Bundestagswahlen
Jubel bei der SPD: Olaf Scholz erhebt nach Wahlkrimi Anspruch auf das Kanzleramt

Olaf Scholz leitet aus dem Ergebnis den Auftrag zur Bildung einer Regierung ab. Doch dass der Genosse ins Kanzleramt einziehen wird, ist alles andere als sicher.

Christoph Reichmuth
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Zufriedenes Winken, aber keine siegesgewisse Jubelpose: Olaf Scholz gestern bei der SPD-Wahl-Party in Berlin.

Zufriedenes Winken, aber keine siegesgewisse Jubelpose: Olaf Scholz gestern bei der SPD-Wahl-Party in Berlin.

Wolfgang Kumm/Keystone

Minutenlanger Jubel, als Olaf Scholz lächelnd um kurz nach 19 Uhr die Bühne im Willy Brandt-Haus von Berlin, der SPD-Parteizentrale, betritt. Fast 25 Prozent holen die Genossen nach jüngsten Prognosen bei den Bundestagswahlen. Das ist ein Zugewinn von fast fünf Prozent im Vergleich zu den Wahlen vor vier Jahren. Es ist aber vor allem eine Trendwende. Die Sozialdemokraten, vor wenigen Monaten mit Werten um 15 Prozent für klinisch tot erklärt, haben ihren seit Jahren anhaltenden Abwärtstrend gestoppt - und sich womöglich knapp vor die Union aus CDU und CSU geschoben.

Die SPD hat sich vor allem dank ihres Spitzenkandidaten Scholz aufgerappelt. Der amtierende Finanzminister punktete im Wahlkampf mit seiner hohen Glaubwürdigkeit. Als Finanzminister strahlte Scholz mehr Kompetenz aus als Widersacher Armin Laschet oder die ohne Exekutiverfahrung angetretene Grüne Annalena Baerbock. Zudem wirkte die SPD geschlossener als etwa die Union, die Sozialdemokraten machten im Wahlkampf kaum Fehler. Viele Bürgerinnen und Bürger trauen dem erfahrenen Exekutivpolitiker zu, das Land durch die nächsten Jahre zu leiten.

Steiniger Weg ins Kanzleramt

Olaf Scholz leitet aus dem gestrigen Ergebnis den Auftrag ab, eine SPD-geführte Regierung zu bilden. Die Menschen hätten die SPD gewählt, weil sie wollen, dass es einen Wechsel in der Regierung gibt und auch, «weil sie wollen, dass der nächste Kanzler in diesem Land Olaf Scholz heisst.» Der amtierende Finanzminister weiss allerdings, dass sein Einzug ins Kanzleramt alles andere als sicher ist. Zu knapp fällt das gestrige Resultat aus - und zu ungewiss ist das Bündnis, das der 63-jährige nun schmieden muss, um das Land stabil zu regieren. «Das wird ein langer Wahlabend, das ist sicher», räumte Scholz ein.

In der so genannten "Elefanten-Runde" in der ARD mit den Spitzenkandidaten aller im Bundestag vertretenen Parteien wiederholte Scholz seinen Anspruch auf das Kanzleramt. «Das Votum ist sehr eindeutig, die Balken bei der SPD sind nach oben gegangen. Das ist eine ermutigende Botschaft und ein sehr klarer Auftrag, dass wir eine gute Regierung zustande bringen müssen», sagte er.

Der Norddeutsche dürfte versuchen, mit den knapp bei 15 Prozent der Stimmen liegenden Grünen eine Regierung zu bilden. Als dritten Partner bräuchte Scholz die erstarkte FDP um Parteichef Christian Lindner. Das von der Union im Vorfeld heraufbeschworene Gespenst einer sozialistisch angehauchten Regierung aus SPD, Linkspartei und Grünen ist hingegen verscheucht. Die Linke muss gar um den Einzug in den Bundestag zittern. Scholz, der Pragmatiker, hatte auch nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, mit der aussenpolitisch nicht verlässlichen Linken zusammenzuspannen. Hingegen kokettierte die linke Parteispitze und der SPD-Vize Kevin Kühnert offen mit einem solchen Bündnis. Kühnert freute sich nach ersten Hochrechnungen über die Wiederauferstehung der SPD. Der 32-Jährige twitterte:

«Die SPD ist wieder da!»

Das mögliche Scheitern der Linkspartei - zumindest aber deren Schwäche - erschwert Olaf Scholz die Ausgangslage in den nun anstehenden Sondierungsgesprächen, sollte er tatsächlich zum Zuge kommen. Kommt rot-rot-grün gar nicht auf eine Mehrheit - wonach es bis Redaktionsschluss aussah - stehen die Liberalen auch nicht derart unter Druck, aus staatspolitischer Räson einer Regierung mit SPD und Grünen zuzustimmen - um nicht mitverantwortlich für eine links-grüne Bundesregierung zu sein.

Die Liberalen ziehen aus ihrem gestrigen starken Ergebnis neues Selbstvertrauen. FDP-Chef Christian Lindner möchte künftig zwar gerne mitregieren, aber deutlich lieber mit der Union als mit der SPD. Lindner und Laschet koalieren schon in Nordrhein-Westfalen mit knapper Mehrheit recht erfolgreich. Die beiden liessen im Wahlkampf keine Zweifel offen, dass sie auch im Bund am liebsten zusammenregieren würden. Nicht ausgeschlossen also, dass Olaf Scholz gar keine Regierung zusammenkriegt, weil die FDP nicht mitzieht. Dann würde wohl der unterlegene Armin Lachet zum Merkel-Nachfolger, selbst, wenn es bei dem hauchdünnen Vorsprung für die SPD bleibt.

«Das ist schon ein grandioser Erfolg für die SPD», sagte auch Arbeitsminister Hubertus Heil.

«Ich bin verdammt stolz auf meine Sozialdemokraten.»

Allerdings weiss auch Heil, dass die Genossen noch einen weiten Weg hinlegen müssen, um tatsächlich ins Kanzleramt einziehen zu können: «Jetzt gucken wir mal, wie es am Ende herauskommt».

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