Front National
Bringt der neue Name Power? Frontisten wollen einen Neustart

Mit einem neuen Namen will Marine Le Pen ihre Partei mehrheitsfähig machen. Mit dem neuen Namen soll die Partei Wahlallianzen eingehen können. Die Probleme der Rechten Frankreichs löst der neue Namen aber nicht.

Stefan Brändle, Lille
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Tritt definitiv aus dem Schatten ihres Vaters: die zukünftige «Rassemblement National»-Chefin Marine Le Pen gestern am Parteikongress.

Tritt definitiv aus dem Schatten ihres Vaters: die zukünftige «Rassemblement National»-Chefin Marine Le Pen gestern am Parteikongress.

KEYSTONE

Ein ganzes Wochenende lang hielt Marine Le Pen den neuen Parteinamen zurück. Im Grand Palais von Lille, wo sich die Mitglieder des vormaligen «Front National» (FN) am Samstag und Sonntag zum Parteitag versammelt hatten, waren die Meinungen zu Marines Initiative geteilt.

«Ein neuer Parteiname auf meine alten Tage – bitte nicht!», seufzte eine Dame in Türkisblau. «Doch, wir müssen Marine helfen, ein neues Kapitel aufzuschlagen», entgegnete ihre Freundin in Zitronengelb.

In ihrer Schlussrede liess die Parteichefin dann die Katze aus dem Sack: «Ich schlage vor, den ‹Front National› in ‹Rassemblement National› (‹Nationale Sammlungsbewegung›) umzubenennen», sagte sie.

Ihre Partei sei von einer Protest- und Oppositionspartei zu einer Regierungspartei geworden und damit keine «Front» mehr, begründet Le Pen ihren Vorstoss, der noch von den FN-Mitgliedern abgesegnet werden muss. «Rassemblement National» soll nach dem Willen Le Pens auch Wahlallianzen mit anderen Parteien eingehen.

Bannon tritt in den Fettnapf

Diese Öffnung hin zu mehrheitsfähigen Allianzen brauchen die Frontisten dringend. Denn die Umfragen sind ungünstig: Nur noch 16 Prozent der Franzosen sind der Ansicht, Marine Le Pen gäbe eine gute Staatspräsidentin ab.

Die Idee des Namenswechsels kam am Stand der Front-National-Jugend in Lille gut an. Kevin, ein junger Parteigänger, erklärte, der alte Name erinnere zu sehr an Jean-Marie Le Pen.

Der 89-jährige Parteigründer, der immer wieder mit rassistischen Äusserungen von sich reden machten und den seine Tochter bereits aus der Partei geworfen hatte, verlor am Sonntag per Statutenänderung auch seinen Posten als Ehrenpräsident. «Das wäre geregelt», freute sich Ivanka von der FN-Jugend.

Die Vertreter der FN-Jugend wollen über alles reden – ausser über ihren Vizevorsitzenden Davy Rodriguez. Der bezeichnete den Wachmann einer Bar in Lille am Samstagabend als «Scheissneger», wie ein Handyvideo belegt.

Daraufhin wurde Rodriguez als FN-Mitglied «suspendiert». Zuvor hatte er wie alle Parteitagsbesucher der Rede von Steve Bannon gelauscht.

Der ehemalige Trump-Berater, der in Lille als Gastredner auftrat, bedeutete den französischen Frontisten: «Sollen sie euch als Rassisten, Fremdenfeinde oder Islamophobe bezeichnen – wir tragen das wie ein Ehrenmal auf unserer Brust.»

Den Mitgliedern des FN tat es sichtlich gut, vom Amerikaner zu hören, sie müssten sich ihrer Haltung nicht schämen, schliesslich seien sie Teil einer «erfolgreichen Weltbewegung».

«Die Geschichte ist auf unserer Seite», fügte Bannon an und erntet frenetischen Applaus. Marine Le Pen küsst ihn auf der Bühne, sichtlich froh über die amerikanische Schützenhilfe für ihre Partei, die seit den verlorenen Präsidentschaftswahlen von 2017 an sich selbst zweifelt.

Lesen Sie den Kommentar dazu:

Dabei ist der Rabauke Bannon kaum der ideale Mann, um Le Pens Bemühen um politische Mässigung zu unterstreichen.

An der Pressekonferenz wollten die Journalisten von Bannon wissen, warum denn Marine 2017 gegen Emmanuel Macron verloren habe, wenn doch die Nationalen weltweit im Vormarsch seien.

Bannon wusste keine rechte Antwort; dafür sang er ein Loblied auf Marion Maréchal-Le Pen, die kürzlich in den USA aufgetretene, in Lille aber abwesende Hauptkonkurrentin ihrer Tante.

Betreten lächelnd musste Marine Le Pen den Amerikaner vor laufenden Mikrofonen über den «Wettbewerb» zwischen ihr und ihrer Nichte aufklären.

Marion mit Grossvater und FN-Gründer Jean-Marie.
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Marion Le Pen und Tante Marine (Mitte) beim Händeschütteln mit Bewohnern von Avignon.
In der Partei ist «Marion» sehr beliebt, da sie – auch wirtschaftspolitisch – rechtere Positionen vertritt als die Parteichefin Marine Le Pen.
Mit ihrer Politik holt Marion Le Pen in den Stammlanden des FN in Südfrankreich viele Sympathien.
Marion Le Pen mit dem FN-Parlamentarier Gilbert Collard.
Spitzenkandidatin des Front National: Die Nichte von Jean-Marie le Pen Marion Le Pen.

Marion mit Grossvater und FN-Gründer Jean-Marie.

Keystone

Keine klare Linie

Mit dem neuen Namen und dem Ausschluss des einstigen Übervaters der Frontisten haben die französischen Nationalisten eine Neuorganisation gewagt. Vor dem Parteitag selbst standen die Zeichen dafür denkbar schlecht.

Nur gerade 52 Prozent der FN-Mitglieder sahen einen Namenswechsel als notwendig an, wie Le Pen zugeben musste. Sie selbst wurde mangels Gegenkandidat einstimmig als Parteivorsitzende wiedergewählt.

Doch ihre fast anderthalbstündige Parteitagsrede vermochte die 3000 Delegierten nicht aus den Sesseln zu reissen. Dafür sprach die FN-Chefin zu verhalten, zu unpolemisch bei ihrem Versuch, für breite Kreise als «wählbar» zu erscheinen.

Bei der eigenen Basis gewann sie damit keine Punkte. Marine Le Pen suchte in Lille vergeblich nach einer klaren Linie. Fündig ist sie an diesem Parteitag nicht geworden. Vielleicht auch, weil ihre politische Mässigung einfach nicht zu ihrem radikalen Kurs passen will.