Auszeichnung
Friedensnobelpreisträger hielt Anruf für Spam: Das Preisgeld will Dmitri Muratow nicht behalten

Seit 20 Jahren stellt sich Dmitri Muratow Putin in den Weg – mitten in Moskau. Die zweite Gewinnerin kämpft als Journalistin gegen die korrupte Regierung auf den Philippinen an.

Inna Hartwich, Moskau
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Zwei mutige Medienschaffende: die diesjährigen Friedensnobelpreisträger Maria Ressa und Dmitri Muratow.

Zwei mutige Medienschaffende: die diesjährigen Friedensnobelpreisträger Maria Ressa und Dmitri Muratow.

EPA

Dmitri Muratow hatte noch mit Anna Politkowskaja gestritten, hatte ihr verboten, wieder nach Tschetschenien zu reisen, sich noch einmal dieser Gefahr auszuliefern. Doch sie fuhr hin, und kurz darauf wurde sie in ihrem Haus in Moskau erschossen, weil sie als Journalistin einfach nicht wegschauen wollte. Dmitri Muratow, Chefredaktor bei der «Nowaja Gaseta», musste er auf der Redaktion ihren Tod verkünden. Insgesamt sechs Mal musste er das als Chefredaktor tun. Seine Mitarbeitenden wurden getötet, weil sie ihrer journalistischen Arbeit nachgegangen waren. Er selber hat sich davon nie einschüchtern lassen.

Als der 59-Jährige vor Kurzem einen Anruf vom Nobel-Komitee in Norwegen erhalten hat, habe er den Anruf erst einmal weggedrückt. Er habe die Nummer für einen Spam-Anruf gehalten. Den Preis will er russischen Journalistinnen und Journalisten widmen. Er sagte:

«Wir werden mit dem Preis all jenen helfen, die Repressionen unterworfen sind, die der Staat drangsaliert und ins Exil treibt.»

Der Preis sei «der Verdienst all jener Journalistinnen und Journalisten, die für die Pressefreiheit starben.» Auch der Kreml gratuliert. «Muratow ist talentiert und mutig», heisst es in einem kurzem Statement.

Seine Redaktion kennt nur eine Regel: Sie spricht nicht über Angst

Muratow und sein Team stehen wie kaum jemand anderes im Land für eine kritische, unerschrockene, unbequeme Berichterstattung. Die Zeitung gehört zu 51 Prozent dem Redaktionskollektiv, weitere zehn Prozent hält der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, den Rest der Ex-Duma-Abgeordnete Alexander Lebedew.

Muratow lässt seine Leute gewähren, er gibt ihnen die Zeit, die sie für einen Text brauchen. Denn er weiss: Die Themen, mit denen sich seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen – Folter, Konflikte, Korruption, organisierte Kriminalität, Tod – können auch in die Enge treiben, können für Schreibblockaden sorgen, für Tränen. Muratow hört stets zu. Es gibt nur eine Regel: Über Angst spricht niemand bei der «Nowaja». Egal, was ist. «Wir machen weiter», sagen sie dann und machen weiter.

Viele Kolleginnen haben den Job nicht überlebt: Nobelpreisträger Dmitri Muratow.

Viele Kolleginnen haben den Job nicht überlebt: Nobelpreisträger Dmitri Muratow.

Muratow wurde in den 1980er Jahren Journalist, weil er «einfach gratis zu den Fussballspielen gehen» wollte. Er studierte klassische Philologie im heutigen Samara an der Wolga und fing bei der «Komsomolskaja Prawda» an, früher das Blatt des sowjetischen Jugendverbandes, heute eine Boulevardzeitung. 1992 folgte der Bruch. Mit sieben Kollegen gründete er die «Neue Tageszeitung», die heute nur noch «Neue Zeitung» («Nowaja Gaseta») heisst. Seit 1995 ist er ihr Chefredakteur. «Wir sind eine Zeitung, die den Menschen dient, nicht der Staatsmacht», sagt Muratow.

Sie gerät sich regelmässig mit Präsident Duterte in die Haare

Die zweite Friedensnobelpreisträgerin dieses Jahr heisst Maria Ressa. Die in Manila geborene und in den USA aufgewachsene Journalistin hat 2012 das regierungskritische Onlineportal «Rappler» mitgegründet. Dort werde unter anderem dokumentiert, «wie soziale Medien genutzt werden, um Fake News zu verbreiten, Gegner zu verfolgen und den öffentlichen Diskurs zu manipulieren», würdigte das Nobelkomitee in Oslo.

Zuvor hatte die 58-jährige Ressa die CNN-Büros zunächst in Manila und dann in der indonesischen Hauptstadt Jakarta geleitet. Als Chefredakteurin von Rappler ist Ressa immer wieder mit dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte aneinandergeraten.

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