EU-Austritt
Briten gegen Franzosen: Nicht nur beim Fussball, sondern auch beim Brexit ein Klassiker

Das Freihandelsabkommen zwischen Grossbritannien und der EU ist praktisch unterschriftsreif – wenn da eine alte Rivalität nicht wäre.

Remo Hess aus Brüssel
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In Sachen Brexit Boris Johnsons härtester Widersacher: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

In Sachen Brexit Boris Johnsons härtester Widersacher: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

AP

Praktisch ohne Unterbruch verhandeln die EU und die Briten seit Tagen in London in einem unterirdischen Konferenzraum, den alle nur «die Höhle» nennen. Gelegentliche Pizzalieferungen sollen die Teams bei Kräften halten, die ihnen die anstrengenden 16-Stunden-Tage aussaugen. Der Zeitdruck ist enorm: Ende Dezember endet die Brexit-Übergangsfrist.

Schaffen es die Verhandler nicht, bis dahin ein neues Freihandelsabkommen zwischen der EU und Grossbritannien abzuschliessen, droht für beide Seiten grosser wirtschaftlicher Schaden. Mehr als 95 Prozent des Abkommens seien mittlerweile ausverhandelt, heisst es. Der Deal könnte jede Minute als besiegelt erklärt und den Chefs zur Unterschrift vorgelegt werden – oder endgültig abstürzen.

Lieber kein Deal, als ein schlechter Deal

Denn in der Schlussphase der Brexit-Gespräche geht es zum grossen Teil nur noch um hohe Politik. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron droht mit einem Veto, falls das Ergebnis nicht seinen Wünschen entspricht. Schon beim Abschluss des Brexit-Austrittsabkommen vor rund einem Jahr hat Macron den «Bad Cop» gegeben und den Ausgang der Verhandlungen bis zum äussersten offengelassen.

Was hier aufblitzt, scheint auch die Jahrhunderte alte Rivalität zwischen Frankreich und seinem grössten Konkurrenten, dem Nachbarn auf der nahen Insel zu sein. Es gibt einen Grund, weshalb die Franzosen 1963 den ersten EU-Beitrittsversuch der Briten blockiert haben.

Aber Frankreich ist nicht allein. Es war eine ganze Gruppe an EU-Staaten, die in einer Sitzung Mitte Woche in Brüssel den EU-Chefverhandler Michel Barnier, selbst ein Franzose, daran erinnerten, auf den letzten Metern dieses nun viereinhalb Jahre andauernden Marathons nicht einzuknicken. Einerseits geht es um die Fischerei-Rechte. Länder wie Frankreich, Belgien, die Niederlanden und Dänemark pochen darauf, auch nach dem Brexit Zugang zu den fischreichen britischen Gewässern zu haben.

Andererseits geht es um gleich lange Spiesse im gegenseitigen Wettbewerb, die vor allem für Staaten wichtig sind, die mit der britischen Wirtschaft eng verbandelt sind. Sie wollen verhindern, dass vor ihrer Haustüre ein Konkurrent entsteht, der seinen Unternehmen mit gezielten Subventionen und lascheren Produktionsstandards einen Vorteil verschafft.

Michel Barnier wurde ermahnt, keinesfalls die Grenzen seines abgesteckten Mandats zu verlassen. Falls eine Einigung unmöglich sei, ziehe man es vor, die Verhandlungen scheitern zu lassen und im Jahr 2021 einen neuen Versuch zu starten. Lieber kein Deal, als ein schlechter Deal, lautet das Credo.

Details könnten Macron und Johnson persönlich klären

Erwartet wird nun, dass die Verhandlungsteams auch das Wochenende in der «Höhle» in London verbringen müssen. Schon nächsten Donnerstag treffen sich die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel zu ihrem regulären Gipfeltreffen. Es ist die wahrscheinlich letzte Möglichkeit, das Brexit-Abkommen auf oberster Ebene absegnen zu lassen, damit bis Ende Jahr alle nötigen Ratifizierungs-Fristen eingehalten werden können.

Gut möglich, dass davor Premierminister Boris Johnson persönlich nochmals zum Telefon-Hörer muss. Im Zweifelsfall ruft er direkt Präsident Emmanuel Macron an, um die letzten Details zu klären. Das Endspiel Frankreich – England, es ist nicht nur bei der Fussball-WM ein Klassiker.