Attila Hildmann
Die gefährliche Radikalisierung des einstigen «Vegan-Königs»

Er verkaufte seine Vegan-Kochbücher hunderttausendfach. Nun ist Kochbuch-Autor und ehemaliger TV-Liebling Attila Hildmann auf der Flucht vor der Polizei. Gesucht wegen Volksverhetzung.

Christoph Reichmuth
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Berlin: Vegan-Koch Attila Hildmann spricht vor der russischen Botschaft in Unter den Linden bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen.

Berlin: Vegan-Koch Attila Hildmann spricht vor der russischen Botschaft in Unter den Linden bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen.

Keystone

«Vegan for Fun» oder «Vegan for Fit» heissen seine veganen Kochbücher, die sich über eine Million Mal verkauften und Attila Hildmann zum «Jamie Oliver der veganen Küche» machten, wie eine Zeitung vor wenigen Jahren einmal anerkennend bemerkte. Die Bücher, heiss begehrt bei Vegan-Fans auch in der Schweiz, beinhalten Hildmanns Versprechen, durch Sport und vegane Ernährung in nur 30 Tagen zu einem gesunden Körper zu finden. Er kreierte höchst erfolgreich Rezepte für «Quinoa-Buletten» oder «Pilz-Mandel-Lasagne».

Bald schon konnte Hildmann - in jungen Jahren selbst übergewichtig und heute sportlich-fit - nach einem abgebrochenen Physik-Studium von den Erlösen seiner Bücher und seiner veganen Energy-Drinks fürstlich leben. Durch Berlin kurvte der selbstbewusste Sportler und gern gesehene Gast in TV-Kochsendungen in einem schnittigen Porsche, am Rande Berlins bezog er ein schickes Eigenheim.

Der Stern des Kochbuch-Starautors ist heute verglüht. Sein Buchverlag hat sich von ihm getrennt, Drogeriemärkte verbannten Hildmann-Produkte aus ihrem Sortiment, frühere Stammkunden machen einen Bogen um Hildmanns Restaurant in Westberlin, das während Corona Speisen zum Mitnehmen anbietet. Der 39-Jährige wird wegen Anstiftung zu Straftaten und Volksverhetzung per Haftbefehl gesucht. Der in Berlin in einer Adoptivfamilie aufgewachsene Hildmann soll sich laut jüngsten Berichten in jenes Land abgesetzt haben, in dem er seine Wurzeln hat: In die Türkei.

Hildmann fordert Todesstrafe für Grünen-Politiker

Hildmann ist der wohl prominenteste Wortführer radikaler Coronaleugner in Deutschland. Seine sozialen Netzwerke wie Instagram oder Facebook wurden wegen Hassbotschaften gesperrt, inzwischen wendet sich der rechtsextreme und antisemitische Vegan-Koch vor allem über seinen Telegram-Kanal mit kruden Verschwörungsmythen, Hetze gegen Juden und Aufrufen zu Straftaten an seine mehr als 114000 Follower. Die Coronamassnahmen der Regierung in der «Judenrepublik» Deutschland bezeichnet er als einen «politischen Staatsstreich» von «Freimaurern, Illuminate und Kommunisten», Hitler sei im Vergleich zu Merkel ein «Segen» für das Land gewesen, Deutschland ist für ihn ein «Mao-Merkel BRD-Gulag». Die Kanzlerin begehe Hochverrat an der deutschen Bevölkerung.

«Wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen.»

Welche Strafe er für Hochverräter für angemessen hält, offenbarte er an einer Manifestation von Gleichgesinnten im Sommer in Berlin. Dem homosexuellen ehemaligen Grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck wünschte Hildmann in einer öffentlichen Rede den Tod. «Wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck wieder einführen, indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz». Seine Anhänger quittierten den widerlichen Aufruf mit Applaus. In Filmchen posiert Hildmann mit Sturmgewehr vor einer Reichsflagge und sagt Sätze wie diesen: «Ich bin bereit, für dieses Land zu sterben».

Strengere Regeln für Telegram-Kanal

So krude Hildmanns Auslassungen sind, es sind nicht einfach Worte eines Spinners, die ignoriert werden können. Hassbotschaften können gefährliche Folgen haben, das zeigte der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke 2019 durch Rechtsradikale auf tragische Weise. Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, ist über die Radikalisierung Hildmanns besorgt. Der Vegan-Koch müsse «mit rechtsstaatlichen Mitteln» konsequent verfolgt werden. «Menschen, die eine gewisse gesellschaftliche Prominenz erreicht haben, haben nach meinem Verständnis auch die Verantwortung, für die Werte unserer freiheitlichen Gesellschaft einzutreten», sagte Klein. Es sei für einen Rechtsstaat nicht tolerierbar, wenn Hildmann seine Reichweite dazu nutze, volksverhetzende Äusserungen und Drohungen unter die Menschen zu bringen, «die sich gegen die Werte unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung richten». Klein fordert, dass auch Messenger-Diensten wie Telegram der Verpflichtung unterstellt werden, strafrechtlich relevante Beiträge wie Morddrohungen oder volksverhetzende Inhalte «künftig zu melden».

Hildmann bezeichnete noch kurz vor seinem Untertauchen die Corona-Impfungen als «Merkels Giftspritzen». Wie grössenwahnsinnig der gebürtige Berliner inzwischen geworden ist, offenbaren seine Umsturzfantasien. Erst vor wenigen Wochen sagte er dem «Spiegel»: «Ich werde mir in Deutschland die Macht holen». Es ist die Fantasie eines gefährlichen Hetzers.