Zentralafrika
Boten französische Soldaten afrikanischen Buben Essen für Analsex?

Soldaten der französischen Armee sollen in einem Flüchtlingslager der Zentralafrikanischen Republik Buben sexuell missbraucht haben. Das geht aus einem UNO-Bericht hervor. Sein Schicksal ist ein Lehrstück diplomatischer Vertuschungsversuche.

Stefan Brändle, Paris
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Sie hätten Frieden stiften sollen, doch ein unveröffentlichter UNO-Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen in Zentralafrika stationierte französische Soldaten.

Sie hätten Frieden stiften sollen, doch ein unveröffentlichter UNO-Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen in Zentralafrika stationierte französische Soldaten.

REUTERS

Die französische Armee wird ihrem Übernamen «die grosse Stumme» (la Grande Muette) wieder einmal gerecht: Mit betretenem Schweigen begegnet sie Vorwürfen, die schon mehr als ein Jahr alt und sehr gravierend sind: In einem Flüchtlingslager der Zentralafrikanischen Republik sollen französische, zu einem geringen Teil auch tschadische und guineische Soldaten im vergangenen Jahr 14 Minderjährige vergewaltigt haben. Die Knaben waren damals 9 bis 15 Jahre alt, in der Mehrheit wild lebende Waisen und damit ohne regelmässige Nahrung in dem Lager M’Poko beim Flughafen der Hauptstadt Bangui. Wachsoldaten boten ihnen Essbares – wenn sie sich zu Anal- und Oralsex hergaben.

Die Vorwürfe stehen in einem sechsseitigen, bisher unveröffentlichten UNO-Bericht mit dem Titel «Sexueller Kindsmissbrauch durch die internationalen Truppen». Sie basieren auf der Aussage der Opfer. Ein UNO- sowie ein Unicef-Mitarbeiter hatten sie persönlich und zum Teil im Beisein ihrer Eltern angehört. Die Schilderungen sollen sehr präzis sein und Körpermerkmale wie Tätowierungen, teilweise auch die Vornamen der beteiligten Soldaten nennen. Diese gehörten zur französisch geführten Truppenoperation Sangaris, die bis heute versucht, die bürgerkriegsähnlichen Wirren im Land zu beenden und die christlichen und muslimischen Milizen zu trennen.

Vertuschungsversuche scheiterten

Das Schicksal des UNO-Berichts ist ein Lehrstück diplomatischer Vertuschungsversuche. Da das interne, im Juli 2014 erstellte Papier ohne Folgen blieb, informierte ein schwedischer Direktor des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte (UNHCR) die französische Armee. Diese entsandte sofort drei Gendarmen nach Bangui. Einvernommen wurde aber kein einziger der Verdächtigen. Die Regierung in Bangui wurde nicht einmal informiert, und auch die Öffentlichkeit erfuhr von nichts. Bis die britische Zeitung «The Guardian» den ganzen Skandal in diesem April publik machte.

Erst jetzt brach die französische Regierung ihr Schweigen – um plötzlich ihre Entrüstung kundzutun: Wenn die Vorwürfe zuträfen, hätten die implizierten Soldaten «Verrat an Kameraden» und «Fahnenbeschmutzung» begangen, schimpfte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, und Präsident François Hollande versprach «schonungslose» Aufklärung. Seltsamerweise forderte Le Drian die Schuldigen auf, sich selber zu denunzieren – ohne die Einvernahme zumindest der drei namentlich bekannten Verdächtigen anzuordnen.

Einzelne Pariser Medien fragten zuerst, ob es nicht etwa um eine «enorme Manipulation» – so die Zeitschrift «l’Obs» – handle, um die französischen Truppen in Zentralafrika anzuschwärzen; auch «Le Monde» sprach von einem möglichen Komplott.

Nach dem ersten Schock verlangen nun aber viele französische Medien eine restlose Aufklärung. «Libération» prangert diese Woche die Druckversuche auf den Schweden Anders Kompass an, der den UNO-Bericht vor dem Versanden gerettet hatte. «Billets d’Afrique» schreibt in der neusten Ausgabe, die Vorfälle in Bangui dürften nicht versanden wie die Vergewaltigungsvorwürfe von Ruanderinnen gegen die französische Armee im Jahre 1994.

Antifranzösische Ressentiments

Vor Ort berichtet das Magazin Jeune Afrique über «zunehmende antifranzösische Ressentiments» in Folge der Missbrauchsmeldungen. «Le Parisien» machte im Lager M’Poko, wo noch Tausende von Obdachlosen leben, zwei neunjährige Opfer ausfindig. Einer der Buben sagte, er habe für Oralsex Biskuits und Bonbons erhalten. «Ich hatte Hunger, ich musste es tun», erzählte er. Die Jugendlichen erklären unisono, sie seien von den französischen Ermittlern noch nie einvernommen worden.

Zweifellos auch unter dem Druck der diversen Medienberichte hat die Staatsanwaltschaft in Paris ein offizielles Strafverfahren eröffnet. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon traut ihm aber offenbar nicht ganz: Er hat vergangene Woche ein unabhängiges Untersuchungsverfahren durch externe Ermittler in Auftrag gegeben.

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