zerstört», kritisiert Wolfgang Grader, Vorsitzender der Tibet-Initiative Deutschland.

Damit zeige die chinesische Regierung, dass sie weder Respekt vor der tibetischen Kultur noch vor der Entscheidung der Unesco habe. Das Jokhang-Kloster hatte die chinesische Führung 1981 selbst unter nationalen Denkmalschutz gestellt. Seit 1994 zählt das Kloster als Gesamtensemble mit dem nahe gelegenen Potala-Palast, dem einstigen Regierungssitz des Dalai Lama, zum Weltkulturerbe.

Anders als etwa in der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976, als Rotgardisten bewusst im ganzen Land alte Kulturgüter zerstörten, haben es Chinas Behörden heutzutage nicht auf eine gezielte Vernichtung tibetischer Heiligtümer abgesehen. In den Umbaumassnahmen und den Umwidmungen der alten Gebäude zu Geschäften sehen sie vielmehr die Möglichkeit, Tibetern und chinesischen Zugewanderten neue Einnahmequellen zu schaffen und den Tourismus anzukurbeln.

Auch im chinesischen Kernland lassen die Behörden historische Innenstädte abreissen und wieder neu aufbauen – mit dem Unterschied, dass statt der alteingesessenen Geschäfte und Lokale hinterher Starbucks- und McDonald’s-Fillialen oder andere Ableger von Grossketten einziehen.

Mehr als eine Million Besucher

Für die Tibeter in Lhasa sind ihre alten Stätten aber keine touristische Attraktionen, sondern sie nutzen sie seit den frühen 1980er-Jahren wieder für religiöse Zwecke. Vor allem der in den letzten Jahren massiv zunehmende chinesische Massentourismus macht den tibetischen Heiligtümern zu schaffen. Allein der Potala-Palast zählte 2012 mehr als eine Million Besucher. Dabei war der Einlass in das fast 400 Jahre alte Bauwerk einst auf unter 1000 Besucher pro Tag beschränkt.

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